Song: My Silver Lining - First Aid Kit
Vincent:
Das ist die Wahrheit. Ich habe ihn vermisst. Den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Nachdem ich gestern Abend eingeschlafen war, ohne ihm zu schreiben, dachte ich heute morgen, dass es ein bisschen zu früh wäre, ich wollte mich nicht aufdrängen. Aber als ich gemerkt habe, was unser Wiedersehen wirklich in mir ausgelöst hat, konnte ich keine Sekunde länger warten. Und es war dumm, solange nicht zu antworten, ich habe mir mal wieder viel zu viel Gedanken, anstatt einfach das zu tun, was mein Herz mir sagt.Er liest meine Nachricht nicht sofort, wahrscheinlich ist er noch in der Schule. Ich bin schon zu Hause, die letzten beiden Stunden heute sind ausgefallen.
Ich sitze auf meinem Bett und zupfe gedankenverloren die Saiten meiner E-Gitarre, aber die Musik kann mich nicht beruhigen. Mein Handy liegt vor mir, ich warte darauf, dass er endlich schreibt.Dabei rechtfertigt nichts meine Ungeduld, schließlich habe ich auch ewig gebraucht, um ihm zu schreiben. Trotzdem, meine Finger kribbeln immer noch, wenn ich an seine Berührung gestern denke.
20 weitere Minuten passiert nichts, bis ich plötzlich ein Bild neben unserem Chat sehe. Er hat mich eingespeichert. Und so komisch das klingt, noch nie habe ich mich über diese Tatsache mehr gefreut als in diesem Augenblick.Moritz ist von hinten zu sehen, wie er auf einer Dachkante hoch über der Stadt sitzt. Im Hintergrund ein unglaublich schöner Sonnenuntergang. Ich betrachte das Bild so lange, dass ich gar nicht sehe, dass er mir zurück geschrieben hat. Weil das Foto irgendwie so perfekt ist.
Hey Vincent,
ganz ehrlich? Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Alles hört sich irgendwie lächerlich oder falsch oder langweilig an. Die einzigen Dinge die mir grade einfallen sind, dass ich dich unbedingt wiedersehen und dich kennen lernen will. Ich hab dich nämlich auch vermisst. Und zwar so stark, dass ich gemerkt habe, dass zwischen uns irgendwas besonderes ist. Sonst würde ich mir doch nicht die ganze Zeit wünschen, bei jemandem zu sein, den ich überhaupt nicht kenne, oder?Eine Träne rollt meine Wange runter, ich starre auf die Nachricht, lese sie immer und immer wieder. Kann nicht glauben, dass das grade hier wirklich passiert. Ich weiß nur, dass ich keine Zeit verlieren darf.
Hast du morgen Nachmittag Zeit?, frage ich schnell, bevor er wieder offline gehen kann und mich wieder 30 qualvolle Minuten alleine zurück lässt.
Seine Antwort kommt sofort: Um halb 5 bei unserer ersten Begegnung?
Zuerst weiß ich nicht, was er meint, dann erkenne ich seine Anspielungen auf letzten Dienstag, wo alles begann. Wo das Wir begann.Es ist schon eine Woche her. Es ist ERST eine Woche her und jetzt sitze ich hier und vereinbare ein Date mit genau diesem Jungen. Obwohl ich mir so sicher war, ihn nie wieder zu sehen.
Ich werde da sein, schreibe ich und kann es jetzt schon kaum erwarten, dass endlich Morgen ist.---------------------
Den ganzen Nachmittag bin ich alleine und spiele Gitarre. Meine Gedanken sind nur noch bei Moritz. Aber das waren sie vorher ja auch schon.
Ich betrachte das Bild über meinen Bett, was seit einer Woche da hängt und mir den Schlaf raubt.Als meine Eltern nach Hause kommen, reißen sie mich aus meinen Gedanken. Vielleicht auch besser so.
''Kommst du? Wir wollen los!'' Papa steckt seinen Kopf durch die Tür und lächelt mich an.
Es ist zu einer Tradition geworden, dass wir zusammen Essen gehen, wenn unsere Eltern von einer Reise wieder kommen.Wir holen Lia von der Uni ab und fahren zum Restaurant.
''Jetzt haben wir euch so viel von unserer Reise erzählt. Aber was ist hier passiert?', fragt Mama, als wir uns ein Tisch gesucht und unser Essen bestellt haben.
Abwechselnd sieht Mama meine Schwester und mich an.Sie zuckt nur mit den Schultern. ''Das Semester hat vor einer Woche ja wieder angefangen und seit dem bin ich total im Stress. Die Ferien waren so viel besser...'' Lia grinst, aber es ist ihr anzusehen, dass ihr das alles mehr zusetzt als sie sich anmerken lassen will. Dazu kenne ich meine Schwester einfach zu gut.
''Wenn wir nun wieder da sind, musst du dich wenigstens nicht mehr um das Kochen kümmern.'', sagt Papa, aber Lia schüttelt den Kopf. ''Das war gar nicht so schlimm. Vincent hat mir schließlich immer geholfen. Zumindest fast immer.'' Sie zwinkert mir unbemerkt zu. Schlagartig denke ich wieder an gestern und es tut mir immer noch leid.
'Was ist mit dir? Wie war es in der Schule? Die letzten Wochen deines Lebens dort... ', fragt er und seufzt. 'Die Zeit vergeht einfach viel zu schnell.
Ich hätte so viel zu erzählen, aber ich will nicht drüber reden. Deswegen sage ich nur: 'Ich dachte immer, die Zeit vor dem Abi wäre viel stressiger. Alle reden immer davon, dass sie schonmal anfangen hier und dafür zu lernen. Aber ich finde, dass es immer noch so ist wie früher. Also natürlich lerne ich auch und das wisst ihr ja, aber eben nur soviel wie ich für nötig halte.'
Ich kann nicht anders und lächle. Irgendwas macht mich heute so unfassbar glücklich.Papa nickt. Beide wissen, dass ich schlau genug bin, mir das alles so einzuteilen, wie es für mich am besten ist und dass ich auch ohne viel pauken mein Abi relativ gut bestehen werde. Sie sehen es sogar ein bisschen anders: 'Schön, dass du dir damit nicht zu viel Stress machst.' Mama lächelt mich an und drückt meine Hand.
'Und sonst? Du wirkst so', sie sucht nach dem richtigen Wort. 'so anders. Aber im schönen Sinn.''Ich hab einfach nur eine tolle Zeit.', sage ich, in der Hoffnung, meine Eltern und Lia geben sich mit der Antwort zufrieden. Ich hab Glück, unsere Pizzen kommen, wir fangen an zu essen und sie vergessen meine Worte. Zumindest vorerst.
Und ich bin froh, dass die beiden endlich wieder zu Hause sind.
Bleibt glücklich und habt eine schöne Woche:)

DU LIEST GERADE
Vincent (boyxboy)
Teen FictionLiebe auf den ersten Blick, kann das funktionieren? Wenn man weiß, dass man sich nie wieder sieht? Als er eines Tages diesen Jungen in der U-Bahn sieht, weiß er sofort: Er muss ihn wieder finden. Wie aber, wenn in seiner Stadt Millionen Menschen le...