Ich will doch nur, dass es zu Ende ist.

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//**Triggerwarnung** Heute gehen mir sehr dunkle Gedanken durch den Kopf und ich möchte sie gern mit euch teilen. Wie immer gilt: Ich habe jederzeit ein offenes Postfach, wenn es euch mit dem Thema nicht gut geht. //

Die Jagt nach dem Glücksgefühl.
Das Streben meine Ziele zu erreichen.
Das Training, endlich meine Ängste in den Griff zu bekommen.
Der Wunsch nach Anerkennung. 
Die Erinnerungen an Momente, in denen ich vor Publikum stand.
Der verklungene Hall des Applauses, den ich so viele Jahre nicht mehr bekommen durfte.
Die Sehnsucht, meine Passionen leben zu können. 
Die Obacht, meine Stellung zu halten, wie sie jetzt ist.
Die Sorge, alles wieder zu verlieren.
Die Angst, wieder zum Außenseiter zu werden. 
Die Kraft, meine Mauer zwischen Welt und Gedanken aufrecht zu erhalten. 
Die Kontrolle über Körper und Gedanken nicht zu verlieren.
Jeden Tag.

Wofür das alles? Es fühlt sich an wie ein Dauerlauf mit einem Rucksack voller Steine. Felsbrocken, die mich immer wieder nach hinten runterziehen. Ich weiß, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich bin bei weitem nicht die einzige. Das tröstet dennoch nicht.

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"Schönen Feierabend, Jessy.", ruft Leo mir auf der Treppe zu. "Dir auch. Komm gut heim.", entgegne ich und blick noch einmal zurück. Fast die letzte Stufe hinabfallend gelange ich im Flur unten zur Stempeluhr, betätige den roten Knopf und halte meinen Chip vor den Sensor. Gehenbuchung: 13:09Uhr. Feierabend.
Eine Spinne hängt an der Glasscheibe neben der Tür. Ich ekele mich vor ihr. Schnell husche ich an ihr vorbei und entschuldige mich innerlich, dass ich sie nicht mag. Der Wind fegt mir kalt ins Gesicht, als ich an den Toren der Rettungswache vorbei auf den Gehweg wechsele. Mein Auto parkt etwas entfernt und so lasse ich den Blick über das Wasser des Flusses streifen, der durch die Stadt fließt. Meine Gedanken schweifen durch die letzten Tage. Es war immer der gleiche Mist. Arbeiten, den Nachmittag vertreiben, schlafen. An freien Tagen wandern oder Schwimmen, einen sehr guten Freund besuchen oder mal wieder die Gitarre in die Hand nehmen. Um dann direkt wieder daran zu denken, wir sehr ich die Zeit auf der Bühne vermisse. 
Die Chance war da, aber ich konnte sie nicht greifen. Nach einem Auftritt hatte ich über die Weiterverbreitung eines Videos drei weitere Anfragen bekommen. Keinen einzigen angefragten Termin konnte ich wahrnehmen. Das war wohl die größte Chance bisher in meinem Leben und ich hatte sie verpasst. 

Auch im Auto bin ich nicht bei der Sache. Aus einer Playlist läuft Musik, aber die Gedanken sind weder bei der Musik noch im Straßenverkehr. Neben der Musik war Theater eine große Leidenschaft. Bald schon war ich umgestiegen auf realistische Unfalldarstellung, war viel damit unterwegs gewesen und hatte meine Leistung stetig verbessert. Dann kam das Berufsleben. Heute spiele ich kaum noch... 
Um Haaresbreite kann ich noch vor einem Leitpfosten ausweichen. Einen Moment lang muss ich überlegen, wo ich eigentlich bin. Der Automatismus lässt mich einfach fahren, ohne, dass meine Gedanken beim Autofahren sind. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir gerade nicht egal ist.
Zuhause angekommen bin ich allein in der Wohnung. Mein Partner ist bis morgen arbeiten. An solchen Nachmittagen kommt meine melancholische Seite in mir hoch und ich kann Gedanken rauslassen, die ich nicht unbedingt teilen möchte. Ich habe durchaus ein oder zwei Menschen, mit denen ich sprechen kann, die alles von mir wissen. Aber helfen muss ich mir selbst, und das schaffe ich einfach kaum mehr. 

Er zieht mich magisch an. Ein Briefumschlag mit etwas, was mir so schöne Erinnerungen und doch so viel Schmerz bereitet. Mit Fotos von ihm. Er hat mir so gut getan, er war meine Stütze, so voller Lebensfreude und voller Leichtigkeit. Zu ihm konnte ich immer gehen. Konnte. 
Den er ist leider nicht mehr da. 
Ich ziehe ein Foto aus dem Umschlag. Ein Bild aus einer Fotobox. Das letzte bevor es passierte. Ein weiteres zeigt ihn und mich. Das erste, was jemals von uns entstanden war. Ein drittes nehme ich mit dazu. Das, was mir am meisten weh tut.
Alle drei packe ich ein, greife nach meinem Schlüssel, ziehe mir Schuhe und Jacke wieder an und verlasse die Wohnung. Ein Drang nach frischer Luft und Freiheit zieht mich nach draußen. Ich habe Lust mit dem Auto zu fahren. Eine Weile kurve ich durch das Stadtgebiet, bevor ich die Stadt verlasse.
Hier auf dem Land gibt es tausende Berge. Einer ganz in der Nähe zieht mich besonders an, von dort aus kann man auf alle umliegenden Ortschaften schauen. Er hat auch einen Turm, aber ich habe es ziemlich aufgegeben, dort hoch gehen zu wollen. Habe ich mich doch seit ich laufen kann nie getraut, wird es jetzt auch nichts mehr. 
Mein Auto stelle ich auf einem Wanderparkplatz ab. Von hier aus ist es noch gut ein Kilometer bis ganz nach oben. Diesen Weg war ich schon so oft gegangen, aber es ist jedes Mal aufs neue eine Herausforderung. Steil und uneben bis zur Kapelle oben, dann noch ein Stück bis zum Turm. Manchmal frage ich mich, warum ich immer wieder dort hin gehe, obwohl ich es eh nicht schaffe rauf zu laufen? Ich werde niemals die obere Plattform dieses Turms erreichen. Der Respekt vor der Höhe ist zu groß.

Bei der Kapelle angekommen setze ich mich auf eine Bank, und ziehe die Fotos aus der Tasche. In chronologischer Reihenfolge lege ich sie in meinen Schoß. Das erste zeigt uns nebeneinander auf einem Sofa. Da wusste ich gerade seinen Namen. Das zweite, ein paar Jahre später, war mit einer Freundin zusammen in einer Fotobox aufgenommen worden. Es entstand nur wenige Monate vor dem dritten und ist das letzte Foto, auf dem er mit mir zu sehen ist. 
Das dritte zeigt ein Grab mit Holzkreuz darauf ein Name und ein Datum. Mein Blick schweift zum zweiten Foto zurück. Sein Lächeln, die Freude in unseren Augen, seine Lebensfreude. Insgeheim frage ich mich, was wäre, wenn er gewusst hätte, dass er so bald sterben wird? 
"Du hast es geschafft. Du hast es hinter dir.", flüstere ich dem Bild zu. Er wusste nicht, dass er sterben würde. Konnte sich nicht von seinen lieben Verabschieden, Ort und Art nicht wählen. Dennoch hat er es überstanden. Manchmal frage ich mich, ob er uns sehen kann. Wie ich hier auf der Bank sitze und mir die Tränen langsam die Wange herabrinnen. Wie gern würde ich ihn jetzt umarmen. 

In diesem Moment wünsche ich mir, ich könnte auch einfach gehen. Meine Felsbrocken im Rucksack ablegen, die Bilder an mich drücken, auf den Turm steigen. Von oben in die Täler herabschauen und noch einmal die Welt betrachten. An die Brüstung herantreten, ein Bein darüber schwingen. Das andere nachziehen, auf der Brüstung sitzen und geradeaus zum Horizont schauen. Mich nicht mehr umdrehen sondern den Blick in den Himmel richten. Mir selbst sagen, dass ich gleich fliegen werde. Zu ihm. Aufstehen und auf der schmalen Brüstung stehen. Es wäre nur ein Schritt. Ein einziger Schritt um frei zu sein und endlich zu fliegen. Mit meiner Seele hochzufliegen und meinen Körper zurück zu lassen. 

Aber das wird nicht passieren. Nicht nur, weil ich nie den Mut hätte ungesichert zu springen, selbst wenn ich oben ankomme. Sondern weil es ein genauso sinnloser Tod wäre, wie seiner. Dann stehen andere an meiner Stelle, schauen sich Fotos an und fragen mich warum. Und so wie mein Name auf einem Stein verewigt wird, werde ich zu einem neuen Felsbrocken, den die, dich mich lieb haben in ihr Päckchen packen müssen. 
Ich muss lernen, diesen Gedanken endlich beiseite zu schieben. Genau wie all die anderen, die mein Kopf manchmal hervorkramt. 
Und es gibt Leute, die mir dabei helfen. Sie haben ganz besondere Namen. Freunde.... 
Deshalb werde ich jetzt am Turm vorbeilaufen, kurz hochschauen und dann den nächsten Weg zurück zu meinem Auto nehmen. Über den steilen Weg am Waldrand hinablaufen und dabei auf die wunderschönen Täler schauen und üben. Üben mich zu freuen über das was ich habe, üben mich zu freuen auf das Training und weiterhin den Mut haben, mich zu zeigen wie ich bin. 

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