Unschlüssig was wir nun machen sollen, sehen wir uns an und hoffen, das einer eine Idee hat. „Sollen wir nachsehen, ob dort jemand ist?", frage ich bedächtig. „Bist du verrückt?", sagt Rieke hysterisch. „War es nicht deine Idee hier her zu kommen?", fauche ich zurück. Geschlagen hebt sie beide Hände hoch und sagt: „Du hast gewonnen! Aber du gehst voran." An dieser Stelle muss ich ihr recht geben. Ich atme einmal tief ein und aus, bevor ich in die Richtung gehe, aus der die Schritte kamen. Angus folgt mir dicht auf den Fersen. Vorsichtig biege ich in den Flur zum rechten Seitenflügel ein. Ein langer Gang erstreckt sich vor mir. Der Boden ist im schwarz weißen Schachbrettmuster gefliest. Silbriges Mondlicht fällt durch die Glaslosen Fensterrahmen und wirft Schatten an die vergilbte Wand. Unzählige Türen säumen die Wand zu meiner Rechten und verlieren sich im dunklen Ende des Flures. Schritt für Schritt gehe ich weiter den Flur entlang. In meinen Ohren kann ich mein Herz schlagen hören und mein Atem geht rasch und schwer. Unter einer der Türen flackert gelbliches Licht hervor. Schweißperlen treten mir auf die Stirn, denn mir wird klar, dass wir hier nicht alleine sin. Ich bleibe vor der Tür stehen. Die Farbe blättert bereits von dem Holz ab. Gemurmel dringt zu uns auf den Flur. Eine Frau spricht leise und unverständlich in einem walisischen Akzent. Obwohl sie flüstert, kann man hören, dass sie wütend ist. „Wir sollten von hier verschwinden", murmle ich gerade laut genug, dass die anderen es verstehen können. Einstimmiges Nicken geht durch die Runde. So leise wie möglich setzen wir uns in Bewegung, doch bevor wir verschwinden können, wird die Tür aufgerissen. Eine schlanke, mittelgroße Frau steht im Türrahmen. Trotz des schwachen Lichtes, ist ihre lange, schwarze Lockenmähne gut zu erkennen. Sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Überrascht und schockiert zugleich sieht sie uns der Reihe nach an.
"Was macht ihr hier?", fragt sie. Angst schwingt in ihrer Stimme mit. Angus und Nathan stehen wie angewurzelt mit offenem Mund dar. Rieke scheint am liebsten im Boden versinken zu wollen und Roxana versucht sich im Schatten verstecken zu wollen. Tabitha startet einen Erklärungsversuch, doch das einzige was sie hervorbringt sind nicht zusammenhängende Buchstaben. „Das gleiche könnte ich Sie fragen", entgegne ich mutig. In dem Moment, als der Satz über meine Lippen gewichen ist, rutsch mir das Herz in die Hose. Die Augen der Frau verengen sich kaum merklich. „Wie heißt du?", fragt sie mich im strengen Ton. Mit ihrem walisischen Akzent erinnert sie mich an jemanden, aber ich weiß nicht an wen. „Zuerst verraten Sie mir, wer Sie sind", sage ich fest entschlossen. Ihre Augen werden noch etwas schmaler. „Na gut. Ich heiße Tessa", sagt sie. Ein Kloß steckt mir im Hals. Ich schlucke einmal kräftig. „Ich heiße Tori", sage ich mit fester Stimme. „Tori!", ertönt ein erleichterter Ruf aus dem Raum hinter der Frau namens Tessa. „Paps?", frage ich überrascht. Unvorsichtig schiebe ich Tessa bei Seite und stürme in den Raum. Mein Vater sitzt zusammengekauert auf einem klapprigen Krankenhausbett mit gestreifter Matratze. Er sieht ungepflegt aus. Sein Haar hält in fettigen Strähnen herunter. Anscheinend hat er sich, seit mehreren Wochen nicht mehr rasiert, denn seine sonstigen Stoppeln sind zu einem dichten Bart gewachsen. Dunkle Augenringe verdeutlichen den Eindruck von eingefallenen Augen. Sein Gesicht wirkt abgemagert, so wie der Rest des gekrümmten Körpers. Das gesamte Erscheinen meines Vaters jagt mir einen Schauer über den Rücken. Schnellen Schrittes durchquere ich den Raum und knie mich vor meinen Vater. „Was ist nur mit dir passiert?", frage ich traurig und streiche sanft über seine Wange. „Es ist alles nicht so schlimm wie es aussieht", versucht er mich zu beschwichtigen. „Alles nicht so schlimm?", meine Stimme wird lauter und hysterisch, „hast du dich mal im Spiegel betrachtet? Du bist ja nur noch ein Schatten deiner Selbst." Ohne etwas darauf zu erwidern steht er auf und zieht mich in eine Umarmung. „Es tut mir alles so unendlich leid", flüstert er in mein Ohr. „Was tut dir leid?", frage ich besorgt. In seinen Augen schimmern Tränen. „Du musst dir solche Sorgen gemacht haben", fügt er etwas lauter hinzu. Ich nicke zustimmend. „Ich werde die Polizei rufen und die klärt alles", sage ich hektisch. Gerade als ich in meine Jackentasche greife, um mein Smartphone heraus zu holen, stoppt mein Vater mich. „Das ist nicht nötig", sagt er. Seine Stimme ist befehlerisch und passt gar nicht zu seinem derzeitigem Erscheinungsbild.
Ungläubig sehe ich ihn an. „Paps! Du wurdest entführt. Natürlich rufe ich die Polizei. Diese Frau muss zur Rechenschaft gezogen werden", sage ich. Kopfschüttelnd wehrt mein Vater ab. „Du verstehst nicht. Lass mich die Situation aufklären", sagt er. Beunruhigt sehe ich ihn an. „Ich hoffe, du kannst das auch", entgegne ich. Ein Seufzer entfährt ihm. „Setz dich", sagt er und deutet auf das schmale Bett. Skeptisch lasse ich mich neben ihm darauf nieder. „Ich bin gespannt", fordere ich ihn auf, sich zu erklären. „Wo fange ich nur an?", überlegt er laut. „Am besten Vorne", sage ich. Mein Vater gibt einen leisen Lacher von sich. „Ich wurde nicht entführt", beginnt er. Ungläubig ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe. „Genau genommen bin ich freiwillig mitgegangen. Mir war nicht bewusst, was es für Ausmaße hat, wenn ich fort bin", fährt er fort, „Nie hätte ich damit gerechnet, dass ich so lange weg bin. Auch nicht, dass du nach mir suchen wirst." „Du bist die einzige Familie, außer seanair Alistair, die ich noch habe. Ich habe mir Sorgen gemacht. Außerdem war der ganze Laden verwüstet. Es hätte alles Mögliche passieren können", sage ich. Sein niedergeschlagene Blick ist auf den Boden geheftet. Betrübt stimmt er mir zu. „Ich hätte dir einen Nachricht hinterlassen sollen...", gibt er zu. „Ja das hättest du", unterbreche ich ihn. Erneut treten Tränen in seine Augen. Wehleidig sieht er mich an und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Wieso war der Laden so verwüstet?", frage ich. Etwas verwirrt über die Frage, blinzelt mein Vater, bevor er antwortet: „ Es gab einen kleinen Streit zwischen uns", er deutet auf die Frau und wieder auf sich. „Ihr Erscheinen kam sehr überraschend, weshalb ich mich gewehrt habe", erklärt er. „Deswegen die Kratzspuren. Darum hat auch Frank die Krallen ähnlichen Narben im Gesicht. Du hast dich in einen Wolf verwandelt", murmle ich. Verwirrt sieht mich mein Vater an. „Woher weisst du davon?", fragt er mit lauter werdender Stimme. Kurzerhand erzähle ich ihm von dem Vorfall an Halloween. „Ich hätte wissen müssen, dass du es früher oder später heraus findest", flüstert mein Vater, eher zu sich selbst. „Warum bist du hier?", nehme ich das Gespräch von eben wieder auf. „Deine Mutter und ich hatten viel zu besprechen", weiter kommt er nicht, denn mir entfährt ein lauter Schrei. „Meine Mutter ist tot", unterbreche ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Tessa ist deine Mutter", sagt er und deutet auf die Frau, die immer noch im Türrahmen steht. Nun habe ich Tränen in den Augen. Allerdings vor Wut. „Meine Mutter ist kurz nach meiner Geburt gestorben", sage ich, als würde ich es mir einreden. „Das hast du ihr erzählt?", fragt die Frau, welche meine Mutter sein soll. „Das haben wir doch ausgemacht", entgegnet mein Vater mit eingezogenem Kopf. Schnellen Schrittes durchquert Tessa den Raum, zieht sich einen Stuhl vor das Bett und sieht meinen Vater durch dringlich an. „Wir hatten ausgemacht, dass du ihr erzählst, was wir sind", sagt sie wütend. Verzweifelt sehe ich zu meinen Freunden die schockiert an der Tür stehen. Angus kann ich ansehen, dass er am liebsten zu mir gestürmt wäre und mich aus diesem Drama befreit hätte. Auch sehe ich ihm an, dass er weiß, wie viele unbeantwortete Fragen ich noch habe. Ich schenke ihm ein Lächeln, dass hoffentlich zuversichtlich aussieht. Sein Lächeln hingegen ist herzzerreißend traurig. „Was ist wirklich passiert?", frage ich. Mit Blicken streiten meine Eltern darum, wer mit die Gesichte erzählt. „Es war ein Unfall", fängt Tessa an. Abwartend tippe ich mit meinen Fingern auf meinem Oberschenkel. „Als du noch sehr klein warst, ein oder zwei Jahre alt, bin ich mit dir im Wald spazieren gegangen. Dein Vater war auch dabei. Durch die Geburt, waren meine Sinne noch schärfer als sonst. Meine menschlichen Mutterinstinkte und die des Wolfes haben mich gefährlich gemacht. Du warst ein so fröhliches und aufgewecktes Kind", Tränen kullern über ihre Wange. Mein Vater merkt, dass sie nicht weitererzählen kann und sagt: „Du bist auf nassem Laub ausgerutscht und hast dir das Knie aufgeschlagen." Sanft berührt Tessa Paps an der Schulter und signalisiert ihm, dass sie nun wieder erzählt: „Ich hatte keine Kontrolle über mich und habe mich verwandelt. Instinktiv habe ich dich angegriffen...dein Vater konnte dich noch rechtzeitig in Schutz nehmen. Doch ich habe dich trotzdem am Bauch erwischt." Reflexartig greife ich mir an den Bauch, wo ich vier lange, dünne Narben habe. Nun kullert auch mir eine Tränen über die Wange. „Wir haben beschlossen, dass ich zu gefährlich bin. Deswegen bin in abgehauen. Dein Vater sollte dir erzählen, dass ich kurz nach deiner Geburt gestorben bin und alle Fotos, die danach entstanden sind, verbrennen. Nur damit du nicht nach mir suchst und ich dich wieder verletze." Obwohl meine Eltern das zu meiner Sicherheit verschwiegen haben, bin ich wütend und enttäuscht. „Und warum sollte ich nichts von den Werwölfen wissen? Wisst ihr, wie verrückt man sich fühlt, wenn man so etwas heraus finden?", frage ich hysterisch. Beide sehen bedrückt zu Boden.
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A mysterious Midsummer
AdventureSeit sie denken kann lebt Tori bei ihrem Vater. Durch eine mysteriösen Zufall verschwindet dieser. Allerdings scheint es keine Spur von ihm zu geben. Tori setzt ihr Vertrauen in die örtliche Polizisten. Doch da die Polizei nichts zu unternimmt schei...
