Song: Woke up in Bangkok - Deepend
Vincent:
Ich springe die Stufen zu unserer Wohnung hoch und stecke den Schlüssel in das Türschloss. Ich freue mich so sehr, dass meine Eltern endlich wieder zu Hause sind. Trotzdem hätten sie sich fast keinen schlechteren Zeitpunkt dafür aussuchen können. Ich kann immer noch nicht fassen, was vorhin passiert ist. Ich bin in die Bahn eingestiegen und dann hab ich plötzlich seinen roten Rucksack gesehen und dieses mal war ich mir sicher, dass er es ist.
''Vincent!'', höre ich eine vertraute Stimme, nachdem ich die Wohnung betreten habe. Meine Mama kommt in den Flur und umarmt mich lange. Ich hab ihren Geruch vermisst, eine Mischung aus fernen Ländern und Heimat. Ich hab sie vermisst. ''Endlich seid ihr wieder zu Hause.''
Ich schaue sie an. Sie ist braun geworden, wie immer wenn sie weg war. ''Du siehst gut aus!'' Ich meine es ehrlich. Sie lächelt. ''Danke.''Ich ziehe meine Schuhe aus und folge ihr ins Wohnzimmer. 'Lia hat gekocht.'
Ich sehe zu meiner Schwester, wir hatten besprochen, dass ich ihr helfe. Aber dann kam Moritz. Und ich hab alles andere vergessen. Zum Glück hab ich keine Zeit, weiter darüber nach zudenken. Mein Vater schließt seine Arme um mich.
Ich merke jedes Mal erst wieder, wie sehr die beiden mir wirklich gefehlt haben, wenn sie wieder zu Hause sind.Nach dem Essen erzählen unsere Eltern von ihrer Reise nach Ozeanien. Und so sehr ich mir immer wünsche, dass sie länger bei uns bleiben, so sehr freue ich mich, wenn sie so erfüllt und glücklich Heim kommen und uns voller Begeisterung an ihren Erlebnissen teilhaben lassen, sodass ich fast denke, ich wäre selber dort gewesen.
'Bald kommst du mit, Vincent. Wenn du im Frühjahr deine Abiturprüfungen hinter dir hast, nehmen wir dich mit nach Brasilien.' Ich sehe Papa lange und überrascht an. Das Land wo ich schon immer hinwollte. Ich kann nur 'Danke!' sagen. Damit habe ich echt nicht gerechnet. Seit Monaten zerbreche ich mir meinen Kopf, was ich nach der Schule machen soll. Endlich habe ich eine Zukunft.
'Woher wusstet ihr, dass ich so gerne dahin will?' Ich kann mich nicht erinnern, es ihnen gesagt zu haben.
Papa lächelt. 'Wir sind deine Eltern, Vincent. Wir wissen sowas einfach.'Mama reicht Lia und mir in weißes Papier eingeschlagene Päckchen. 'Wir haben euch was mitgebracht!' Das machen sie fast jedes Mal. Vorsichtig öffne ich das Geschenk. Es ist ein Armband, zusammengesetzt aus kleinen Perlen und Steinchen. Auf der einen Seite ist mein Geburtsdatum eingraviert.
'Das haben wir bei einem kleinen Schmuckhändler machen lassen, in dem Dorf, wo wir die meiste Zeit waren. Wie haben alle etwas, was ähnliches ist.' Mama zeigt auf das Armband in meiner Hand.Dann deutet sie auf ihre Ohren, Papa hat eine Kette. Ich schaue zu Lia rüber. Unsere Eltern haben ihr ein Fußkettchen mitgebracht. Wie alles andere ist es wunderschön. Ich stehe auf und umarme erst Mama, dann Papa.
'Mir fällt nichts besseres ein, als nochmal Danke. So wie jedes Mal. Aber ich denke ihr wisst, wie viel mir das alles bedeutet. Das Geschenk, Brasilien, einfach alles.' Papa nickt und lächelt. 'Jetzt haben wir etwas, was uns alle verbindet.'----------------
Mittlerweile ist es spät geworden, und auch wenn ich jetzt unglaublich gerne bei meinen Eltern wäre, gehe ich lieber ins Bett.
'Gute Nacht. Schön, dass ihr wieder da seid.', sage ich und umarme sie noch mal lange, bevor ich mir erst die Zähne putze und schließlich in mein Zimmer gehe. Ich schließe die Tür hinter mir und reiße das Fenster auf.
Kalte Luft kommt mir entgegen, es hat immer noch nicht aufgehört zu schneien.Als ich meinen Pulli vom Bett nehme streift mein Blick das Bild, welches ich vor genau einer Woche dort aufgehängt hatte. Moritz. Was für ein schöner Name.
Ich setzte mich auf die Fensterbank und schaue nach draußen. Irgendwo da ist er und denkt vielleicht auch an das, was heute passiert ist.Unter mir erstreckt sich eine Stadt, die in der Dunkelheit der Nacht mit tausend Lichtern funkelt. Es ist deswegen unmöglich, hier Sterne zu sehen, die Stadt schläft nie. Aber das Glitzern der Laternen und alles andere sehen aus wie welche. Es ist fast noch schöner als jeder Nachthimmel, den ich bisher gesehen habe und das waren viele. Es liegt daran, dass ich zu Hause bin.
Das selbe Gefühl hatte ich heute, als ich Moritz gesehen habe. Noch nie hab ich mit ihm geredet, kenne ihn nicht. Aber es fühlte sich trotzdem toll an. Es war extrem kalt draußen, ist es immer noch, aber von ihm ging so eine wundervolle Wärme aus, die mich den Schnee vergessen ließ. Ich hab nur noch ihn gesehen, seine Hand in meiner gespürt.
Es war eine Kurzschlussreaktion, einfach so seine Hand zu nehmen. Etwas, was ich sonst eigentlich nie einfach so tun würde. Aber ich bereue das nicht, obwohl ich mir erst nicht sicher war, ob es vielleicht doch zu früh ist. Wenn man sich erst zum zweiten Mal in seinem Leben sieht.
Und eigentlich fühle ich mich sehr unwohl in Gesellschaft von Fremden. Ich finde keine Worte, wie neulich, als ich dachte, ihn gefunden zu haben. Und doch war es anders bei Moritz. Ich hatte ihm gleich die Wahrheit gesagt. Dass ich nach ihm gesucht hatte, weil ich ihn nicht vergessen konnte.Seine Reaktion auf diesen Satz sagten mir mehr als tausend Worte. Bei ihm war es genauso.
Ich schließe die Augen, sehe ihn vor mir. Und er ist noch hübscher, als ich ihn von unserer ersten Begegnung in Erinnerung habe.
Weiße Atemwölckchen bilden sich, als ich an ihn denke.Als es zu kalt ist, weiter die Stadt zu beobachten, schließe ich das Fenster, ziehe die Vorhänge zu und lege mich ins Bett. Noch bevor ich ein weiteres Mal sein Bild anschauen kann, bin ich schon eingeschlafen.
Habt eine schöne Woche.
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Vincent (boyxboy)
Teen FictionLiebe auf den ersten Blick, kann das funktionieren? Wenn man weiß, dass man sich nie wieder sieht? Als er eines Tages diesen Jungen in der U-Bahn sieht, weiß er sofort: Er muss ihn wieder finden. Wie aber, wenn in seiner Stadt Millionen Menschen le...