2. Kapitel

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Auf dem Heimweg ist der Alarm das Thema Nummer eins. Astrid und ich werfen uns entnervte Blicke zu, während wir mit dem Bus fahren. Gleichzeitig rollen wir mit den Augen und fangen an zu lachen. Dabei drehen sich einige Mädchen nach uns um. „Kommst du morgen zu der Party?", fragt mich Astrid. Verwirrt und fragend sehe ich sie an. „Was für eine Party? Und vom wem?", gehe ich auf das Gespräch ein. Gespielt schockiert sieht sie mich an. „Na Nathan's Geburtstagsparty. Die ganze Stufe ist eingeladen.", sagt sie und Freude liegt in ihrer Stimme. Astrid war schon immer begeisterte Partygängerin. Ich glaube, die Gegensätze zwischen uns, waren der Hauptgrund, warum wir beste Freundinnen sind. Um das Gespräch nicht ins Stocken geraten zu lassen zucke ich gleichgültig mit den Schultern. Ein Seufzer entfährt ihr. „Okay, okay....ich muss hier raus. Lass uns später darüber reden.", verspreche ich ihr, dann hopse ich aus dem Bus und wende mich zum Gehen. Während ich zu unserer Wohnung schlendere kicke ich unzählige, winzige Kieselsteine vor mir her. In Gedanken versunken kommt mir der Heimweg unendlich lang und zäh vor. Als ich am Buchladen angelangt bin, stocke ich mitten in meiner Bewegung. 

Die Tür steht einen Spalt weit offen und am Rahmen splittert das Holz ab, als hätte jemand versucht mit einem Brecheisen in den Laden zu gelangen. Der Knauf hängt lose in der Tür. Glasscherben bedecken den Fußboden dahinter. Mit spitzen Fingern greife ich nach dem Knauf und schiebe die Tür auf. Das Knirschen der Splitter unter meinen Füßen hallt im leeren Geschäft wieder und durch die Sonnenstrahlen ist der aufgewirbelte Staub deutlich zu erkennen. Eine erdrückende Stille herrscht vor. Unbewusst lege ich meine Stirn in Falten und betrachte lange den Laden. Was ist hier passiert?, schießt mir durch den Kopf.  „Paps?", frage ich in die kaum zu ertragende Totenstille. Keine Antwort. Vorsichtig sehe ich mich um. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Über den ganzen Fußboden liegen Bücher verteilt. Diese scheinen sogar aus den Regalen gerissen worden zu sein. Eines der Regale am Eingang wurde umgeworfen. Zögerlich wage ich mich weiter in das Chaos. Mit dem linken Fuß schiebe ich einige Glasscherben zu einem Haufen zusammen. Dabei kommen große, lange Kratzspuren im Holzboden zum Vorschein. Erstaunt gehe ich in die Hocke. Vier krallenartige Kratzer ziehen sich durch das Holz. Vorsichtig streiche ich darüber. Wovon stammen diese Spuren? Um mir Klarheit über den Grund der Tat zu verschaffen, gehe ich zum Tresen und lasse die Registerkasse aufspringen. Augenscheinlich wurde kein Geld gestohlen. Es war zumindest keine Tat aus Gier. Doch was mich noch mehr beschäftigt, ist die Frage, was mit meinem Vater geschehen ist. Ich gehe zur Werkstatt, greife nach dem Telefon und wähle die Nummer der Polizei. Zuerst erfüllt das „Tuten" die Leitung, dann meldet sich eine männliche Stimme: „Polizeistation Culloden. Was kann ich für sie tun?" Sein walisischer Akzent ist ungewöhnlich für diese Gegend. Kaum merklich schüttle ich den Kopf und spreche in den Hörer: „Ich möchte einen Einbruch und eine mögliche Entführung melden." Meine Stimme zittert gut hörbar. Obwohl der Beamte noch nicht geantwortet hat, höre ich das erleichterte Aufatmen, als würde dieser sich freuen endlich einen Fall zu bearbeiten zu haben. „Bleiben Sie ruhig und erzählen Sie mir was passiert ist.", versucht er mich zu beruhigen. Nach einmaligen ein und ausatmen, beginne ich dem Beamten am Hörer die Situation zu schildern. Würde ich neben dem Polizisten an der anderen Leitung sitzen, würde ich ihn wahrscheinlich nicken sehen. Als ich kurz davor bin, zu weinen und alles erzählt habe was ich weiß, herrscht einen Moment lang Stille. „Ich schicke ihnen eine Streife vorbei. Warten Sie währenddessen. Verändern Sie bitte nichts am Tatort." Ich verabschiede mich und hänge das Telefon wieder in die Ladestation. Erneut stapfe ich zur Tür und stelle mich auf die Straße, um auf die Polizei zu warten.

Nur wenige Minuten nach dem Anruf, sehe ich ein Polizeiauto die Straße hinauffahren. Abrupt kommt dieses vor mir zum Stehen. Ein hochgewachsener, hagerer Mann und ein kleiner, rundlicher Mann steigen aus dem Fahrzeug aus. „Sind Sie Miss Mckenzie?", fragt mich der hochgewachsene Beamte. Ich nicke zögerlich, da ich kein Wort hervor bringe. Anstatt ein Wort mit den Polizisten zu wechseln, weise ich ihnen durch Gesten den Weg zum Laden. Der rundliche Beamte kramt in seiner Jackentasche. Nach einigen Augenblicken scheint er gefunden zu haben was er sucht, denn er zieht ein Diktiergerät aus der Tasche. Ich lasse den Beamten den Vortritt, damit diese ihre Arbeit erledigen können. Ein leises Klicken verrät mir, dass der Kleinere sein Diktiergerät eingeschaltet hat. Während dieser mit ruhiger, gelassener Stimme die Situation in das Gerät spricht, zieht sein Kollege einen kleinen, zerknitterten, unbeschriebenen Block und einen Bleistift hervor. „Ich muss ihnen einige Fragen stellen. Eine rein formelle Sache.", erklärt er mir. Noch immer ratlos und verwirrt was passiert ist, nicke ich starr vor mich her. Ich lasse das Verhör über mich ergehen und beantworte bereitwillig die Fragen so gut ich nur konnte kann. „Yorick, komm mal hier rüber!", wird der Beamte, der mich befragt, gerufen. „Entschuldigen Sie.", bittet mich der Beamte höflich, wendet sich von mir ab und geht gemächlich zu seinem Kollegen. Dieser erwartet ihn bereits. Als die beiden nebeneinander stehen, scheint der stämmigere Polizist auf etwas wichtiges zu zeigen. Angeregt unterhalten sich die Polizisten miteinander. Hin und wieder werfen sie mir verstohlene Blicke zu. Dabei fühle ich mich so unwohl wie noch nie und schlinge die Jacke meiner Schuluniform enger um meinen Oberkörper. Anscheinend haben die Beamten etwas entdeckt, denn Yorick, wie der hochgewachsene Polizist genannt wurde, greift nach einem Fotoapparat und fotografiert eine Stelle im Laden. „Miss Mckenzie, kommen Sie bitte einmal zu uns herüber.", fordert ein Beamter mich auf. Vorsichtig laufe ich in den Laden. „Haben sie etwas gefunden?", frage ich. Wie auf Kommando nicken mir beide Polizisten zu. Yorick zieht sich einen Gummihandschuh über seine rechte Hand und hebt etwas vom Boden auf. „Kommt ihnen dieses Schmuckstück bekannt vor?", fragt er mich. Ich beuge mich vor und betrachte die Kette. Diese ist aus regelmäßig polierten Silber. Ein ovales Amulett mit schlichter Verzierung auf dem Deckel, hängt an daran. „Kann ich das einmal in die Hand nehmen?", frage ich. Wortlos gibt mir der kleine Beamte ein Paar Gummihandschuhe. So schnell es geht, streife ich diese über die Hände und greife behutsam nach der Kette. 

Das Amulett drehe ich langsam zwischen den Fingern. Sachte öffne ich den Deckel und erblicke ein Bild meiner Eltern. Mein Herz setzt für eine Sekunde aus. Das Bild ist durch die Zeit verblasst und nur noch schwer zu erkennen. „Es muss ein Amulett meiner Mutter sein.", sage ich, mehr zu mir selbst, als zu den Polizisten. Zaghaft fragt einer der Beamten: „Wo ist ihre Mutter derzeit zu finden?" Ich schlucke schwer, nur um kurz darauf zu antworten: „Meine Mutter ist tot." Bedrückende Stille herrscht. Nacheinander sehe ich die zwei Polizisten an. Als der kleine Beamte sich räuspert, erwacht sein Kollege aus seiner Starre. Dieser räuspert sich ebenfalls, peinlich berührt. Dann kramt er in einer seiner Taschen und zieht anschließend ein winziges Tütchen heraus. „Legen Sie die Kette bitte hier rein." Sagt dieser. Daraufhin lasse ich das Amulett in das Tütchen gleiten. Die Polizisten schlendern zu ihrem Wagen. „Wir melden uns bei ihnen, sobald wir etwas recherchieren konnten." Mit diesen Worten steigen die Beamten ein und fahren weg. Ratlos sehe ich dem Wagen hinterher. War das schon alles? Frage ich mich. Minutenlang bleibe ich auf der Straße stehen und blicke geistesabwesend in die Ferne. Ein mulmiges Gefühl breitet sich in meiner Magengrube aus. Die ältere Dame aus dem Haus nebenan tritt neben mich auf die Straße. „Guten Tag, Miss Steward.", begrüße ich sie leise. Mit bedauernswerten Blick an. „Zufälligerweise habe ich mithören können, was bei ihnen passiert ist. Kann ich ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein?", fragt sie mich. Lange sehe ich sie an. „Ich muss das alleine erledigen. Aber ich danke ihnen.", entgegne ich nach der langen Pause. Ein Lächeln umschmeichelt ihren Mund. „Sobald du etwas brauchst, kannst du jeder Zeit zu mir kommen. Du weißt ja wo du mich findest.", sagt sie. Anschließend umarmt sie mich. Nach kurzem Zögern erwidere ich die Umarmung, dann lösen wir uns aus der Umarmung und ich trotte zurück zum Laden. Erneut knirschen die Glassplitter unter meinen Schuhen. Ich bücke mich und hebe einige Bücher auf, welche ich gleich auf dem Tresen ablege. Dann gehe ich um den Tresen herum und greife nun schon zum zweiten Mal nach dem Telefon. Nach kurzem Zweifeln wähle ich Astrids Nummer. Es klingelt Minuten lang. Im nächsten Moment klickt es im Hörer, gefolgt von einem langgezogenen Ton. Seufzend lege ich vorsichtshalber auf und wähle die Nummer des Glasers.

Nach dem Gespräch mit der Glaserfirma klebe ich die Scheibe an der Tür mit Klebeband zu und hänge das Schild „Wir sind bald möglichst wieder für Sie da" an die Tür. Anschließend schließe ich den Laden von außen ab und gehe langsam die Treppenstufen hoch in unsere Wohnung. Die ganze Situation ist zu viel für mich. Ich fühle mich ausgelaugt und müde. Im Flur streife ich meine Straßenschuhe ab und schlüpfe in meine Hausschuhe. Mein Magen knurrt laut.  Langsam schlurfe ich in die Küche und öffne den Kühlschrank, um nach etwas essbaren zu suchen. Lange starre ich in den hellerleuchteten Schrank, doch ich nehme nicht wirklich war, was ich sehe. Als ich nichts finde, führt mein Weg mich ins Bad. Träge öffne ich die Flechtzöpfe. Meine Brille lege ich auf das Waschbecken. Anschließend greife ich nach einem Abschminktuch und entferne sowohl Eyeliner als auch Mascara. Ich gleite aus meiner Kleidung, hänge diese über die Heizung und drehe die Dusche auf. Als die Wassertemperatur stimmt stelle ich mich unter den Strahl und lasse das warme Wasser über meinen Körper laufen. Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe meine Augen und versuche die Wärme in mich aufzunehmen. Langsam streiche ich meine nassen Haare aus meinem Gesicht in den Nacken. 

Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Was könnte mit meinem Vater passiert sein? Anrufen kann ich ihn nicht, da er nie ein Telefon bei sich trägt. Vielleicht sollte ich die Polizei einfach ihre Arbeit erledigen lassen. Meine Gedanken hören nicht auf zu kreisen. Das warme Wasser fließt über mein Gesicht. Meine Muskeln beginnen sich allmählich zu entspannen und auch meine Gedanken hören auf zu kreisen. Als ich wieder aus der Dusche trete und nach meinem Handtuch greifen möchte, rutsche ich beinahe auf dem nassen Boden aus. Gerade noch so kann ich mich an der Heizungseinrichtung festhalten und wieder an Gleichgewicht gewinnen. Ich ziehe das Handtuch von der Heizung. Für einen kurzen Moment drücke ich mein Gesicht in das Tuch. Mit dem warmen Handtuch trockne ich mich ab und wickle es mir anschließend wie einen Turban um den Kopf. Dann ziehe ich mir eine weite Jogginghose und ein weites Sweatshirt an. Als ich wieder ins Wohnzimmer komme, sehe ich wie der Knopf des Anrufbeantworters am Telefon rot aufleuchtet. Nicht ohne laut zu seufzen, höre ich mir die Nachricht an. Diese ist von Astrid. Mit aufgeregter, hektischer Stimme berichtet sie mir, dass sie Bescheid weiß und, dass es ihr Leid täte. Mit den Worten, ich solle mich doch bei ihr melden sobald ich die Nachricht gehört habe, verabschiedet sich die Aufnahme von meiner Freundin. Einen Augenblick starre ich einfach nur das Telefon an. Gerade ist mein Kopf leer und ich denke an nichts. Schließlich entscheide ich mich Astrid zurück anzurufen.

A mysterious MidsummerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt