Das Korallenriff

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„Das macht dann einmal Siebenundzwanzig Euro, bitte", sagte die Frau hinter dem Tresen und lächelte sie freundlich an. Jede von Ihnen holte neun Euro heraus und bezahlte.
„Hier sind ihre Bänder, viel Spaß." Die Frau überreichte ihnen drei Armbänder. Laila nahm sie an sich und reichte jeweils eines zu Sahra und eines zu Maria. Dann passierten sie das Drehkreuz und gingen einen Gang entlang zu den Umkleiden. Ihnen schlug direkt der altbekannte Schwimmbad-Chlorgeruch entgegen. Laila hüpfte vor ihnen her und Sahra und Maria liefen hinterher. Allerdings konnte man von „laufen" bei Maria nicht wirklich reden, es war eher ein unmotiviertes schlurfen. Auch ihr Gesichtsausdruck wirkte sehr gelangweilt. Oder war es desinteressiert? Sahra zog sie am Arm, damit sie schneller ging und flüsterte ihr zu: „Jetzt komm schon, Versuch etwas fröhlicher zu sein. Laila freut sich so sehr." Sie schaute Sahra böse an und giftete: „Tut mir leid, ich kann leider nicht steuern, ob ich fröhlich oder scheiße gelaunt bin." Sahra seufzte.
„Ja okay, hast recht, aber was ist los, dass du so griesgrämig bist?" Maria blieb stehen.
„Ich weiß es nicht. Ich habe einfach keinen Bock auf Menschen." Kurz zögerte sie. Sie konnte Maria gut verstehen, sie wollte ja selber eigentlich so wenig Menschen wie möglich begegnen. Aber da mussten sie jetzt durch.
„Versuch dich nicht auf die anderen zu konzentrieren, versuch bei uns zu bleiben, dann ist es vielleicht nicht so schlimm." Maria schaute sie mit hochgezogenen Brauen an.
„Du hast echt keine Ahnung wie es mir geht. Nur weil ich die anderen Menschen versuche zu ignorieren, heißt das noch lange nicht, dass es mir damit besser geht. Die Leute sind ja immer noch da, sie verschwinden nicht."
„Kommt ihr?", fragte Laila plötzlich. Die beiden wandten sich um. Sie stand am anderen Ende des Flures und blickte zu ihnen herüber.
„Äh, ja!", rief Sahra zurück und zog Maria mit sich. Während des Gehens flüsterte sie ihr zu: „Bitte, versuch wenigstens für Laila etwas fröhlicher zu sein. Sie wird sonst echt traurig."
„Wie ein Kleinkind", murmelte Maria.
„Du weißt doch, wie sie manchmal ist. Nun komm schon", sie schleifte Maria weiter den Gang entlang zu der wartenden Laila.
„Was war denn?", fragte sie die zwei verwundert.
„Ach, ihr Schuh war offen", sagte Sahra schnell und nickte zu Maria, die es tatsächlich schaffte ein Lächeln aufzusetzen. Laila nickte. „Ah, okay", dann gingen sie weiter. Bei den Umkleiden angekommen nahm sich jede eine Kabine und schloss sich ein. Sahra holte ihren Blau-Weiß-Grün gewellten Bikini aus ihrer Tasche, dazu noch ihre Shorts, die sie dazu gekauft hatte, welche Türkis mit dunkelblauen Sternen war und begann sich auszuziehen. Sie blickte an sich hinunter. Dadurch, dass sie heute noch nichts gegessen hatte, schien ihr Bauch tatsächlich flacher zu sein. Sie konnte ihre Füße und ihre Schamhaare sehen. Vielleicht würde sie ja doch nicht so dick aussehen.
„Das glaubst du doch wohl selber nicht", spottete eine Stimme hinter ihr. Überrascht fuhr sie herum. Sie war es zwar gewohnt, dass Ana einfach so neben ihr auftauchte, doch hatte sie nicht erwartet, sie heute zu sehen. Sie blickte sie verwundert an und musterte sie. Dieses Mal trug sie weder Bluse noch Rock, sondern einen rein schwarzen Bikini. Sie starrte sie an. Sie sah so unglaublich schön aus. So helle Haut, so dünne Beine, so hervorstehende Beckenknochen und Schlüsselbeine und erahnbare Rippen. So zart, so rein, so wunderschön, so perfekt.
Dass sie selbst nackt war störte sie nicht. Ana hatte sie schon einmal nackt gesehen, zwar nur in einem Traum, aber das zählte ja auch. „Was machst du hier?", fragte sie in ihren Kopf hinein.
„Nun", begann Ana, „du hattest gerade nur einen dummen Gedankengang und ich wollte dir nur kurz die Realität nahe bringen. Sahra, du bist dick." Sie starrte Ana an. Dann senkte sie langsam den Kopf.
„Dein Bauch ist zwar flacher als gewöhnlich, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass du dick bist. Dass du schwabbelst. Dass das Fett nur so an dir herunter hängt." Ana kniff ihr in die Seite. Sie zuckte weg und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie Recht. Wie konnte sie sich auch nur eine Sekunde einreden, sie wäre nicht fett? Wie kam sie auf die Idee, dass sie mit einem Minimal flacheren Bauch dünner aussehen könnte. Ana hob ihr Kinn an, sodass sie ihr in die Augen sehen musste.
„Eine Frage habe ich an dich." Sahra nickte.
„Gefällt es dir, wenn dein Bauch so aussieht? Wenn er nicht so rund ist?"
„Ja", hauchte sie. Ana legte ihr einen Finger auf die Lippen.
„Schh", machte sie. „Und weißt du auch, wie du diesen flachen Bauch beibehalten kannst? Du darfst nichts essen." Sahra machte große Augen.
„Nichts–"
„Essen, ja. Wenn du willst, dass dein Bauch flach bleibt, dann darfst du nichts essen."
„Ich–", plötzlich klopfte es gegen die Tür.
„Sahra, brauchst du noch lange?" Sie zuckte zusammen.
„Äh ja, äh nein, bin gleich fertig", sagte sie hektisch. Ana war weg. Sie packte ihren Bikini und schlüpfte hinein. Dann griff sie ihre abgelegten Sachen und ihre Tasche und öffnete die Tür. Laila und Maria standen umgezogen vor ihr und beäugten sie.
„Was hat denn so lange gebraucht?", fragte Maria.
„Äh, ich war noch kurz am Handy", antwortete sie schnell.
„Ah, okay."
Kam es ihr nur so vor, oder verweilten Lailas und Marias Blicke kurz auf ihrem Körper? Unbehagen kam in ihr auf. „Die denken sicher, dass ich total dick bin und ekeln sich davor", dachte sie traurig.
„So wird es wohl sein", erklang Anas Stimme.
„Also", sagte Sahra schnell um der Situation zu entkommen, „wollen wir dann?"
„Na, klar", sagte Laila und sie und Maria wandten sich von ihr ab. Sie gingen zu den Schließfächern.
„Ich bin irgendwie voll aufgeregt", sagte Laila fröhlich während sie ihr Handtuch aus der Tasche zog. Sahra nickte. Ja, sie war ebenfalls aufgeregt, aber wahrscheinlich anders, als Laila es war. Sie war aufgeregt, weil sie gleich unzähligen Menschen begegnen würde, die alle ihren Körper sehen werden. Ihre Hand verkrampfe sich kurz um den Griff der Spindtür, bei dem Gedanken an die ihr bevorstehenden Stunden. Scheiße, scheiße, scheiße. Warum hatte sie sich hierauf eingelassen? Wieso war sie überhaupt hergekommen? Weshalb hatte sie dem ganzen hier zugestimmt?
„Warum bist du denn aufgeregt?", fragte Maria und stopfte ihre Klamotten mehr schlecht als recht in den Spind. Laila schloss ihren ab.
„Naja, ich weiß nicht. Ich bin halt einfach wirklich froh, mit euch hier zu sein. Ich meine, wann waren wir das letzte Mal zusammen hier? In der fünften Klasse?" Maria überlegte kurz, dann hellte sich ihre Miene auf und sie sagte ein langgezogenes: „Ja, stimmt, da waren wir zu deinem Geburtstag hier. Alter ist das lange her." Laila lachte. „Genau. Und seitdem war ich, glaube ich, nur ein bis zwei mal hier. Ich bin gespannt, ob sich etwas verändert hat."
„Doch, ich glaube schon. Ich erinnere mich mal eine Anzeige gesehen zu haben in der stand, dass sie neue Rutschen gebaut hatten. Ist vielleicht Ein Jahr her oder so." Maria zuckte mit den Schultern. Laila griff die Worte sofort auf: „Stimmt, ich glaube das habe ich damals auch gesehen. Ich hatte mir sogar vorgenommen mal wieder hier hin zu gehen, habe es dann aber irgendwie doch nicht gemacht. Allerdings als– äh Sahra, alles okay?" Sahra zuckte zusammen. Sie hatte, während des Dialogs, wie zur Salzsäure erstarrt vor ihrem Spind gestanden und die Hand in die Tür gekrallt. In ihrem Kopf spukten Bilder herum von ihrem dicken Körper und Angst war in ihr aufgekeimt. Angst davor, dass die anderen sie und ihr Fett sehen werden. Durch Lailas direkte Ansprache war sie aber wieder zurück in die Realität geholt worden. Sie räusperte sich.
„Ähm, ja, äh alles okay. Sorry, war gerade in Gedanken." Schnell schmiss sie ihre restlichen Sachen in den Spind, holte noch Handtuch und ihre Trinkflasche heraus und schloss dann ab.
„So äh, wir können", sagte sie und versuchte sich ein Lächeln abzuringen. Die beiden blickten sie wieder schief an.
„Alles klar", sagte Maria mit langem „a".
„Du bist heute wohl ziemlich verpeilt", lachte Laila. Sahra lachte gekünstelt: „Haha, ja, stimmt wohl." Sie umschlang ihre Trinkflasche fester, damit man das Zittern ihrer Hände nicht sah.
„Also dann, äh, wollen wir?"
„Ja", nickte Laila und wandte sich zum gehen. Maria beäugte sie noch einmal komisch und Sahra lief Laila schnell hinterher. Sie konnte bereits lautes Stimmengewirr hören und der Chlorgeruch wurde immer stärker.
„Warum hast du eigentlich eine Trinkflasche dabei?", fragte Maria sie. „Ach äh, ich wollte mir nichts kaufen und Wasser schmeckt doch auch." Sahra lächelte unschuldig. Als sie durch die offene Tür in die große Halle traten wurde ihr leicht übel. So viele Menschen. So unfassbar viele Menschen und alle schienen sie anzustarren. Jedes Augenpaar schien auf sie gerichtet zu sein und sie verschränkte die Arme mit dem Handtuch vor dem Körper um ihren Bauch zu verdecken.
„Also dann", sagte Laila und blickte sich um, „suchen wir uns ein paar Liegen."
Dies gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht, da so gut wie alle besetzt schienen. Die meisten waren mit Handtüchern und Taschen reserviert.
„Also ich glaube, wir werden keine drei Liegen nebeneinander finden", sagte Sahra und blickte sich weiter um. Laila tat das mit einer Handbewegung ab.
„Ach, ist doch nicht so schlimm, wir können uns doch auch eine teilen."
„Da hinten ist eine!", rief Maria plötzlich und zeigt an das andere Ende der Reihe. Tatsache, da war noch eine freie Liege, genau neben einer auf der sich gerade eine Frau ausruhte und ein Buch las.
„Perfekt, die nehmen wir." Sie liefen zu der weißen Liege herüber und legten ihre Handtücher darauf ab. Sahra wickelte ihre Trinkflasche in ihr Handtuch ein, damit sie nicht geklaut wurde.
„Na dann, auf gehts", strahlte Laila, nahm Maria und Sahra am Arm und zog sie zum nächstgelegenen Becken. Es war wirklich sehr voll. Und laut. Viele Eltern schienen wohl mit ihren Kindern da zu sein, denn das Becken war voll von kleinen Knirpsen mit bunten Badeanzüge und Hosen und farbigen Schwimmbrillen. Die Kinder schrien und lachten und tobten im Wasser herum. Laila ließ sie los und ging als erstes die Treppen, die ins Becken führten, hinunter. Der Boden war hier nicht so tief, so dass das Wasser gerade einmal zur Brust ging.
„Kommt schon", lachte sie ihnen zu, „es ist super." Also stiegen sie die Stufen hinunter und gesellten sich zu Laila. Es war angenehm warm.
„So, und was machen wir jetzt?", fragte Maria. Laila wollte gerade etwas sagen, da traf sie ein Wasserball am Hinterkopf. Sie wandte sich kichernd um und ein kleiner Junge rief: „Entschuldigung!"
„Kein Problem", sagte sie und warf ihm den Ball zu. Der Junge fing ihn und warf ihm seinen Kumpel zu.
„Also, was ich sagen wollte", setzte Laila wieder an, „wir haben jetzt einfach Spaß!" Sie spritzte Maria und Sahra Wasser ins Gesicht.
„Na warte du!", lachte Sahra und schleuderte ihr ebenfalls etwas ins Gesicht. Laila und Sahra lieferten sich eine Wasserschlacht, während sich Maria von hinten an Laila anschlich. Dann sprang sie auf sie, klammerte sich an ihrem Rücken fest und drückte sie lachend unter Wasser. Hustend tauchte sie wieder auf und wischte sich die Haare aus dem Gesicht.
„Jetzt kannst du was erleben!", rief sie und warf sich auf Maria. Beide gingen unter. Als sie wieder auftauchten drehten sie sich zu Sahra um.
„Jetzt du!", rief Laila lachend und die beiden kamen langsam auf sie zu.
„Ihr werdet mich niemals kriegen!", lachte Sahra und warf sich zur Seite. So schnell wie es ihr im Wasser möglich war flüchtete sie vor ihren beiden Freundinnen. Diese waren ihr dicht auf den Fersen. Sie bog um eine Mauer, die den flachen Bereich vom tiefen trennte und schwamm hektisch weiter. Sie warf einen Blick nach hinten. Laila war noch immer hinter ihr, doch Maria war verschwunden. Sie schwamm weiter, versuchte zu kraulen und brachte ein wenig mehr Abstand zwischen sich und Laila. Sie tauchte unter um noch schneller zu sein und strampelt mit den Beinen. Sie schwammen unter einer Brücke durch in einen anderen Bereich des Beckens, der sehr tief war. Plötzlich sprang nur wenige Meter von ihr entfernt jemand vom Beckenrand. Das war Maria! Sie taucht wieder auf und kam auf direktem Wege auf Sahra zu. Diese drehte sich um und wollte abhauen, doch versperrte Laila ihr den Weg. Sie saß in der Falle. Beide kamen näher. Sie wich zurück. Sie stieß mit dem Rücken gegen den hinteren Beckenrand. Schnell drehte sie sich um und wollte rausklettern, doch plötzlich packte sie jemand am Fuß und zog sie zurück. Maria hielt sie fest und rief: „Jetzt Laila!", und Laila umfasste sie von hinten und tauchte mit ihr Unterwasser. Eine Sekunde später ließ sie sie wieder los und beide kamen zurück an die Oberfläche. Hustend klammerte sie sich am Beckenrand fest, doch dann musste sie in das Gelächter von Maria und Laila einstimmen.
„Boah ihr", sagte sie und hustet und noch mal. „Ihr seid echt fies." Maria gesellte sich neben sie und sagte grinsend: „Immer wieder gerne doch." Laila hielt sich ebenfalls am Rand fest.
„Also, ich bin dafür, dass wir jetzt rutschen gehen."
„Können wir machen", sagte Maria und zog sich aus dem Becken. „Okay, aber wartet noch kurz, ich brauche noch eine Sekunde." Sahra hustete noch einmal. Sie hatte beim untertauchen Wasser in die Nase bekommen. Sie verweilten also noch einen Moment.
Zwei Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, schwammen mit geschlossenen Beinen, wie Delfine, an ihnen vorbei. Sie tauchten auf zum Luftholen, grinsten sich an und tauchten wieder unter.
„Okay, jetzt geht es", sagte Sahra, als ihre Atmung wieder normal war und kletterte Laila hinterher. Die Drei liefen eine lange Wendeltreppe hinauf, die zu den Rutschen führte. Doch waren Sie nicht die einzigen, die Rutschen wollten. Eine lange Schlange hatte sich vor den drei Röhren gebildet. Sie stellten sich an und warteten. Während des Wartens quatschen sie ein wenig und lachten. Als sie endlich dran waren zögerten sie nicht lange und rutschten direkt hinter einander weg. Maria vorne, Sahra in der Mitte und Laila hinten. Sahra war so schnell, dass sie gegen Maria knallte. Beide lachten. Laila klammerte sich an ihrem Rücken fest und als menschliches Knäul rutschen sie weiter durch die Dunkelheit. Dann wurde es plötzlich heller und die drei gelangten in das Becken am Ende der Rutsche. Sie entwirrten sich und Laila sprang direkt auf.
„Kommt schon, noch mal!",rief sie lachend und flitzte zurück zur Treppe. Gerade wollte Sahra aufstehen, da krachten von hinten zwei Jungs in sie hinein. Sie wurde umgeworfen und fiel auf Maria die dadurch zur Seite kippte.
„Oh, sorry", grinste einer der Jungs und er und sein Kumpel liefen schnell zur Treppe. Sahra und Maria richteten sich wieder auf und verließen rasch das Becken, ehe noch jemand weiteres in sie hinein rutschte und folgten Laila und den Jungs die Treppe rauf.
Und so rutschten sie weiter. Noch mal und noch einmal. Immer wieder sausten sie eine der Rutschen hinunter und immer wieder standen sie an der Schlange an. Doch nach einigen Malen wurde es Maria zu öde und sie lies die anderen beiden zurück und verschwand in ein anderes Becken. Sahra und Laila hingegen rutschten noch ein wenig. Gerade als sie zum elften Mal ins Becken sausten, löste sich Sahra aus Lailas Umklammerung, richtete sich auf und sagte: „Puh du, das reicht doch erst mal. Komm, lass zu Maria gehen. Die langweilt sich bestimmt schon ohne uns." Beide verließen den Rutschbereich und machten sich auf die Suche. Sie gingen zu ihrer Liege, doch dort war sie nicht. Sie liefen um die Becken herum und hielten nach ihr Ausschau, doch sahen sie sie nicht. Sie schwammen in den Außenbereich, doch auch dort hielt sie sich nicht auf. Wo war sie nur?
„Hmm, wie wäre es, wenn wir uns aufteilen?", fragte Laila, als sie den Außenbereich wieder verließen. Sahra überlegte kurz doch begeistert war sie nicht.
„Nein, das wäre nicht gerade schlau. Ich meine, wenn wir uns aufteilen und ich finde dann zum Beispiel Maria, dann müssen wir beide ja dich finden. Wir wären also quasi wieder an der Ausgangssituation: zwei von uns suchen die Dritte." Laila zuckte, soweit es im Wasser möglich war, mit den Schultern.
„Stimmt, hast recht, aber was machen wir dann?" Sie dachte nach. Wo könnte Maria nur hin sein? „Vielleicht ist sie ja inzwischen zur Liege gegangen und wartet auf uns. Ich meine, theoretisch wäre es doch möglich."
„Okay, da können wir noch mal gucken", sagte Laila und sie schwammen zum Beckenrand und kletterten raus. Sie durchquerten die Halle und gingen zu den Liegen. Allerdings konnten sie schon von weitem sehen, dass Maria nicht dort war. Sie blieben stehen.
„Und was machen wir jetzt?", fragte Laila und wandte sich ihr zu. Sie blieb still. Ja, was sollten sie jetzt machen? Wo sollten sie noch suchen?
„Ähm... naja... also, ich denke äh... wir müssen einfach weiter schauen. Ich meine, irgendwann müssen wir sie ja finden", sagte sie und blickte sich weiter um. „Vielleicht sollten wir–"
„Da ist sie!", rief Laila, packte Sahra am Arm und deutete nach rechts. Sie drehte sich um und tatsächlich, da kam Maria auf sie zu. Die beiden lösten sich aus ihrer Starre und liefen ihr entgegen.
„Wo warst du?", fragte Laila schon fast ein wenig vorwurfsvoll. „Wir haben dich überall gesucht." Maria schaute sie verwirrt an.
„Ich war auf Toilette", sagte sie und wies mit dem Daumen über ihre Schulter in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war. Sahra nickte und gab sich innerlich einen Facepalm. Na klar, warum waren sie nicht sofort auf die Idee gekommen auch mal auf den Klos nachzusehen? Wäre das nicht eigentlich der erste Ort an dem man ein Mädchen vermuten würde, wenn es verschwunden war?
„Wow, ist das nicht irgendwie schon ziemlich sexistisch?", meldete sich Ana zu Wort. Doch Sahra gab trotzig zurück: „Naja, jetzt nicht unbedingt sexistisch, eher klischeehaft." Anas Stimme schwieg.
„Also, wollen wir dann wieder?", fragte Maria und deutete zu den Becken. Laila nickte eifrig. Sie ging den beiden voran zum Wasser und sie folgten ihr.
„So", sagte Maria, als sie wieder im Becken waren, „und was machen wir jetzt?" Sie überlegten.
„Wie wäre es mit–", plötzlich sprang ein Kind mit Anlauf vom Beckenrand, schlug nur einen knappen Meter neben ihnen auf und überflutete sie mit einer Welle von Wasser. Sahra kniff die Augen zusammen. Sie wischte sich einmal über das Gesicht und blinzelte. Der kleine Junge lachte und schwamm von ihnen weg. Maria schaute ihm böse hinterher.
„Was ich sagen wollte,", fuhr Laila fort, „wie wäre es mit verstecken?" Maria stöhnte. „Och echt jetzt? So ein Kinderspiel?" Doch Sahra verteidigte Lailas Vorschlag: „Hast du eine bessere Idee? Komm schon, das wird lustig."
„Ich fang an!", rief Laila, grinste und hielt sich die Hände vors Gesicht. „Eins! Zwei!–"
„Warte, warte, warte", warf Maria ein, „bis wie viel zählst du?"
„Ich dachte bis Sechzig."
„Quatsch, doch nicht bis Sechzig", sagte Sahra, „Das ist zu wenig. Im Wasser sind wir doch so langsam. Sagen wir bis Einhundert." Laila schloss die Augen wieder und begann zu zählen: „Eins! Zwei! Drei!" Maria und Sahra machten sich vom Acker. Maria schwamm zum tiefen Bereich, während Sahra aus dem Becken kletterte. Gedanklich zählte sie mit. „Elf. Zwölf." Versteck, Versteck, sie brauchte ein Versteck. Wohin sollte sie? „Fünfzehn. Sechzehn." Sie blickte sich um. Maria verschwand gerade um die Wand, die das flache Becken vom tiefen trennte. Schnellen Schrittes lief sie durch die Halle. Wo könnte sie sich verstecken? Ihr Blick fiel auf das Kinderbecken, abseits von dem großen Bereich. Es war gerade einmal Knöchel tief und sehr warm. Wärmer als das restliche Wasser. Sie ging darauf zu und blickte sich um. Ein paar kleine Kinder spielten in den Becken und ihre Eltern saßen daneben und passten auf. Ein Kind war ganz begeistert von einer Wasserfontäne die immer wieder aus dem Boden sprudelte und ein anderes versuchte die kleine Rutsche hinauf zu klettern. Die Rutsche! Sie lief auf die Rutsche zu und musterte sie. Theoretisch könnte sie sich darunter verstecken. Es war zumindest hoch genug, als dass sie dort aufrecht stehen könnte. Sie stellte sich unter die Rutsche und drückte sich möglichst nahe an die Leiter, um von außen nicht so schnell gesehen zu werden. „Siebenundvierzig. Achtundvierzig." Das kleine Mädchen hatte es die Leiter hoch geschafft und Rutsche hinunter.

Einmal Ana, immer Ana.Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt