Viel zu spät und außer Atem erreichte Sahra ihr Klassenzimmer. Sie klopfte und wartete. Einige Sekunden später wurde die Tür geöffnet und ihre Französischlehrerin sah sie böse an.
„Entschuldigung, dass ich zu spät bin", keuchte sie. Frau Schulte trat beiseite und ließ sie hereintreten. Sie huschte durch die Tischreihen zu ihrem Platz neben Maria.
„Na", flüsterte diese, „alles gut? Warum so spät heute?" Sahra hängte ihre Jacke über die Stuhllehne und kramte schnell ihre Französischsachen heraus.
„Ach, keine Ahnung, ich hab irgendwie die Zeit aus den Augen verloren", flüsterte sie zurück. Frau Schulte fuhr mit ihrem Unterricht fort und Sahra versuchte sich so gut es ihr möglich war zu konzentrieren.
Während der gesamten Stunde knurrte Sahras Magen wieder und immer wieder und lenkte sie ab. Sie hatte so Hunger. Ihre Aufmerksamkeit schwand dahin doch versuchte sie dennoch dem Unterricht mit glasigen Augen und mit auf der Hand abgestütztem Kopf zu folgen. Maria warf ihr von der Seite ständig Blicke zu, doch Sahra bekam es nicht mit. Sie kritzelte auf einer Seite ihres Hefters herum und versuchte ihre Gedanken überall hinzulenken, nur nicht in Richtung Essen.
Als es klingelte hüllten sie sich in ihre Jacken, schulterten die Ranzen und gingen zur Frühstückspause hinunter auf den Hof. Sie stellten sich in ihre gewohnte Ecke und Laila und Maria öffneten ihre Brotdosen. Sahra konnte nicht anders und warf einen Blick hinein. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, als sie die belegten Brote sah. Maria warf ihr noch einen Blick zu, dann nahm sie eines ihrer Brote heraus und hielt es Sahra hin.
„Hier", sagte sie, „nimm es. Ich habe deinen Bauch in Französisch die ganze Zeit knurren hören. Du musst ja einen heiden Hunger haben."
Wie erstarrt blickte Sahra auf das Essen und dann zu Maria. Schnell sagte sie: „Äh, ne, das muss nicht sein, wirklich." Doch Maria hielt ihr das Brot weiter hin.
„Keine falsche Bescheidenheit."
„Aber...", Sahra suchte hektisch nach einer Ausrede, „äh, ich habe echt keinen Hunger. Ich hab gefrühstückt, wirklich."
„Das hört sich aber nicht so an", sagte Maria und sah ernst aus. „Und jetzt nimm endlich." Zögerlich ergriff Sahra das Brot und starrte es an. Maria begann derweil zu essen. Scheiße, wie sollte sie da denn jetzt drum herum kommen? Sie konnte jetzt doch nichts essen, sie musste fasten! Sonst würde sie zunehmen!
„Ana?", flüsterte sie in ihren Kopf hinein. „Bitte schnell, ich brauche deine Hilfe!" Und Anas Stimme erklang in ihren Gedanken.
„Keine Sorge", sagte sie ruhig, „ich habe einen Plan."
Schnell erklärte Ana Sahra was sie zu tun hatte und innerlich nickte sie. Ja, das war gut. Das musste klappen. Langsam und darauf bedacht, dass Maria zusah, biss sie in das mit Gurke belegte Brot. Dann wandte sie sich ab, tat so als würde sie sich umsehen und führte eine Hand zu ihrem Gesicht um den Eindruck zu erwecken sie würde sich kratzen und holte das abgebissene Stück aus ihrem Mund heraus. Das sich nun in ihrer Hand befindende Brotstück ließ sie in die Tasche ihrer Jacke gleiten und drehte sich kauend wieder um. Maria lächelte ihr zu und aß weiter. Sahra lächelte zurück, biss wieder ab, künstelte einen Niesanfall vor, drehte sich weg und ließ auch den zweiten Bissen aus ihrem Mund in die Hand und dann in ihre Tasche wandern. Wieder drehte sie sich kauend zurück und schluckte nichts als Speichel hinunter. Ein drittes Mal biss sie ab, täuschte dieses Mal ein Gähnen vor, hielt sich die Hand vor den Mund und holte auch dieses Stück heraus. Als sie auch jenes in ihrer Tasche versteckt hatte sagte sie: „Ich muss mal aufs Klo, bin gleich wieder da." Laila schloss ihre Brotdose.
„Ich komm mit", sagte sie fröhlich.
„Ich auch", schloss sich Maria an.
Sahra wurde nervös. Verdammt! Eigentlich war der Plan gewesen das Brot jetzt zu entsorgen, doch ging das nun nicht mehr, da die beiden mitkamen. Anas Plan ging nicht auf. Sie machten sich auf den Weg zu den Mädchentoiletten und Sahra überlegte fieberhaft, was sie jetzt tun könnte. Doch Ana meldete sich wieder.
„Nur keine Panik, du machst jetzt Folgendes."
Sahra ließ sich ein paar Schritte zurückfallen, sodass sie hinter Maria und Laila lief und riss die Hälfte vom Brot ab und steckte es zu den anderen Stücken in ihre Tasche.
Als sie beim Klo ankamen traten sie ein und fanden drei leere Kabinen vor. Sahra ging demonstrativ an ihren Freundinnen vorbei zur hintersten Kabine und offenbarte Maria dadurch das restliche Brot in ihrer Hand um ihr zu zeigen, dass sie fast aufgegessen hatte. Sie verschloss die Tür hinter sich und beugte sich über die Schüssel. Leise holte sie die abgebissenen Stücke aus ihrer Jackentasche und ließ sie vorsichtig, sodass keine Spritzgeräusche zu hören waren, in das Toilettenwasser gleiten. Das große, abgerissene Stück zerpflückte sie in kleinere Teile, genauso wie das, was sie noch in der Hand hatte und legte sie zu dem Rest in die Toilette. Dann erhob sie sich, zog die Hose runter, setzte sich auf die Klobrille, tat so als würde sie pinkeln und spülte Marias Brot anschließend in die Kanalisation hinunter. Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit, doch verscheuchte sie es. Die Alternative wäre es gewesen es zu essen und das ging nicht. Sie musste fasten. Hätte sie gegessen würde sie zunehmen und das wollte sie auf keinen Fall. Das war die einzige Möglichkeit gewesen das Brot loszuwerden. Sie verließ die Kabine und wusch sich die Hände. Maria, die schon fertig war, sah sie prüfend an.
„Wo ist mein Brot?", fragte sie.
„Da drin", Sahra wies auf ihren Bauch. Langsam nickte Maria.
„Ah, okay. Hat es geschmeckt?"
„Klar doch, ich mag Gurke", sagte sie lächelnd.
Eine Spülung wurde betätigt und Laila kam heraus.
„Echt, du hast das hier gegessen?", fragte sie ungläubig. „Ich finde Toiletten ja jetzt nicht gerade appetitlich." Sahra zuckte nur mit den Achseln. Sie verließen das Klo wieder und stellten sich zurück auf den Pausenhof.
Als es dann klingelte gingen sie in Richtung der Wissenschaftsräume, da sie nun Chemie hatten. Und da trinken in diesen Räumen verboten war leerte Sahra ihre Flasche schnell um ihren Magen zum Schweigen zu bringen, damit Maria ihn nicht noch einmal knurren hören würde.
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Einmal Ana, immer Ana.
Aktuelle LiteraturSahra, ein durchschnittliches Mädchen von einer Sekundarschule, das keine größeren Probleme, als das Bewältigen der Hausaufgaben kennt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie vor dem Spiegel stand und sich als zu dick empfand. Ab da begann der Albtrau...
