Nach einem langem Telefonat mit Astrid, hüpfe ich die Stufen hinunter ins Wohnzimmer. Roxana, Tabitha, Rieke und Nathan sitzen um das Sofa herum, während Miss Steward Angus' Wunde verbindet. Sie sieht mich lächelnd an und sagt an Angus gewandt: „Fertig. Du bist nun wieder fit." Ich schlendere zum Sofa und lasse mich neben ihm nieder. „Was wollen wir machen?", fragt Angus in die Runde und legt einen Arm um mich. Während alle überlegen, herrscht Stille. „Ich habe eine Idee", ruft Rieke. „Was für eine?", frage ich nach. „Das wirst du schon sehen", sagt sie und klatscht begeistert in die Hände. Dabei wirft sie Nathan einen vielsagenden Blick zu. Als würde er verstehen, wackelt er mit den Augenbrauen. Als würden Roxana und Tabitha ahnen worum es geht, erheben sie sich langsam aus ihren Sesseln. Etwas verwirrt und nichtsahnend folge ich ihnen. „Das wird lustig", versucht Rieke mich zu überzeugen. Noch immer unsicher nicke ich zuversichtlich. „Mach dir nicht zu viele Gedanken. Ich weiß auch nicht was wir machen, aber ich freu mich darauf", sagt Angus. „Ich versuch es", entgegne ich. Als ich vor die Haustüre trete, schlägt mir die kühle Abendluft entgegen. Leichter Nieselregen und kalter Wind bescheren mir eine Gänsehaut. Ich schlinge meine Strickjacke noch etwas fester um mich. Um mich etwas zu wärmen, legt Angus einen Arm um mich und zieht mich an sich. „Wohin gehen wir denn nun?", hacke ich nach. „Das wirst du schon noch erfahren", sagt Nathan scheinheilig und wackelt beschwörend mit den Augenbrauen. Kaum hörbar seufze ich. Wir stapfen durch dickes Unterholz und entfernen uns von dem Waldweg, den wir eben noch gegangen sind. Ein schmaler, kaum erkennbarer Trampelpfad schlängelt sich durch das Gestrüpp. Durch die schwarze Jeans spüre ich Dornen und Blätter, die ich streife. Hinter den dicken Regenwolken scheint der Mond hindurch und erleuchtet den Pfad. Weit oben in den Baumkronen ist der Ruf eines Uhus zu hören. Ich kann Angus' warmen Atem in meinem Nacken spüren. Unbewusst greife ich nach seiner Hand. Als Antwort drückt er diese leicht. Ein lautes Knacken im Unterholz lässt uns herum fahren. Mein Herz rast und hämmert gegen die Brust. „Das war bestimmt nur ein Reh", beschwichtigt Tabitha. Langsam beruhigt sich mein schneller Atem wieder. Erneut drückt Angus meine Hand, drückt mir einen Kuss auf die Wange und flüstert mir ins Ohr: „Alles gut." „Lasst uns weiter gehen", schlage ich vor, da die Spannung kaum auszuhalten ist. Zustimmend nicken die anderen. Rieke geht erneut voran. Eine Windböe zerzaust mir das Haar. Kurz kann ich nich erkennen, wo ich hinlaufe und stolpere über eine Wurzel. Beinahe wäre ich hingefallen. Gerade noch Rechtzeitig fängt Angus mich auf. „Danke", flüstere ich und gebe ihm einen Kuss. Als ich meinen Blick wieder nach vorne richte, kann ich zwischen den Bäumen ein Gebäude erkennen. Ich kneife die Augen zusammen, um etwas zu erkennen.
„Ist das die Craig Dunain Heilanstalt?", frage ich, als wir näher kommen. „Jap", sagt Nathan grinsend. „Ihr wollt doch nicht dort hinein gehen?", entfährt es mir. Schockiert reiße ich die Augen auf. „Natürlich wollen wir da rein", sagt Roxana. Zwar scheint sie von der Idee auch nicht hundertprozentig überzeugt, trotzdem grinst sie mich an. Etwas verzweifelt sehe ich zu Angus. Er zieht mich in eine Umarmung und sagt: „Komm schon. Das wir bestimmt lustig." Mit großen Rehaugen sieht er mich flehend an. „Na gut, du hast mich überredet", gebe ich nach. Als Dank hebt er mich an und küsst mich. „Auf gehts ihr Turteltäubchen", sagt Roxana lachend. Wir stapfen weiter durch den Wald bis wir auf einer riesige Auffahrt ankommen. Erstaunt bleiben wir stehen und bestaunen das alte Gebäude aus Sandstein. Hohe, breite Fenster, die an Kirchenfenster erinnern, sind in die Fassade eingelassen. Einige Scheiben sind zerbrochen oder gar nicht vorhanden. Spitze Stahlbalken lassen erahnen wo damals das Dach war. Graue, fast schwarze Gewitterwolken, verleihen dem Gebäude eine mysteriöse Stimmung. In meinem Magen macht sich ein flaues Gefühl breit. „Der Brand 2007 hat Großteile des Daches niedergerannt. Wahrscheinlich ist es im Inneren morsch und rutschig", reißt Tabitha aus den Gedanken. „Wir gehen ja nicht rein", sage ich zuversichtlich. Betretenes Schweigen macht sich breit. Verstört sehe ich alle nach einander an. „Ihr wollt doch nicht wirklich da rein gehen?", frage ich und Panik schwingt in meiner Stimme mit. „Darum sind wir hier her gekommen", erwidert Rieke gelassen. Verwirrt starre ich sie an. „Da drinnen ist es zu gefährlich", versuche ich die anderen davon zu überzeugen. „Angus wird dich beschützen", sagt Nathan hämisch und boxt Angus gegen den Oberarm. Beide fangen an zu lachen. Ich werfe Angus einen wütenden Blick zu. Sofort hört er auf zu lachen. „Natürlich beschütze ich dich", versucht er mich zu beschwichtigen. „Lasst uns rein gehen", sage ich mit fester Stimme, dennoch kann ich das kaum merkliche Zittern nicht unterdrücken. Schnurstracks gehe ich auf den Eingang zu. Verwirrt starren die anderen mir hinterher, bevor sie mir folgen. Angus rennt zu mir und verschränkt unsere Finger. Ich stoße die hölzerne Flügeltür auf und trete als erste in das Gebäude. Der Geruch nach Schimmel und verrosteten Stahl schlägt uns entgehen. Putzbrocken und Staub bedeckt den Boden. Unter meinen Schuhen knirscht der Dreck. Das Geräusch hallt zwischen den hohen Steinwänden wieder und verstärkt die unheimliche Stimmung. Durch die Stahlbalken pfeift der Wind. Eine erneute Gänsehaut macht sich an meinem ganzen Körper breit. Sowohl vor Kälte als auch wegen des Grusel Faktors. „Warum sind wir nochmal hier hinein gegangen?", frage ich zittrig. Meine Knie fühlen sich an wie Wackelpudding. „Ich dachte wir machen das als Mutprobe", sagt Rieke. In ihrer Stimme ist deutlich Angst heraus zu hören.
Ich rücke noch näher an Angus heran. Er legt einen Arm um meine Hüfte und zieht mich an sich. „Ihr habt doch alles von dem Brand im Jahr 2007 gehört?", fragt Nathan nach. Zustimmendes Gemurmelt erfüllt die Luft. „Die Jugendlichen, die den Brand gelegt haben, haben dies als Mutprobe gemacht", fügt er hinzu. „Jetzt fühle ich mich gleich viel sicherer", sage ich sarkastisch. Tabitha gibt ein amüsiertes Glucksen von sich. „Es heißt, dass sie bei dem Brand gar nicht ums Leben gekommen sind", sagt Nathan. „Sag bloß, dass sie als Vampire zurück gekommen sind", gebe ich scherzhaft dazu. Er lacht: „Als würde es die geben!" Ich schenke ihm einen bösen Blick. „Ich wusste bis Halloween nicht, dass Menschen sich in Wölfe verwandeln können. Also erscheint mir das auch nicht mehr so abwegig", sage ich. „Da hast du recht, aber die Leichen wurden nie gefunden. Woher willst du also wissen, dass sie tot sind?", entgegnet Nathan. Mist, denke ich. Ich weiß, dass er recht hat, dennoch sage ich: „Der nächste Ausgang liegt liegt zwei Seitenflügel entfernt und fast der gesamte Haupttrakt wurde niedergebrannt. Vielleicht haben die Beamten nicht gründlich genug gesucht", gebe ich zu bedenken. Nathan zuckt mit den Schultern und scheint zu überlegen. Wir schlendern weiter durch die Heilanstalt. „Wölfe heilen schneller als normale Menschen. Das hast du doch an Angus gesehen", sagt er plötzlich. Verwirrt ziehe ich meine Augenbrauen zusammen. „Was bringt das, wenn man verbrennt?", frage ich, da ich nicht verstehe, worauf er hinaus möchte. „Laut Eileen sind Wölfe unsterblich", sagt Nathan. „Das ist ein Märchen, was sie uns als wir Kinder waren erzählt hat", mischt sich Roxana in das Gespräch ein. „Für mich klingt das auch eher nach einem Märchen über Vampire", sage ich. Nathan zuckt mit den Schultern. „Ich sage nur, was ich weiß", gibt er zurück und hebt die Hände abwehrend in die Höhe. Schritte reißen uns aus unserer hitzigen Diskussion. Mir bleibt die Spucke im Mund stehen. Stille macht sich breit. Angespannt warten wir darauf, dass jemand zu uns kommt. „Habt ihr das gehört?", fragt Rieke in die Stille. Ich kann nur nicken.
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A mysterious Midsummer
AbenteuerSeit sie denken kann lebt Tori bei ihrem Vater. Durch eine mysteriösen Zufall verschwindet dieser. Allerdings scheint es keine Spur von ihm zu geben. Tori setzt ihr Vertrauen in die örtliche Polizisten. Doch da die Polizei nichts zu unternimmt schei...
