„Äh, Sahra, du isst das aber bitte noch auf." Sahra stoppte. Sie wollte gerade aufstehen und ihren noch halb gefüllten Teller in den Kühlschrank stellen, doch Marlene macht ihr da einen Strich durch die Rechnung. Sahra wurde nervös. „Ähm, aber ich habe wirklich so gar keinen Hunger mehr", versuchte sie sich doch noch rauszureden, aber ihre Mutter blieb standhaft.
„Du isst das jetzt bitte auf. Du fällst mir hier sonst noch vom Fleisch ab." Sahra warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu und setzte sich wieder hin. Mit der Gabel stocherte sie in ihrem Blumenkohl herum und vermischte einige Stücke mit dem Kartoffelbrei. Sie schob sich etwas auf die Gabel und führte diese zum Mund. Dabei sah sie, wie ihre Mutter sie beobachtete. Genervt ließ sie die Gabel sinken.
„Kannst du bitte aufhören mich so anzuglotzen?", sagte sie mürrisch und blickte wieder böse. Marlene wandte sich ab, stand auf und stellte ihr Geschirr in den Spüler.
„Ich gehe jetzt duschen", sagte sie und schaute zu ihrer Tochter rüber. Diese nickte nur und begann sich den Rest ihrer Bulette klein zu schneiden. Marlene verschwand im Badezimmer.
Während sie sich auszog dachte sie nach. Irgendetwas schien mit ihrer Tochter in letzter Zeit nicht zu stimmen. Sie wirkte irgendwie verdrießlich und leicht reizbar. Sie schien nicht mehr so fröhlich zu sein wie früher und war auch nicht mehr so gesprächig. Sie gab meist nur noch recht knappe und verschlossene Antworten und sobald sie Sahra mit Essen kam, zickte diese sofort rum. Ihre gemeinsamen Mahlzeiten beschränken sich zudem fast nur noch auf das Wochenende und auch dort schien sie nun wirklich weniger als sonst zu essen. Doch immer, wenn Marlene Sahra darauf ansprach oder ihr noch etwas anbot blockte sie direkt ab oder lenkte vom Thema ab. Während sie so grübelte schaut ihre Tochter in der Küche derweil ihr restliches Mittagessen mit steinerner Miene an. Sie wollte das nicht essen. Sie hatte jetzt schon bestimmt Vierhundert Kalorien gegessen und es durften jetzt nicht noch mehr werden. Sie hörte, wie im Bad das Wasser anging. Mit der linken Hand stützte sie ihren Kopf ab und schloss die Augen. Irgendwie musste sie um das restliche Essen herum kommen.
Plötzlich hörte sie Schritte. Ruckartig hob sie den Kopf und schlug die Augen auf. Ana kam durch die Küche auf sie zu. Sahra lächelte sie an. „Hey", begrüßte sie sie. Mittlerweile hatte sie es sich komplett abgewöhnt mit Ana laut über den Mund zu kommunizieren. Alles was sie ihr sagen wollte dachte sie einfach. So musste sie sich nun keine Sorgen mehr darum machen, dass irgendjemand glauben würde, sie führe Selbstgespräche. Ana setzte sich neben sie auf einen Stuhl und lächelte.
„Na Sahra, wie geht's?"
„Ganz gut soweit. Hör mal", sprach sie schnell, „kannst du mir helfen? Hast du eine Idee, wie ich um das Essen", sie deutete auf ihren Teller," herum komme?" Ana lächelte weiter.
„Aber klar doch. Du willst es nicht essen? Dann wirf es weg."
Sahra stockte. Wegwerfen? Essen wegwerfen? Das ging doch nicht! Das wäre Lebensmittelverschwendung!
„Es ist doch so oder so verschwendet", sagte Ana. „Ob du es nun isst oder nicht. Aber glaube mir, es ist besser, wenn du es nicht isst, sonst musst du nur scheiße viel Sport machen, um das wieder zu verbrennen." Sie zögerte. Konnte sie das? Konnte sie Essen einfach so in den Müll schmeißen?
„Ja, das kannst du", sagte Ana bestimmt.
„Aber...", Sahra dachte nach, „aber wenn ich das in den Restmüll schmeiße, dann sieht Mama das. Und dann kriege ich natürlich Ärger."
Ana schwieg kurz. Dann schnippe sie mit den Fingern und ihre Miene hellte sich auf.
„Dann machen wir es so", sie stand auf, lief zu einem Schubfach und wollte es öffnen, doch hielt inne. Sie fing an zu lachen. „Äh, Sahra, kannst du mal bitte die Schublade öffnen?" Sie grinste und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Warum?", fragte Sahra verwirrt.
„Darin sind Mülltüten. Du nimmst dir eine Tüte und schmeißt da das Essen rein. Dann kannst du es gleich raus zur Tonne bringen." Sahra horchte auf. Das klang nach einem Plan!
„Und warum öffnest du die Schublade nicht selber?", hakte sie nach. Ana lachte wieder.
„Ich bin immer noch nur eine Erscheinung deines Unterbewusstseins. Ich bin nicht aus Fleisch und Blut. Ich kann keine Schubfächer öffnen. Hier, siehst du?" Sie versucht den Griff zu umfassen und das Fach zu öffnen, doch glitten ihre Finger durch das Metall, als bestünden diese nur aus Luft. Jetzt lachte auch Sahra.
Stimmt. Wie könnte Ana auch Dinge öffnen, wenn sie eigentlich nur in ihrem Kopf war? Natürlich ging das nicht. Sie stand immer noch kichernd auf und öffnete für Ana das Fach. Darin lagen Mülltüten verschiedener Größen.
„Nimm dir am besten eine kleine Tüte, dann vergeudest du das Plastik nicht so stark." Also riss sie sich einen der kleinsten Beutel ab und ging damit zurück zu ihrem Teller. Sie zögerte. Sollte sie das wirklich machen? Das war doch nicht richtig. Ana legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Deine Entscheidung", flüsterte sie ihr ins Ohr, „Essen und zunehmen oder wegschmeißen und abnehmen." Abnehmen.
Sie ergriff den Teller und schüttete den Inhalt in die Plastiktüte. Mit der Gabel kratzte sie noch die kleben gebliebenen Reste des Kartoffelbreis ab und knotete den Beutel zu.
„Komm schnell", sagte Ana, „bringen wir das Zeug nach draußen, ehe Marlene aus der Dusche kommt."
„Okay, aber warte, ich stelle nur kurz noch mein Geschirr weg." Sahra legte den Müllbeutel beiseite, in dessen Innerem sich ihr restliches Mittagessen zu einer klumpigen Pampe vermischt hatte, und räumte den Teller in die Spülmaschine. „Okay, aber jetzt komm schon", sagte Ana leicht hektisch und ging in den Flur. Sie lief ihr hinterher und zog sich Schuhe an.
Ana grinste zu ihr herüber.
„Ich zeig dir mal etwas", sagte sie, ging auf die Wohnungstür zu und schritt geradewegs durch diese hindurch. Kurz blieb sie verschwunden, dann streckte sie den Kopf wieder ins Innere der Wohnung, sodass nun nur ihr Kopf und ein Teil ihres Oberkörpers aus der Tür ragte, grinste erneut und sagte: „Kommst du?" Sahra verkniff sich das Lachen und öffnete so leise wie möglich die Tür.
Das Wasser lief noch immer.
Ana und sie gingen die Treppen hinab und raus in den Garten. Sie stopfte die Tüte in die überfüllte Tonne und beeilte sich wieder reinzugehen. Es war sehr kalt draußen und sie trug nur ein Shirt. Zurück in der Wohnung verschwand Sahra schnell in ihrem Zimmer mit Ana im Schlepptau. Sie setzten sich auf die Couch.
„Ich fühle mich irgendwie total mies", nuschelte Sahra zu ihren Händen, die sie im Schoß ineinander verschlungen hatte. „Man wirft doch kein Essen weg." Ana legte einen Arm um sie.
„Die Alternative wäre es gewesen es zu essen. Und das willst du doch nicht, oder?" Sie schüttelte den Kopf.
„Na siehst du. Glaub mir, so ist es besser. Besser in der Tonne als in deinem Magen." Sie pikste ihr in den gewölbten Bauch. Sahre lacht kurz auf und schlug ihre Hand weg.
„Hast ja recht", dachte sie und lächelte leicht.
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Einmal Ana, immer Ana.
General FictionSahra, ein durchschnittliches Mädchen von einer Sekundarschule, das keine größeren Probleme, als das Bewältigen der Hausaufgaben kennt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie vor dem Spiegel stand und sich als zu dick empfand. Ab da begann der Albtrau...
