Zuweilen kommt es vor, dass die Wege zweier Menschen sich treffen, die sich zuvor völlig fremd waren. Geleitet vom Schicksal, treten verschiedene Faktoren in Aktion um dazu beizutragen. Entscheidungen, die im Bruchteil einer Sekunde gefällt werden. Sekunden die darüber entscheiden, wie es weitergeht. Entscheidungen zu treffen kann wohl überlegt sein, oder auch spontan und intuitiv. Aber jede Entscheidung hat eine Konsequenz. Das ist wie beim Schach... Wenn wir einen Zug planen sollten wir vorher darüber nachdenken, welchen Zug unser Gegner als nächstes machen könnte. Ein falscher Zug bringt einen König zu Fall. Entweder den eigenen, oder den des Gegners.
Feierabend. Meine Nachtschicht war absolut unruhig und ich sehne mich nach nichts mehr als nach meinem Bett. Während ich um kurz nach 7Uhr morgens den Melder an die Kollegen weitergebe und die Dienstkleidung gegen meine private tausche, bist du noch zuhause. Vielleicht liegst du gerade noch im Bett, stehst im Bad oder sitzt allein oder in Begleitung am Frühstückstisch. Vielleicht hast du auch einen längeren Arbeitsweg und steigst gerade schon in dein Auto?
Ich stempele mich aus und verabschiede mich von meinen Kollegen. Auf dem Weg zu meinem Auto sende ich noch eine Nachricht an meinen Verlobten: "Guten Morgen Schatz. Ich mache mich jetzt auf den Weg, wir sehen uns gleich Zuhause." Hast du einen Partner zu Hause? Hast du dich von deinen Lieben verabschiedet, als du losgefahren bist? Mit den Worten: "Wir sehen uns heute Abend?" Vielleicht sitzt du bereits im Auto und lauscht der Musik aus dem Radio. Oder hörst Nachrichten.
Müde vom Dienst lenke ich meinen Wagen auf der Bundesstraße stadtauswärts. Musik hält mich dabei wach, darum singe ich zu meinem Lieblingssong laut mit. Ja, die Augen sind etwas müde, aber den Heimweg schaff ich noch. Immer der Straße folgen, durch fünf Abschnitte wo 70km/h erlaubt sind. Ich kenne die üblichen Blitzer-Standorte. An einer Kreuzung wechsele ich auf die Straße, die über einen Berg direkt in meinen Ort führt. Sie ist vor kurzem ausgebaut worden und die Fahrbahn ist eben und trocken. Lediglich die Markierungen fehlen noch, deshalb ist auch hier die Geschwindigkeit begrenzt. Anklagenderweise mus ich gestehen halte ich mich nicht immer an die 50km/h. Mehr als 65km/h sind es dennoch nie.
Ich freue mich auf mein Bett.
Du bist angespannt. Vielleicht hast du schlecht geschlafen? Hast du Streit mit jemandem oder bist spät dran? So oder so ärgerst du dich schon eine Weile über den LKW da vorne. Und an den wenigen Stellen wo man überholen könnte, tun es die Fahrzeuge vor dir noch nichteinmal. Die beiden Fahrer zwischen dir und dem LKW machen keine Anstalten auszuscheren und den "Störer" zu überholen. Aber die langgezogene Rechtskurve bergab hast du im Visier. Zu dieser Jahreszeit kann man noch bis ganz unten hin sehen und du planst bereits, diese Stelle zu nutzen. Von den zwei schweren Unfällen in der vergangenen Monaten an dieser Stelle hast du gehört, aber daran denkst du gerade nicht. Wenige Meter liegen die beiden Unfallstellen auseinander... die Unfallmarkierungen hat der Regen fast weggewaschen.
Noch eine leichte Linkskurve, es geht schon bergab. Du linst rechts am LKW vorbei und schaust hinunter, bis du die Straße bis unten sehen kannst. Im Scheitel zwischen Links- und Rechtskurve setzt du den Blinker, schaltest runter, gibst Gas und ziehst das Lenkrad nach links. Die Tachonadel übersteigt die 120km/h. Froh, endlich an dem Hinternis vorbei zu kommen, ziehst du an den beiden Autos hinter ihm vorbei.... Und siehst direkt vor dir mich.
Quietschende Reifen und der Alarm des Notbremsassistenten schrillen in meinen Ohren. Mein Körper wird nach vorn gedrückt, während mein Fuß auf dem Bremspedal fest zu kleben scheint. Meine Tasche fliegt vom Beifahrersitz in den Fußraum und vom Rücksitz klatscht meine Jacke an die Rückenlehne. Die Hände verkrampfen am Lenkrad und meine Augen möchten nicht sehen was sie sehen. Hinter mir blinkt ein Warnblinker auf und weitere Reifen quietschen. Auf der Gegenspur neigt sich die Fahrerkabine des LKW bedrohlich nach vorn, während er wippend zum Stehen kommt. Mein Kopf schlägt hinten an der Stütze an.... Ich stehe.
Noch während ich auf den Aufprall warte schießt das Bild meines Verlobten in meinen Kopf. Bitte nicht...
Weniger als drei Sekunden fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Als ich die Augen öffne rast du nur wenige Zentmeter zwischen mir und dem LKW den du überholen wolltest vorbei....
Es dauert weitere Sekunden, bis ich realisiere, dass es den großen Knall nicht gibt. Der LKW rollt bis auf meine Höhe und der Fahrer spricht mich an. Auch der Fahrer des Wagens hinter mir steigt kurz aus und fragt ob es gut gegangen ist und bietet sich als Zeuge an, falls ich einen Schaden erlitten habe. Mir geht es gut, nur der Schreck sitzt mir im Nacken.
Und Du bist unerkannt davon gekommen.
Erst als ich wieder anfahre, um meinen Heimweg fortzusetzen fällt mein Blick auf die Markierungen auf dem Asphalt. Genau an dieser Stelle ist wenige Wochen zuvor ein Mensch bei einem Zusammenstoß ums Leben gekommen. Auf dem restlichen Weg nach Hause kommt mir ein Rettungswagen entgegen und ich bin froh, dass meine eigenen Kollegen der Nachbarwache mich nicht schwerverletzt oder tot aus meinem Auto ziehen müssen.
Heute haben wenige Sekunden einer Entscheidung dazu beigetragen, dass wir beide noch leben, und nicht nur ich sondern hoffentlich auch du heute Abend wieder bei deinen Lieben bist.
Ich habe, müde wie ich war, nicht die Geschwindigkeit überschritten um schneller nach Huase zu kommen. Wenige km/h mehr von mir und ich wäre später zum stehen gekommen... wenn überhaupt.
Der LKW-Fahrer war nicht zu schnell oder abgelenkt. Deshalb konnte er reagieren und du konntest im letzten Moment mir ausweichen.
Der Fahrer hinter mir, der sich vielleicht geärgert hat, dass ich nur 50km/h fahre hat mich nicht kurz vor der Steigung überholt. Er wäre statt mir mit dir zusammengeprallt.
Ich weiss nicht wer du bist. Nicht wie du heißt, wie du aussiehst, wo du herkommst. Nichtmal dein Auto oder dein Kennzeichen habe ich richtig wahrgenommen. Aber dennoch möchte ich dir etwas sagen:
Heute hast du mich beinahe getötet. Du hast mein Leben gefährdet um deinem Drang des Vorwärtskommens Abhilfe zu schaffen. Hast die Geschwindigkeitsbrgrenzung missachtet weil du es eilig hattest. Hast immer mehr Gas gegeben, selbst als du mich gesehen hast, um es doch noch zu schaffen. Ich, der LKW und alle Nachfolgenden haben voll gebremst.
Nur du allein hast als einziger nichts dazu beigetragen, einen Unfall zu verhindern. Deine Tachonadel wäre bei 120km/h stehen geblieben, meine bei 0. Entweder hättest du meinen Wagen in meinen Nachfolger gedrückt, oder wir wären beide seitlich weggeschleudert worden. Dutzende Rettungskräfte wären auf dem Weg zu uns, Freiwillige der Feuerwehr hätten Arbeitsplatz oder Familie verlassen müssen um uns zu helfen. Hätten zum dritten Mal mit den Bildern eines schweren Verkehrsunfalls klarkommen müssen.
Mindestens einer von uns beiden hätte diesen Unfall nicht überlebt. Alles nur, weil du es nicht abwarten konntest, endlich freie Bahn zu haben.
Heute ist mindestens ein unnötiger Verkehrstoter ausgeblieben. Dennoch gehören Raserei und Eile immer mehr zum heutigen Straßenverkehr dazu. Aber jede Entscheidung hat eine Konsequenz. Generell sollten wir uns immer wieder bewusst machen, das der Bruchteil einer Sekunde, eine Unachtsamkeit, eine Fehlentscheidung zur Folge haben kann, dass ein Mensch nie wieder nach Hause zurückkehrt.
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Storytelling
NouvellesKleinere und größere Stories rund um sensible Themen 😊 Manche sind wahr, andere vielleicht nur ein Traum. Nach meinem Buch "Dienstangelegenheiten" schreibe ich hier alles, was mir so durch den Kopf kommt. Have Fun 😊
