Und heute hat es wieder weh getan... (2)

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**Triggerwarnung. Es geht heute um sehr toxische Gedanken rund um Risikoverhalten! Wenn es euch mit dem Thema nicht gut geht oder ihr negative Gedanken habt, lest bitte nicht weiter oder sprecht mit jemandem darüber. Mein Postfach ist auch jederzeit für euch offen!
Vergebt mir das Cliffhanger-Ende, eine Fortsetzung ist schon in Arbeit. Bleibt stark und denkt dran, ein Stier gibt niemals auf.**

Leo steht bereits am Eingang vom Schwimmbad. "Hast du den Weg etwa zu Fuß gemacht? Ich hätte dich doch mitnehmen können!", begrüßt er mich mit erstauntem Blick. "Tjoa, der kleine Fußmarsch war ja jetzt nichts besonderes. Komm, lass uns reingehen.", gebe ich nur zurück. Gemeinsam betreten wir die warme Eingangshalle. 
Die warme Luft mit dem leichten Geruch nach Chlor tut mir immer gut. Ich war schon immer ein Kind des Wassers gewesen und bereits im Grundschulalter war ich mit meiner Familie ohne Schwimmflügel umhergeschwommen. 

Im Badeanzug trete ich aus der Umkleidekabine und suche, meine Tasche über dem Arm und die Schuhe in der Hand, die Schranknummer, die auf meinem Chip steht. Leo wartet schon vor dem Durchgang zur Dusche auf mich. "Treffen wir uns gleich nach der Dusche am Schwimmerbecken?" "Klaro, bis gleich."
In der Damendusche lasse ich mir das warme Wasser über den Kopf laufen und auf den Rücken prasseln. Die Aussicht auf ein paar Bahnen im Becken lassen mich innerlich lächeln. Richtig schön aufgewärmt verlasse ich die vernebelte Dusche. "Meine Güte, kocht ihr Weiber da drin?", Leo grinst mich an, als ich von einer kleinen Nebelschwade begleitet durch die Schwingtür trete. Ich quittiere das mich einem Grinsen. "Ich will jetzt endlich ins Wasser.", dränge ich ihn. 
Das Schwimmerbecken hat gute 20°C Wassertemperatur. Je niedriger die Temperatur des Wassers, desto mehr Kalorien verbraucht man. Schade eigentlich, dass es nicht noch kälter ist... Aber nach der superwarmen Dusche wird es gleich frisch genug. 

Vielleicht ist es leichtsinnig, sich erst richtig aufzuwärmen und gleich danach ins kalte Wasser zu springen. Ich tue es trotzdem. Kopfschüttelnd steht Leo an der Treppe und lässt sich langsam ins Wasser sinken. Er war schon immer der vorsichtige Mensch...
Der Kopfsprung ins Wasser hat gut getan, obwohl mein Körper sich lauthals beschwert. Aber da muss er jetzt halt durch. 
Als Leo sich einen Weg auf die Nachbarbahn gesucht hat schwimmen wir eine Weile stumm nebeneinander her. Die Züge durchs Becken, das Wasser, was sich weich an meinem Körper entlang bewegt und die schwerelos mitschwimmenden Haare sind jedes Mal aufs neue eine Wohltat. Zug um Zug, Bahn um Bahn durchqueren wir das Becken, niemand sagt dabei ein Wort. 
Ein paar Mal tauche ich kurz ab und genieße die Ruhe unter Wasser. Nach einer Weile pausieren wir am Beckenrand. 

"Bist du fitter geworden?" "Mag sein, ich war in letzter Zeit allerdings mehr laufen als schwimmen. Du ziehst aber auch gut mit.", ich schaue Leo an, der leicht rot ist im Gesicht. "Danke, aber ich glaube ich brauche doch erst eine Pause. Gehst du mit, einen Snack holen?", er schwingt sich aus dem Wasser und hockt sich an den Beckenrand. 
Mist, ich hatte so eine Frage befürchtet. Aber doch nicht schon nach der ersten Runde schwimmen.... "Nein, ich würd gern noch etwas tauchen. Ich komm dann später dazu.", antworte ich. 'Vielleicht... oder auch nicht.', setze ich im Kopf dazu. 
Als Leo sich abwendet, zuvor hatte er nur lächelnd genickt, stoße ich mich vom Beckenrand ab. Nun hab ich das Becken ganz für mich alleine. Ich ziehe die Luft tief in meine Lunge ein und drehe mich auf den Rücken. So kann ich auf der Wasseroberfläche treiben und das Gefühl der Leichtigkeit durch meinen Körper gehen lassen. Manchmal denke ich, bei meinem Körper dürfte er niemals treiben. Eigentlich müsste er doch untergehen. Und das wird er auch, denn nur die Luft in meiner Lunge hält ihn davon ab. Alles andere in mir ist überflüssig, nur die Luft in der Lunge ist es nicht.
Jetzt gerade überkommen mich wieder die Gedanken des Spiegelbildes und prompt hebe ich den Kopf um zu checken, ob jemand in Sichtweite ist. Das Schwimmerbecken ist auf einer anderen Etage als der Rest des Bades, daher bin ich hier gerade ganz für mich. Dennoch fange ich wieder an, Bahnen zu schwimmen. Schneller und verbissener als eben.
Eigentlich bin ich schon müde und fühle mich nicht gut. Mein Magen schmerzt, hatte er doch heute kaum etwas zu verarbeiten, und die letzten Tage auch nicht. Die Muskeln schreien nach Energie, hatten sie doch kaum welche bekommen. Das eine Glas Cola war ein Tropfen auf dem heißen Stein, Wasser bringt nicht viel mit sich. 
Der Kopf brüllt mich innerlich an. 

Heute hat es wieder weh getan. Der Kampf mit mir selbst und meinem Körper. Wenn ich allein bin, kommen die Gedanken wieder angeschwommen. Was habe ich heute gegessen? Gurke, Tomate und Banane. Ob alles beim Brechen wieder raus gekommen ist, kann ich nicht verifizieren... Ein Glas Cola habe ich noch getrunken, um den Blutzucker nicht ganz so absinken zu lassen. Das hat Kalorien und Zucker im Überfluss. Reichen die Bahnen im Becken aus um das wieder abzutrainieren? Wenn jetzt jemand hier hoch kommt und sieht, dass ich mit meiner Figur hier faulenze, was mag er nur denken? 
In diesen Gedanken zu versinken ist toxisch und das weiß ich auch. Aber manchmal schaffe ich es einfach nicht, aus dem Strudel zu entkommen, der mich langsam herunterzieht. Dann möchte ich mich am liebsten darin ertränken. 

Noch immer ziehe ich Bahnen durchs Wasser. Habe aufgehört zu zählen. Mit hochrotem Kopf ziehe ich mich am Beckenrand hoch.
Ich kann nicht mehr, muss dringend eine Pause machen... Mein Herz schlägt wie wild und die Umgebung verschwimmt allmählich. Mein Kopf schmerzt und die Gedanken schreien mich förmlich an. 'Was tust du hier eigentlich? Dein Körper kann nicht mehr als das, was er gibt. Du verlangst zu viel, das geht nicht gut...'
Erneut drehe ich mich auf den Rücken und lasse mich treiben. Meine Augen versuchen, die Lampen an der Decke zu fokussieren, die sich für mich tanzend über mir hin und herbewegen. Immer wieder merke ich, wie ich jetzt einschlafen könnte.
Wieder einmal wundert es mich, wie schnell die Laune umschlagen kann. Ja, die Gedanken sind laut. Dass ich das manchmal an mir auslasse kommt schonmal vor. Aber jetzt gerade ist es einfach zu viel. Der Umschwung ist zu groß, mein Verhalten wächst mir über den Kopf und hier und jetzt habe ich meinem Köper zu viel zugemutet.
Jeder andere hätte längst um Hilfe gerufen, aber ich will das nicht. Damit habe ich ganz allein angefangen, jetzt muss ich da alleine durch. 

Unweigerlich sehne ich mich nach dem Wunsch, mich selbst hier und jetzt in diesem Becken zu versenken und nicht wieder aufzutauchen. Die Gedanken haben meinen Kopf erobert und mein Körper gibt sich seinem Wunsch hin, nicht mehr arbeiten zu müssen. Er kann nicht mehr.
Langsam atme ich noch einmal tief ein, bis mein Körper ganz oben an der Wasseroberfläche schwimmt. Dann lasse ich die Luft ganz langsam wieder heraus um zu merken, wie das Wasser meinen Körper immer weiter umschließt und mich schlussendlich verschlingt. Mein Körper ist müde und das Ausatmen ist wie entspannen. Die Bahnen-Begrenzung verschwimmt vor meinen Augen und langsam wird die Welt dunkel. Meine Muskeln krampfen sich zusammen... schreien nach Energie und Sauerstoff, als wollten sie den Rest des Körpers wecken. Ihn dazu bewegen nicht aufzugeben.

Immer weiter sinkt mein Körper hinab und die Muskeln erschlaffen. Er ist jetzt frei und ungezähmt, eine fleischliche Hülle meinesgleichen. Meine Arme treiben links und rechts, vom Rumpf mit herunter gezogen, während die Haare schwerelos sind. Mit den letzten Luftblasen aus meiner Lunge kommt mein Körper auf dem Boden des Beckens auf und nur die sanften Bewegungen des Wassers sind noch zu vernehmen.
Die schweren Gedanken der letzten Wochen haben gesiegt und ich habe gegen sie verloren. Letztendlich hätte ich es selbst in der Hand gehabt, um Hilfe zu rufen. Doch ich habe zu lang gewartet, resigniert, nicht mehr gekämpft und schlussendlich meinen Körper dem Wasser überlassen... 

Non videbis angeli, vos can sentire eos in corde.

StorytellingGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt