Song: Hero - Family of the Year
Vincent:
Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn, was heute passiert ist. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich habe Moritz einfach so von der Julesache erzählt, ohne groß darüber nachzudenken, obwohl ich solche Dinge immer lieber für mich behalte. Doch heute habe ich gemerkt, dass das die falsche Entscheidung war. Denn es hat so unglaublich gut getan, das alles endlich los zu werden. Und erst jetzt spüre ich, wir sehr mich diese Geschichte wirklich belastet hat und wie froh ich bin, es los zu sein.
Moritz hat mich für mein Handeln nicht verurteilt und mich gehalten, als ich geweint habe. Das war ein so krass intimer Moment für mich und trotzdem war er mir alles andere als peinlich. Ehrlich gesagt, ich habe mich selten so wohl gefühlt wie in diesem Augenblick in seinen Armen, weil ich einfach ich sein konnte.
Auf dem Weg nach Hause komme ich an einer Kirche vorbei, die Tür ist offen. Leise trete ich ein, jemand übt Klavier, und trotzdem ist es wunderbar still.
Ich bin nicht alleine, als ich mich in eine Bank setze und meine Augen schließe.
Glaube ist was besonderes in meinem Leben, katholisch getauft gehe ich seit ich denken kann regelmäßig in die Messe. Das war einfach so. Aber irgendwann hatte ich gespürt, dass mir was daran nicht passt. Lange bin ich nicht mehr in der Kirche gewese , habe oft darüber nachgedacht, lange Gespräche mit meinen Eltern geführt und das alles hinterfragt. Es hat sich einfach nicht echt angefühlt, sondern, mir ist klar geworden, dass ich immer nur gegangen bin, weil ich dachte, dass ich musste.Letztes Jahr hatte ich mich zu Firmung angemeldet und seit dem ist Gott zurück in meinem Leben. Ich hatte während der Vorbereitung eine wundervolle Zeit, hab gelernt, dass ich um zu Glauben, nicht jeden Sonntag in die Messe und nicht mit allem einverstanden sein muss, was in der Kirche abläuft. Sondern dass das alles etwas extrem individuelles und schönes ist, dass ich an die Evolution glauben kann und trotzdem weiß, dass da jemand ist, der mir hilft, das Richtige zu tun.
Erst letzte Woche hatte ich gehofft, jemanden zu finden, dem ich vertrauen kann, und vorallem, dass ich Moritz wieder treffe. Alles ist wahr geworden, und ich bin unendlich glücklich. 'Danke', murmle ich leise. 'Dass ich Moritz jetzt an meiner Seite habe und dass du auf mich aufpasst.'
Einen Moment lang genieße ich noch die Stille, bevor ich aufstehe, eine Kerze anzünde und nach Hause gehe. Verlassene Straßen begleiten mich auf meinem Weg, es hat aufgehört zu schneien. Obwohl es so kalt ist, habe ich ein wohlig warmes Gefühl in meinem Bauch. Es verlässt mich nicht, als ich um eine Ecke biege, die Haustür aufschließe oder die Treppe zur Wohnung hoch springe. Es bleibt immer da. Moritz bleibt immer da.
'Da bist du ja!' Mein Papa kommt in den Flur, als ich grade meine Jacke aufhänge. 'Wo warst du so lange?' Er fragt einfach so, mit einem Lächeln im Gesicht, weil er weiß, dass ich auf mich selbst aufpassen kann.
'Wie spät ist es denn?' 'Gleich halb neun.'
'Was?!' Erstaunt schaue ich erst ihn, dann meine Armbanduhr an. Tatsächlich, unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man glücklich ist.
'Kommst du mit ins Wohnzimmer oder willst du noch was essen?' Er guckt mich mit diesem Blick an, den ich sehr gut kenne. Ich weiß, dass er spürt, dass etwas passiert sein muss, aber er will es nicht wissen, solange ich es nicht erzählen will.Jeder hat sein eigenes Leben und so traurig das vielleicht klingt, so schön ist das. Denn ich weiß, dass meine Eltern für mich da sind, wann immer ich sie brauche. Und ich weiß, dass sie mich kennen, ohne dass ich ihnen viel erzählen muss. Das haben sie erst letzte Woche wieder unter Beweis gestellt.
Ich gehe in die Küche, mache mir Obstsalat und setzte mich dann zu Mama und Papa aufs Sofa, Lia ist auch da. Zusammen schauen wir einen Film, lachen, regen uns auf, geben Vorhersagen ab, wie es weiter gehen könnte. Es ist so wunderschön, dass wir alle wieder hier, eine Familie sind, es fühlt sich so echt und vertraut an.
Aber mit der Zeit fällt es mir immer schwerer mich auf den Fernseher zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen wieder und wieder ab. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Moritz vor mir. Wenn ich einatme, rieche ich seinen Duft. Bei jedem Wiedersehen hat er schöner ausgesehen, obwohl ich zuerst dachte, dass sei gar nicht mehr möglich.
Schnell wünsche ich allen eine gute Nacht und verschwinde in meinem Zimmer. Lieber bin ich jetzt alleine und schaue hinaus, so wir die letzten Abende schon. Noch nie wurde ich von jemandem so verzaubert. Und noch nie habe ich mich so schnell so verliebt.
Ich neheme mein Handy vom Schreibtisch. Als hätte er grade genau das gleiche gedacht, habe ich eine neue Nachricht von Moritz: Heute war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, weil du so ehrlich warst, weil du so echt warst, weil du mir vertraust hast. Einfach weil du da warst. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass du jetzt in meinen Armen wärst. Ich freue mich auf morgen, und mit nichts auf der Welt kann ich vergleichen, wie sehr ich dich vermisse. Schlaf gut, Vincent.
Ich antworte sofort. Danke, dass du da warst, du hast mir so geholfen. Ich vermisse dich auch. Bis morgen. Ohne zu zögern schicke ich noch ein rotes Herz hinterher, bevor sich eine Träne aus meinem Augenwinkel schleicht.
Womit habe ich ihn verdient?
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Dieses Mal ein sehr persönliches Kapitel. Ich hoffe es gefällt euch! Danke fürs Lesen, habt eine schöne Zeit :)
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Vincent (boyxboy)
Teen FictionLiebe auf den ersten Blick, kann das funktionieren? Wenn man weiß, dass man sich nie wieder sieht? Als er eines Tages diesen Jungen in der U-Bahn sieht, weiß er sofort: Er muss ihn wieder finden. Wie aber, wenn in seiner Stadt Millionen Menschen le...