Klein-Günther

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4. Klein-Günther


Lea POV:
„Boha, ey. Endlich komm ich aus diesem unbequemen Kleid raus", sagte ich zu Franzi und machte ein paar Verrenkungen, um hinten an die Schnüre ranzukommen. Ich mochte dieses Teil nicht. Der Stoff war kratzig, was man gar nicht erwarten würde, da es ja eines der edlen, teuren Kleider war, die bestimmt so viel wie der Arkenstein kosteten. Aber es war trotzdem so komisch geschnitten, dass ich mich wie eine Presswurst fühlte, die in ein viel zu enges Kleid gesteckt wurde mit viel zu langen schlabberigen Ärmeln und das Schlimmste daran war, es sah auch noch gut aus, wenn ich es trug.
„Denkst du, ich nicht? Ich dachte, die Schneider haben das alles vorher abgemessen, aber das Teil ist bestimmt drei Nummern zu klein!", entgegnete meine Freundin und jetzt schaffte ich es endlich die Schnüre aufzumachen. Dann kramte ich zwischen tausenden Klamotten nach einem anderen Kleid, das zwar nicht ganz so krass aussah, aber viel gemütlicher war.
„Wartet, das könnt ihr nicht anziehen!", ertönte dann die Stimme einer Zwergin und ich drehte mich um.
„Ich kann alles!", zischte Franzi gerade und lief dann hinter ein aufgespanntes Tuch, um sich umzuziehen. Sie klang sichtlich genervt.

Ja, zugegeben, so würden wir uns wahrscheinlich nicht so schnell Freunde machen, wenn wir die ganze Zeit das machten, was wir für richtig hielten. Bisher war es uns aber relativ egal gewesen. Schon nach ein paar Tagen musste ich feststellen, dass viele der kleinen Sippe hier ziemlich misstrauisch waren und ganz anders als Thorin & Company reagierten, wenn man sie zum Beispiel nach dem Weg fragte, was bei uns ziemlich oft vor kam. Doch jetzt war es anders. Wir hatten beide mehr oder weniger freiwillig dem Zwergenkönig versprochen, dass wir uns ein wenig besser benehmen würden. Und ehrlich gesagt konnte ich es ja auch verstehen. Wenn wir zur Königsfamilie gehören wollten, mussten wir uns eben ein wenig anpassen. Nur leider hatte mir niemand erzählt, dass sich viele adlige Zwerge fast so versteift und humorlos wie Elben verhielten... Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis wir vollständig von allen Zwergen des Erebors akzeptiert werden würden, wenn das überhaupt möglich war.

Ich lächelte die Zwergin etwas unschuldig an und hielt ein schwarzes Kleid hoch. Dabei musste ich mich beherrschen, nicht die ganze Zeit auf ihren Bart zu starren, der genauso feuerrot wie ihr Haupthaar war. Obwohl man schon deutlich einen Unterschied zur Gesichtsbehaarung von männlichen Zwergen sah, wenn man genau hinguckte. Ihr Bart sah viel feiner und weicher aus.
„Wie wäre das?", fragte ich die Schneiderin und sie schien kurz zu überlegen, bevor sie hinter einem Berg von bunten Stoffen verschwand und mit einem sandfarbenen Kleid wieder kam.
„Dies passt besser zu Euch", meinte sie und verbeugte sich leicht.
„Okay", sagte ich etwas gedehnt. Ich hatte mich noch lange nicht daran gewöhnt, dass alle mich so...königlich behandelten. Sogar Nori hatte mich einmal aus Versehen förmlich angesprochen, wo ich natürlich sofort protestiert hatte. Noch war ich nicht mit dem Zwergenkönig verheiratet, aber das störte die meisten reichlich wenig, zu meinem Leidwesen.

Ich ging ebenfalls hinter ein Tuch und zwängte mich aus dem blöden Kleid, das wir nur angezogen hatten, damit Balin uns auch wirklich die Benimmregeln als Adlige in Mittelerde beibringen konnte. Das hatte Thorin alles so befohlen und was der King sagte, musste man auch machen...meistens zumindest. Er kannte mich und Franzi mittlerweile so gut, dass er genau wusste, was für uns eine Strafe war. Und da gehörte auch dazu, wie man sich eigentlich als Frau eines Königs und Prinzen zu verhalten hatte.
Als ich mich fertig umgezogen hatte, warf ich das teure Kleid einfach auf einen der riesigen Haufen aus Klamotten, die hier überall im Raum verteilt waren.
Die Schneiderin wartete schon auf mich und begutachtete mich einmal von allen Seiten. Mit geübten Handgriffen richtete sie noch an der einen oder anderen Stelle den Stoff, bevor sie zufrieden mit ihrem Werk zu sein schien.
„Der Schnitt passt zu euch. Ich werde noch ein paar von dieser Sorte zu euren Gemächern schicken lassen", sagte sie, doch ich winkte schnell ab.
„Aber ich hab doch schon dreißig Kleider!"
„Nur dreißig? Ich hab schon achtundvierzig", mischte sich Franzi ein, die hinter dem Vorhang hervorkam.
„Eine Frau kann nie genug Kleider besitzen!", sagte die Schneiderin und zwinkerte mir dabei zu. Sie war schon etwas älter, hatte aber immer noch einen Geschmack in Sachen Klamotten, wie eine junge Modedesignerin. Kein Wunder, dass sie sich diesen Job hier ergattern konnte.
„Na gut", murmelte ich und strich mir eine braune Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus der kompliziert geflochtenen Frisur gelöst hatte, die mir Thorin heute Morgen gemacht hatte.
„Dann sind wir jetzt fertig, oder?", warf Franzi wieder ein und die Zwergin entgegnete: „Sind wir. Tak xemu."
Wir nickten nur und taten so, als hätten wir verstanden, was sie gesagt hatte. Zwergisch war eine verdammt schwierige Sprache. Zum Abschied machte die Schneiderin noch einmal einen leichten Knicks und dann verließen wir den Raum. Franzi schlug sofort den Weg nach links ein.

Zwei Bekloppte im EreborGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt