Am späten Donnerstagnachmittag komme bei der Wohngemeinschaft an. Als ich an die Haustür klopfe, wird diese sofort von Tabitha aufgerissen. „Da bist du ja", sagt sie überschwänglich und zieht mich hinter sich her in das große Wohnzimmer. Dort sitzen schon Rieke und Roxana und schminken sich gegenseitig. „Als was geht ihr?", frage ich nach. „Wir gehen als Waldelfen", erklärt mir Roxana. Ungläubig sehe ich sie an: „An Halloween, am gruseligsten Tag des Jahres geht ihr als Waldelfen?" „Das ist so eine Art Brauch. Du wirst später schon sehen warum. Und jetzt zieh dich um", sagt sie mir, als würde sie mit einem kleinen Kind sprechen. Ich ziehe mir das schlichte Knöchellange Kleid an, das Roxana mir in die Hand gedrückt hat. An den Dreiviertel langen Ärmeln ist Stoff angenäht und erinnert mich an feine Flügel. Der Schnitt des Kleides erinnert mich an den Diretoir Stil während der französischen Revolution. Roxana hat mit leichte Stoffschuhe mit Spitzenmuster geliehen, die die selbe Farbe wie das Kleid haben. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. „Du siehst umwerfend aus", haucht Rieke, was mich stutzen lässt, da sie zum ersten Mal etwas nettes mir gegenüber gesagt hat. „Danke. Das Kleid ist wirklich fantastisch", entgegne ich und drehe mich einmal im Kreis. „Hier. Zieh das dazu an", fordert mich Tabitha auf. Ich nehme den eleganten Kopfschmuck entgegen, ein geflochtener Kranz aus Efeu und Rosen. „Der ist wunderschön", hauche ich. „Den habe ich selber gemacht", freut sie sich. Bedächtig befestige ich den Haarkranz auf meinem Kopf. „Kann es losgehen?", fragt eine raue Stimme hinter mir. Schwungvoll drehe ich mich um. „Wir sind fertig", sagen wir Mädchen wie aus einem Munde und fangen an zu lachen. Nathan trägt eine Uniform der Rotröcke aus dem 18. Jahrhundert. Angus hingenen trägt einen Kilt in Farben des Mckenzie-Clans und ein einfaches Leinenhemd. Ich muss schmunzeln. „Schön, dass du auch gekommen bist", sagt Nathan und umarmt mich kurz, dann geht er zu Rieke und drückt ihr einen Kuss auf den Scheitel. Obwohl ich die Leute hier kaum kenne, geben sie mir ein Gefühl von Heimat. In ihrer Gegenwart könnte ich fast vergessen, dass mein Vater verschwunden ist. Angus kommt auf mich zu und sagt: „Na? Ist das der Richtige Kilt?", fragt er mich. Ich nicke und zupfe etwas an seinem Hemd herum. „Das ist der Richtige", sage ich lächelnd. „Wir wollen jetzt los", unterbricht uns Roxana. Angus und ich nicken.
„Was ist den nun der Plan?", frage ich, da ich noch immer ahnungslos bin. „Im umliegenden Wald ist ein uralter Steinkreis, um den sich unzählige Mysterien ranken. Schon seit Jahrzehnten feiert die Gemeinschaft eine Art Zeremonie an diesem Ort", erklärt mir Tabitha. „Was für eine Zeremonie?", frage ich nach. Bevor mir Tabitha näher erklärt, worauf ich mich einlasse, zieht sie zwei Handlaternen hervor und reicht mir eine. „Das sind die Zeremonielichter. Simpel gesagt, tanzen wir durch diesen Steinkreis, um die Geister der Vergangenheit zu besänftigen", sagt sie und sieht mich verschwörerisch an. „Aber ich weiß nicht, wie dieser Tanz funktioniert", sage ich. „Das macht nichts. Du wirst den Rhythmus finden", beruhigt mich Roxana und zieht mich hinter sich her durch den Wald. Schweigend folge ich ihr und versuche mir den Weg zu merken. Der Steinkreis steht in Mitten einer großen, hellen Lichtung. In der Mitte des Kreises ragt ein besonders hoher Stein in den Himmel. Unter der dünnen Sohle meiner Schuhe spüre ich das nasse Moos und die Gräser. Ein erfrischender Nachtwind weht zwischen den hohen Steinen und beschert mir eine Gänsehaut. Tabitha zündet die Kerzen an und deutet mir, dass ich mich in den Kreis stellen soll. Langsam beginnen wir uns um den Stein in der Mitte zu drehen. Hin und wieder verbeugen wir uns vor diesem Stein und heben die Lichter in den Himmel. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist, aber ich beginne mich wie die anderen um den Stein durch den Kreis zu drehen und zu hüpfen, ohne zu wissen was ich zu tun habe. Die Flügel des Kleides wehen im Winde und verleihen mir das Gefühl durch den Kreis zu schweben. Die untergehende Sonne taucht alles in ein warmes, oranges Licht und lässt den Tau auf dem Moos aufleuchten. Immer schneller tanze ich anmutig an den Steinen vorbei. Erneut sammeln wir uns vor dem hohen Stein in der Mitte und heben mit einer Hand die Laterne hoch. Als würde ich aus einer Trance erwachen, blinzle ich und sehe mich um. Mit federnden Schritten verlassen Roxana, Rieke, Tabitha und ich den Kreis und treffen wieder auf Angus und Nathan. „Wie war es?", fragt Nathan mich. „Atemberaubend. Ich wusste gar nicht wie mir geschieht", sage ich. Für einen winzigen Augenblick werfen sich Nathan und Angus Blicke zu, als würden sie sagen wollen: „Wir wussten es." Es ist allerdings so dunkel, dass ich dies mir auch einbilden könnte.
„Wollen wir weiter gehen?", fragt Rieke. Alle sind einverstanden. Gemächlich schlendern wir durch den Wald. Dichter Nebel sickert zwischen den Bäumen hindurch und lässt eine Horrorfilm-Stimmung aufkommen. Nathan hat einen Arm um Rieke gelegt. Beide lachen über etwas. „Woran denkst du", reißt Angus mich aus den Gedanken. „An nichts bestimmtes. Ich bin so froh euch kennengelernt zu haben", sage ich mehr in die Gruppe als zu Angus. Tabitha greift nach meiner Hand und drückt diese leicht. Roxana umarmt mich kurz. Dabei kommen wir ins Schwanken und wären fast zu Boden gefallen. Lachen krümmen wir uns. Rieke schenkt mir ihrerseits ein aufrichtiges Lächeln. „Wir freuen uns auch", ruft Nathan über das Gelächter. Sobald mich Roxana wieder frei gegeben hat, zieht Angus mich in eine Umarmung. „Ich bekomme kaum Luft. Denk daran, dass ich kein Rugbyspieler bin", presse ich unter Atemnot hervor. Er lockert etwas seinen Griff und sieht mich an. In der Dunkelheit sind seine graugrünen Augen nur zu erahnen, dennoch bin ich mir sicher, dass sie sich verändert haben. „Was ist?", frage ich nach einer Weile. Als Antwort küsst er mich. Völlig überrascht ziehe ich die Luft ein. Seine warmen Hände legen sich auf meine Taille und schieben den Stoff meines Kleides leicht zusammen. Behutsam drückt er mich noch etwas näher an sich. Ich lege meine Hände in seinen Nacken und ziehe ihn zu mir hinunter. Keuchen trennen wir uns. Fragend sehe ich ihn einfach nur an. Anstatt zu antworten legt er seine Stirn an die meine und seufzt. „Na endlich", ruft Nathan, während die anderen Beifall klatschen. Mein Atem bildet kleine weiße Wölkchen und vernebelt mir die Sicht.
Ein lautes Knacken im Gebüsch, lässt uns zusammenzucken. Angus zieht mich etwas näher an sich. Drei Halbstarke torkeln aus dem Büschen hervor. „OH HEYY!", grölt einer. „Lass uns gehen", bitte ich die anderen leiser. Wir wenden uns zum gehe, als ein ander Junge uns hinter her ruft: „Wollt ihr nicht mit uns teilen, Bro's?" Weder Nathan noch Angus gehen darauf ein. „Ich habe mit euch geredet", schreit der Junge und zieht an meinen Haaren. Erschrocken kreische ich auf und versuche meine Haare aus dem Griff zu befreien. „Lass sie los", knurrt Angus bedrohlich und verpasst dem Angreifer einen Tritt gegen sein Knie. Vor Schmerzen schreit dieser auf, scheint sich aber schnell wieder erholt zu haben, denn er rennt auf Angus los. Angus geht leicht in die Hocke und prallt kurz darauf gegen den fremden Jungen. Dieser fällt mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Ein kehliges Knurren ertönt. Im nächsten Moment hört es sich so an als würden Knochen knacken. Angus rappelt sich auf und gibt den Blick auf einen Wolf frei. Mir stockt der Atem. Das ist doch unmöglich, schießt es mir durch den Kopf. Rasch kommt Angus zu mir, legt einen Arm um mich und stellt sich schützend vor mich. Roxana und Tabitha betrachten die Situation aus der Ferne, während Nathan und Rieke angespannt neben uns stehen. Der Wolf gibt erneut ein tiefes Knurren von sich. Verängstig klammere ich mich an meinen Beschützer. Angus gibt ein animalisches Knurren von sich, fletscht die Zähne und zieht mich noch etwas näher an sich heran. Die zwei anderen Jungen geben ein Jaulen von sich. Obwohl ich nur kurz weg gesehen habe, sind die Jungen verschwunden. An ihrer Stelle stehen ebenfalls Wölfe. „Was ist hier los?", frage ich mit zittriger Stimme. „Jetzt nicht", faucht Angus mich an und mustert die Wölfe mit wütendem Blick. Als einer von ihnen einen Satz auf uns zu macht, springt Rieke auf ihn zu und beißt ihm als Wolf in den Hals. Ich bin wie versteinert vor Ungläubigkeit. Noch immer kann ich nicht begreifen, was hier geschieht. Bevor der nächste Wolf angreifen kann, schreitet Nathan ein. Mitten im Sprung bildet sich in atemberaubender Schnelligkeit Fell und die Wolfsanatomie. Es ist kaum mit dem normalen Auge zu erkennen. „Du solltest jetzt gehen", sagt Angus zu dem dritten Wolf, doch ich bezweifle, dass er ihn verstehen kann. Dieser verzieht die Mundwinkel und fletscht seine Zähne. Angus' Hände lassen mich los. Plötzlich fühle ich mich haltlos. Mit voller Kraft springt Angus auf den Wolf zu und verwandelt sich in der Luft. Als ich aus meiner Schockstarre erwache, stolpere ich einige Schritte Rückwerts, bis ich über eine Wurzel stolpere und auf den Waldboden plumpse. Keuchend bleibe ich regungslos sitzen und sehe in die Richtung in die die Wölfe verschwunden sind.
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A mysterious Midsummer
AventuraSeit sie denken kann lebt Tori bei ihrem Vater. Durch eine mysteriösen Zufall verschwindet dieser. Allerdings scheint es keine Spur von ihm zu geben. Tori setzt ihr Vertrauen in die örtliche Polizisten. Doch da die Polizei nichts zu unternimmt schei...
