Kapitel 22

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Die Tage vergehen wie im Flug. Die Agentur meldete sich und ich reiste für zwei Tage nach Edinburgh, um meine Dokumente abzuholen und zu unterzeichnen. Dann regelte ich meine Abmeldung aus Deutschland und informierte Fred mit einer Kopie, damit er mich aus dem Mietvertrag streichen lassen konnte.

Ich meldete ein neues Bankkonto hier in Schottland an, wies meine alte Bank an mein kleines Erspartes zu transferieren und bekam bei Fearghas einen Vollzeitjob angeboten.
Als es auf Weihnachten zuging, telefonierte ich wieder mit Leyla. Sie und Tim hatten nach Weihnachten Urlaub und würden mich besuchen kommen, denn mittlerweile war ich doch wenige Zimmer weiter gewandert. Mein altes Zimmer war nun frei.

Eines Morgens, es ist nur noch eine Woche bis Weihnachten, schaue ich mit großen Augen aus dem Küchenfenster, eine heiße Tasse Schokolade in der Hand. Der erste Schnee fällt und zaubert die Landschaft pudrig weiß. Ich beobachte Rory, der den Weidezaun winterfest macht und William, der mit Kate wie zwei Junghunde im Schnee vor sich hin tollt und immer wieder hechelnd in den Schnee beißt.

Es ist nicht wieder vorgekommen, dass auch nur ein Schaf verletzt wurde. Offenbar war es nur dieser eine wilde Hund, der immer wieder Rorys Herde angegriffen hatte. Rory jedoch bekam trotzdem bald einen neuen Herdenschutzhund, möglicherweise sogar zwei.
Während ich die Pancakes vorbereite, kommt Rory mit den Hunden zurück ins Haus und reibt die Hände aneinander, die trotz Handschuhe kalt geworden sind.

"Meine Güte, wie kalt es doch ist", meint er und schüttelt sich. "Das hat Schnee so an sich", sage ich neckend und bereue es sofort, denn er packt mich und hält mir lachend seine eiskalten Hände an meinen warmen Rücken.
Quiekend strample ich, doch kann ihn nicht loswerden.
"Ist ja gut, lass mich los!". Grinsend nimmt er seine Hand wieder weg und trocknet danach die Hunde mit einem alten Handtuch ab, welches über der Heizung in der Küche hing.

Nach dem Frühstück verabschiede ich mich und fahre zu Fearghas, der um die Weihnachtszeit herum besonders viel zu tun hat. Die Verwandten der hier lebenden Familien kommen dann immer zu Besuch, so auch Catriona. Sie sitzt bereits im Pub und scheint auf mich zu warten.
"Na endlich, ich dachte Fearghas schmeißt mich gleich raus", meint sie lachend, als ich den Pub betrete und kommt auf mich zu.
Ich drücke sie an mich und seufze zufrieden. Sie war jetzt längere Zeit nicht mehr hier gewesen und ich merke, wie sehr ich sie doch vermisst habe.

"Ich wusste gar nicht, dass du heute schon anreist", meine ich und lasse sie los. Fearghas kommt mit einer heißen Tasse Schokolade zu uns und drückt sie Catriona in die Hand, die sie dankend annimmt.
"Hab spontan freigenommen. Wollte doch mal wieder zurück". Sie nimmt auf einem der Hocker an der Theke Platz und mustert mich.
"Du siehst sehr zufrieden aus", meint sie nach wenigen Sekunden und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. "Frisch verliebt?".
Ich zucke mit den Schultern und Fearghas schnaubt verräterisch hinter mir.

"Die grinst seit Tagen schon so. Glaube, der Griesgram da draußen ist sehr gut zu ihr". Catriona quiekt begeistert und klatscht in die Hände.
"Sehr gut, das freut mich". Sie nippt an dem Kakao und legt den Kopf schief. "Rory und du seid mir auch wesentlich lieber wie mein Bruder und du".
Oh. "Dann hat dir dein Bruder also davon erzählt?", frage ich und sie nickt. "Meine Mutter hat ihm die Hölle heiß gemacht, weil er sich so benommen hat gegenüber Rory. Du musst wissen, mein Bruder hat früher nichts anbrennen lassen, ganz anders wie Rory. Soweit ich weiß, hat er sogar Rory mal eine Frau ausgespannt".
Nicht die feine, englische Art.

"Naja, lange ist es her". Catriona lächelt mich an und knetet ihre Finger. Irgendetwas muss noch sein. "Sag mal, ich hätte da eine Frage an dich", murmelt sie sich in den nicht vorhandenen Bart und wirkt so nervös, das ich fürchte ich muss zusammen mit ihr etwas - oder jemanden - verschwinden lassen.

"Soll ich meinen Anwalt anrufen?", frage ich und schnaubend winkt sie ab. "So schlimm ist es nun auch wieder nicht".
Fearghas versteht ihre Blicke und verschwindet hinten im Nebenzimmer. "Also. Ich habe da eine super tolle Idee und wollte dir etwas anbieten", sagt sie und wirkt so aufgeregt, dass ich mir ein Grinsen nicht verkneifen kann.

"Na hau schon raus". Catriona atmet tief ein. "Möchtest du meine kreative Partnerin sein?".
Überrascht klappt mir der Mund auf und ich starre sie wahrscheinlich wie ein Fisch auf dem Trockenen an. Mir könnten vermutlich Fliegen in den Mund fliegen und ich würde es nicht einmal bemerken.

"Also eine kreative Partnerin in der Werbung. Ich weiß, dass du deinen Job zum Schluss gehasst hast, aber du wärst für diese Abteilung dein eigener Boss".

Ich ziehe mir einen der Barhocker heran und muss mich erst einmal setzen. Meine Beine zittern und wackeln so stark, dass ich Angst habe zu fallen.

"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", murmle ich und Catriona setzt sich neben mich. Ich weiß, dass es eine ungewöhnliche Bitte ist. Aber ich würde mich gerne selbständig machen und brauche eine gute Partnerin, die meine Produkte sehr gut vermarkten kann".

Ich fahre mir mit der Hand über das Gesicht und durch die Haare. "Was sind denn deine Produkte?", frage ich und ich erkenne den Stolz in ihrem Gesicht.

"Ich produziere Naturprodukte mit Zutaten aus Schottland. Sei es Hautcreme oder ein Duschbad. Und ich durfte schon in dem Laden ausstellen, wo ich als Verkäuferin momentan tätig bin. Und da ich eine kleine Fabrik gefunden habe, die meine Produkte produziert, möchte ich gerne größer werden". Catriona strahlt regelrecht und mit leicht geröteten Wangen kommt sie aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.

Irgendwann hebe ich die Hand, um ihren Redefluss zu unterbrechen. "Ich muss mir das alles überlegen", sage ich und Catriona nickt. "Natürlich. Ich lasse dir einen Vertrag zukommen, den eine befreundete Anwältin ausgearbeitet hat. Damit du nicht denkst, ich zocke dich ab oder so".

Catriona schaut auf ihre Armbanduhr und beugt sich vor, um mir einen Abschiedskuss auf die Wange zu geben. "Ich muss los. Melde dich bei mir, wenn du dir Gedanken gemacht hast. Und wenn du nicht möchtest, ist auch nicht schlimm".

Mit wehenden Haaren geht sie aus dem Pub und lässt mich, mit völlig chaotischen Gedanken zurück. Während meiner Schicht kann ich an kaum etwas anderes denken und selbst Fearghas bemerkt es. "Ich weiß ja nicht, was dir Catriona erzählt hat. Aber du bist heute nicht so gut drauf".

Das merke ich selber leider auch. Nach meiner Schicht fahre ich immer noch mit total chaotischen Gedanken zurück zum Hof, wo ich sehe das Rory ebenfalls unterwegs ist.

Gibt mir Zeit, mich in der Badewanne etwas zu entspannen und runterzukommen. Catriona bietet mir wirklich einen Job an, in meiner alten Branche. Der Branche, die mich komplett fertig gemacht hat, die mich vergessen lassen hat, wer ich eigentlich wirklich bin. Kann ich das wirklich? Kann ich wieder in den Job zurück?

A scottish LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt