Nach dem Essen verkrümelte sich Sahra wieder in ihrem Zimmer. Mit einem sehr vollen Bauch kuschelte sie sich auf der Couch in ihre Decke ein und schaute Netflix. Da waren beim Mittagessen die Augen wohl größer als der Magen gewesen. Sie hatte zwar alles aufgegessen, doch bereute sie es im Nachhinein. Ihr war schlecht. Ihr Bauch tat weh und sie fühlte sich maßlos überfüllt.
„Selbst Schuld", erklang eine Stimme. Ihr Kopf zuckte nach links und wen erblickte sie da? Ana! Sie schritt auf die Couch zu und ließ sich neben Sahra fallen. Diese pausierte ihre Folge und wandte sich zu ihrer Freundin.
„Du bist manchmal ziemlich gemein, weißt du das?", fragte sie und schob schmollend die Unterlippe vor. Ana seufzte. „Ich bin nicht gemein, ich sage nur die Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass du selber Schuld daran bist. Du hast ja so viel gegessen, nicht ich, du alleine." Sie seufzte ein weiteres Mal. „Weißt du, was du wissen solltest? Ich bin echt enttäuscht von dir. Da hattest du gerade dein Ziel erreicht und schon frisst du dir wieder alles an. Das ist echt schade. Formal du ja selber sagtest, du sähest noch keine Veränderung und würdest noch weiter abnehmen wollen. Und komm jetzt nicht mit deinem „Ich hab es mir aber verdient". Ja, du hast dir eine Belohnung verdient, aber die darf unter keinen Umständen aus Essen bestehen. Unter gar keinen Umständen. Du willst doch dünn werden, oder? Dann darfst du dich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit vollfressen. Es gibt so viele andere schöne Belohnungen. Leg dir zum Beispiel für jedes Ziel etwas Geld beiseite und davon kaufst du dir dann etwas Schönes. Merch, Filme, Bücher, Schmuck, neue Klamotten, einen Kinobesuch, was auch immer, aber kein, ich wiederhole, kein Essen."
Langsam senkte sie den Kopf. Ana hatte recht, Ana hatte ja so recht! Da hatte sie endlich ihr Ziel erreicht und schon mampfte sie wieder alles, was in ihrer Reichweite war. Das war doch nicht zielführend! So würde sie doch niemals ihr Wunschgewicht erreichen. „Ich... ich...", fing sie an, doch mehr bekam sie nicht heraus. Nur ein geflüstertes „Tut mir leid", brachte sie hervor. Ana legte einen Arm um sie. „Weißt du was", setzte sie an, doch wurde jäh von einem Klopfen unterbrochen. Die Tür ging auf und Marlene streckte den Kopf herein. Von diesem plötzlichen Auftauchen erstarrt, glotzte Sahra zur Tür herüber und nahm dabei gar nicht wahr, dass Ana von ihrer Seite verschwunden war.
„Ich treffe mich mit ein paar Freunden und komme wahrscheinlich erst gegen Abend wieder", sagte ihre Mutter.
„Äh okay, viel Spaß", antwortete Angesprochene.
Die Tür schloss sich und ein paar Augenblicke später fiel auch die Wohnungstür zu.
„Na das ist doch super", sagte Ana, die aus dem Nichts wieder neben ihr aufgetaucht war.
„Wieso super?", fragte sie. Ana lächelte. „Nun ich wollte dir gerade einen Deal vorschlagen." Verwundert fragte sie nach: „Einen Deal?"
„Ja, einen Deal. Und zwar folgendes: du machst jetzt brav Sport, solange, bis es nicht mehr geht und ich verrate dir danach das Siebte Ana Gebot. Na, wie klingt das?" Sie überlegte. Ana würde ihr das nächste Gebot erst verraten, wenn sie jetzt Sport machen würde. Das glich ja schon fast einer Erpressung!
„Sag mal, willst du mich etwa erpressen?", fragte sie und zog die Augenbrauen hoch. Doch Ana grinste nur. „Du kannst gerne versuchen Anzeige zu erstatten", dann lachte sie.
„Äh, und warum ist es gut, dass Mama weg ist?", fragte sie weiter nach.
„Na wenn sie nicht da ist, kann sie auch nicht hören, dass du Sport machst, egal wie laut du bist. Wir sind ungestört und du kannst so laut sein wie du willst." Sie zögerte kurz.
„Wie viel Sport muss ich denn machen?"
Fast hatte sie ein wenig Angst vor der Antwort. Wenn Ana verlangen würde, dass sie bis zum Abend hin Sport machen sollte, dann hätte sie die Arschkarte gezogen. So lange würde sie auf keinen Fall schaffen, selbst wenn sie Pausen (viele Pausen) machen würde. Doch wusste Ana, dass sie theoretisch alles verlangen konnte, was sie wollte, Sahra würde es tun. Zu sehr brannte sie darauf das Gebot zu erfahren.
„Sagen wir erst einmal eine Stunde. Danach sehen wir weiter, okay?" Eine Stunde? Eine Stunde klang machbar. In der Schule hatten sie ja sogar anderthalb Stunden Sport und die bewältigte sie doch auch, also würde sie das bestimmt schaffen.
„Okay", sagte sie.
Sie stand auf und zog sich ihre Sportklamotten an. Ana streckte sich derweil auf der Couch aus und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
Sie legte los. Erster Schritt: dehnen. Sie wollte ja nicht ganz unvorbereitet starten und ihren Muskeln wenigstens die Möglichkeit geben sich ein wenig aufzuwärmen. Dann begann sie mit der ersten Übung: Kniebeugen. Es folgten Hampelmänner, Lunges, Sternsprünge, Mountainclimbers und auf der Stelle laufen. Danach verscheuchte sie Ana von der Couch um Sit Ups und Liegestütze zu machen. Diese wollte sie nämlich nicht auf dem harten Boden bewerkstelligen. Das täte ihr dann doch zu sehr weh. Ana beobachtete sie dabei und spornte sie an. „Komm schon, komm schon. Noch einen! Und noch einen. Ja super, noch einen. Jetzt noch einen, das schaffst du!"
Erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Die Stunde war rum. Sie hatte es geschafft die ganze Stunde Sport zu machen. Natürlich mit Pausen. Vielen Pausen. Sie war fix und fertig. Keuchend und nach Luft schnappend wandte sie sich zu Ana.
„Fertig", sagte sie erleichtert. Sie wartete bis sich ihre Atmung beruhigt hatte, ehe sie fragte: „Also, wie heißt das Siebte Gebot?"
Doch Ana schwieg.
„Was ist? Komm schon, sag!", forderte sie sie auf. Sie begann zu lächeln. „Nein!", sagte Sahra laut und ungläubig. „Das meinst du doch nicht wirklich?" Anas Lächeln wurde zu einem Grinsen und sie nickte.
„Och nö!"
„Och doch! Du machst jetzt noch eine zweite Stunde Sport." Sahra stöhnte auf.
„Man Ana! Du bist echt–", sie stoppte und suchte nach einem passenden Vergleich. „Du bist echt eine sardistische Sklaventreiberin, die es genießt mich leiden zu sehen." Ana lachte kurz, wurde dann aber wieder ernst. „Ich will dir nur dabei helfen dein Ziel zu erreichen. Dünn zu werden. Und das ist nun einmal kein Zuckerschlecken. Ich meine, du musst natürlich keinen Sport machen, wenn du nicht willst. Aber dann wirst du weder abnehmen noch das nächste Gebot von mir erfahren. Es ist deine Entscheidung."
Sie seufzte. Da gab es nicht wirklich etwas zu entscheiden, die Entscheidung war klipp und klar. Natürlich würde sie weiter Sport machen! Sie musste es einfach machen. Also atmete sie noch einmal tief durch und widmete sich dann wieder den Übungen.
Völlig außer Atem, komplett verschwitzt und am Ende ihrer Kräfte lag Sahra auf der Couch. Ihr Atem ging keuchend und ihre Haare klebten ihr im Gesicht. Ana lächelte.
„Sehr gut", sagte sie, „sehr gut." Sie setzte sich auf die Armlehne der Couch und strich der Liegenden über den Kopf. „Gut gemacht Sahra, gut gemacht." Langsam beruhigte sich ihre Atmung wieder. „Sagst du mir bitte jetzt das Gebot?"
Ana lächelte. „Ja, das werde ich." Sofort richtete Sahra sich auf und schaute sie begierig an.
„Das Siebte Ana Gebot dreht sich auch wieder ums Essen. Es lautet: „Ich darf nichts essen, ohne mich schuldig zu fühlen". Und genau so soll es auch sein. Bevor du etwas essen willst, während du etwas isst und nachdem du gegessen hast, immer musst du dich schuldig fühlen. Essen ist dein Feind. Es ist nicht gut zu essen. Es ist böse." Ana sah ihr ernst in die Augen. „Kapiert?"
Sie nickte. Ja, sie hatte kapiert. Essen ist böse. Wenn sie etwas aß, dann sollte sie sich schuldig fühlen. Immer schuldig. Denn es war ja ihre Schuld. Es war ihre Schuld, sie aß ja. Nicht Ana, nein, sie. Sie selbst. Sie aß. Und deswegen war es ihre Schuld, wenn ihr schlecht wurde, wenn sie zu viel gegessen hatte oder sie dadurch zunahm. Das war allein ihre Schuld.
Als es allmählich zu Abend dämmerte verabschiedete sich Ana von Sahra. Die beiden hatten noch einige Zeit geredet, Witze gerissen und gelacht. Doch musste sie noch Hausaufgaben machen und Ana lenkte sie leider zu sehr davon ab.
Auch wenn ihre Motivation gerade absolut im Keller war was Schule anbelangte, die Hausaufgaben mussten gemacht werden. Da kam sie nicht drum herum. Also raffte sie sich auf und quälte sich Stück für Stück durch die Aufgaben.
Sie kam nur langsam voran.
Doch nach einer gefühlten Ewigkeit klappte sie ihr Buch und den Hefter zu und seufzte erleichtert auf. Geschafft. Fertig. Erledigt. Vollendet.
Aber dann fiel ihr etwas auf. Sie blickte an sich hinab. Sie hatte noch immer ihre verschwitzten Sportsachen an. Sie hob den rechten Arm und roch an ihrer Achsel. Sie verzog das Gesicht. Sie stank nach Schweiß. Duschen war angesagt! Also erhob sie sich und schlurfte müde ins Bad. Als sie sich ausgezogen hatte zögerte sie kurz. Sollte sie sich vielleicht wiegen? Sie hatte sich zwar heute morgen schon gewogen, aber jetzt hätte sie mit Sicherheit ein anderes Gewicht, nach dem üppigen Mittagessen. Sie überlegte hin und her. Sollte sie? Sollte sie nicht? Doch dann spürte sie etwas. Etwas floss die Innenseite ihres Beines hinunter. Sie blickte hinab und sah Blut. Scheiße, sie lief aus! Schnell riss sie einige Blätter Klopapier ab und wischte das kleine Rinnsal auf, bevor es auf den Boden tropfte. Sie sollte nicht so lange einfach nur in der Gegend herumstehen, sie sollte jetzt einfach schnell duschen und sich dann einen Schlüpfer anziehen, damit sie nicht noch alles vollblutete. Also ließ sie die Waage links liegen und hüpfte unter die Dusche.
Als sie den ganzen Schweiß von sich abgespült und die Haare gewaschen hatte, trat sie wieder aus der Kabine, trocknete sich flüchtig ab und zog sich schnell ihre Unterhose mit einer neuen Binde an. Dann trocknete sie sich weiter ab und zog sich den Schlafanzug an. Und wo sie schon einmal dabei war, putzte sie sich auch direkt die Zähne. Dann musste sie das nachher nicht mehr machen.
Mit noch nassen Haaren, sie zu föhnen war ihr gerade einfach zu aufwändig, legte sie sich schon einmal ins Bett. Es war zwar erst Halb Zehn, doch war sie schon hundemüde. Sie schrieb noch ein wenig mit Maria, während ihr immer wieder die Augen zufielen. Wie ihre Mutter heimkehrte bekam sie nicht mehr mit.
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Einmal Ana, immer Ana.
Genel KurguSahra, ein durchschnittliches Mädchen von einer Sekundarschule, das keine größeren Probleme, als das Bewältigen der Hausaufgaben kennt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie vor dem Spiegel stand und sich als zu dick empfand. Ab da begann der Albtrau...
