Kapitel 20

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Als ich die Tür öffnete und in den Flur trat, fielen mir sofort die Koffer auf, die dort standen. Verwirrt betrachtete ich sie. Meine Mutter hatte mir nichts von einer Reise oder einem Besuch angekündigt. "Mamá?" rief ich und wartete auf eine Antwort. Meine Mutter trat aus dem Wohnzimmer, ihre Handtasche unter dem Arm. "Ich fliege heute Abend nach London", sagte sie knapp. "Nach London?" wiederholte ich überrascht. Ich konnte mich nicht erinnern, dass sie mir davon erzählt hatte. 

Sie nickte, ihre Miene blieb unverändert. "Ja, es ist etwas früher als ursprünglich geplant. Aber Richard und ich sind uns einig, dass es besser so ist. Die Konkurrenz schläft nicht."

Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. "Für wie lange?"-"Ich weiß es nicht genau. Es könnte eine Weile dauern, ich hoffe aber, dass ich in spätestens einer Woche wieder da bin. Es tut mir leid, Camila." Ich schluckte schwer, ihre Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Unsere Beziehung war ohnehin seit langem angespannt, aber die letzten Tage hatten mir Hoffnung auf Veränderung gegeben. Jetzt fühlte ich mich plötzlich überrollt und allein. Die plötzliche Ankündigung ihrer Abreise traf mich unerwartet. "Es ist in Ordnung, Mamá", antwortete ich, obwohl ich innerlich mit einem Gefühl der Verlassenheit kämpfte. 

"Wo ist Papá?", fragte ich plötzlich, unfähig, die bohrende Ungewissheit länger auszuhalten. Sie hielt inne und sah mich an, Bedauern in ihren Augen. 

"Er ist heute Morgen abgereist." 

"Was?" Meine Stimme zitterte. "Ohne sich zu verabschieden?" Mein Herz zog sich zusammen. Mein Vater, mein eigener Vater, war einfach gegangen, ohne ein Wort. "Es war etwas Wichtiges wegen der Arbeit", erklärte sie, doch ihre Erklärung fühlte sich leer an. Was konnte so wichtig sein, dass er einfach ohne Ankündigung abreiste? 

Die Welle der Enttäuschung prallte gegen mich, aber ich hielt sie zurück, versuchte, meine Tränen zu schlucken. Meine Mutter seufzte, legte mir eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. "Ich muss jetzt los. Ich melde mich bei dir." Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von mir und verschwand durch die Tür.

Als die Stille zurückkehrte, spürte ich, wie eine einsame Träne meine Wange hinunterlief. In dem Moment war mir klar: Sie hatten mich beide verlassen – in einer Zeit, in der ich sie am meisten brauchte. Das Gefühl der Einsamkeit war erdrückend. Ich stand einen Moment lang regungslos im Flur, während die Schwere der Situation auf mich einprasselte. Ich wandte mich langsam und ging in mein Zimmer. 

Auf meinem Bett entdeckte ich ein Paket. Eine rote Schleife zierte den Karton. Verwirrt trat ich näher und hob ihn vorsichtig an, um ihn zu öffnen.

Im Inneren lag eine Kamera, auf ihr ein Zettel mit vertrauter Handschrift: 'Camila, es tut mir leid. Zeig der Welt, was in dir steckt. Papá.'  

Als die Worte in meinem Kopf widerhallten, klangen sie wie ein armseliger Versuch, sich meine Liebe zu erkaufen, nachdem er einfach so ohne eine Erklärung abgereist war und mich im Stich gelassen hatte. Dachte er wirklich, er könnte mir Geschenke schicken und so tun, als ob damit alles wieder gut wäre? In den Tagen, in denen er hier war, dachte ich wirklich, dass sich etwas geändert hatte. Doch anscheinend war ich ihm egal. Die Kamera in meiner Hand fühlte sich plötzlich merkwürdig schwer an. War das sein Weg, um mich zum Schweigen zu bringen, um mich abzulenken von der Enttäuschung, die er mir erneut angetan hatte? Ich nahm den Karton und stellte ihn achtlos in die Ecke meines Zimmers. 

Dann griff ich nach meinem Handy und starrte auf den Bildschirm. Sollte ich jemanden anrufen? Vielleicht Lia oder Eli um Rat bitten? Oder sollte ich einfach meine Gefühle für mich behalten und versuchen, alleine zurechtzukommen? Ich atmete tief durch und entschied mich schließlich dafür, Lia anzurufen. Eli war zwar mein bester Freund, doch seit er meiner Mutter einfach so von meinen schulischen Problemen erzählt hatte, hatte mein Vertrauen zu ihm einen Knacks erlitten. Lia hingegen war in der kurzen Zeit, in der ich sie kannte, immer einfühlsam und verständnisvoll gewesen.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Jan 23, 2025 ⏰

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