... wie ein Chatfenster (Teil 3)

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Jetzt weiß er sowieso alles, darum breche ich mein Schweigen:
"Ja verdammt. Diese ganze Hetzerei macht mich fertig. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn man hinter eurem Rücken redet? Wenn ihr genau wisst, was andere über euch schreiben, wenn die die Chats vor euren Augen gelesen habt? Im Chat anwesend gewesen seid und live mitlesen konntet? Wie verdammt noch mal soll man sich da sonst fühlen, außer total beschissen? Viele würden sagen: 'Mach den Chat zu, schau es dir nicht an'. Und dann? Tun sie es trotzdem weiter. Man kann den Scheiß nicht beenden indem man einfach nur ein Chatfenster schließt!"

Dabei bin ich aufgesprungen und laufe im Raum auf und ab, mit Blick auf die Tür. "Aber was willst du tun? Dich selbst zu verletzen ist keine Lösung.... Wir sollten erst einmal zum Arzt fahren und deine Wunden versorgen lassen, der Verband blutet langsam durch.", Thomas hebt beschwichtigend die Hände, kommt aber langsam näher. Ich muss meine kleine Chance nutzen...
"Lohnt sich doch sowieso nicht. Ich hab mir immer gewünscht, dass man das alles mit einem Klick ausschalten kann. Mit einem Klick dieses beschissene Kapitel Leben schließen. Genau so wie diese beschissenen Chatfenster!", entgegne ich fast schon biestig, drehe mich zur Tür und verschwinde fluchtartig Richtung Ausgang. 

Draußen weiß ich erst mal nicht wohin, meine Intuition lässt mich einfach rennen. Ich weiß genau, dass ich mit meinem letzten Satz mehr verraten habe, als ich über mich selbst wusste. Ich habe mich selbst verraten. Und wenn sie mich jetzt einholen, ist die Chance verspielt, denn dann sie werden mich nicht mehr fliehen lassen.
Ich höre ihre Rufe, Passanten die mir aus dem Weg gesprungen sind zeigen ihnen den Weg den ich gelaufen bin. Gott, bitte lass das alles enden... Vielleicht kann ich untertauchen und dann mit ihnen Kontakt aufnehmen, dass sie mich nicht.. 
Schwachsinn, natürlich werden sie Hilfe einschalten, schließlich war meine unbedachte Aussage und die Faszination für Urnen und Gestecke nahezu eine Ankündigung zum Selbstmord. 
Getrieben von einem Gemisch aus Wut, Traurigkeit und Angst, was nun passiert laufe ich in den nahegelegenen Park. Die Tränen rinnen meine Wangen hinunter und ich sehe kaum, wohin ich laufe.
Plötzlich durchfährt mich ein unglaublicher Ruck, ich falle nach vorn, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Und schlussendlich finde ich mich auf dem Boden liegend wieder. Ich robbe vorwärts und versuche aufzustehen, doch es gelingt mir nicht. Die Stimmen von Thomas und Tobi sind ganz nah und jetzt ist es wohl endgültig: es ist vorbei. 

Tobi kniet sich neben mich, drückt mich an sich und hält mich gleichzeitig fest, während Thomas sein Handy zückt und eine Nummer wählt. In Tobis Armen verfliegt meine Wut und ich beginne wieder zu weinen. "Shht, ist okay, Jessy. Alles gut, ich bin bei dir.", flüstert mir Tobi zu. 
Ich höre mit, wie Thomas ins Telefon spricht wo wir sind. Dann legt er auf, dreht sich zu uns und sagt: "Sie kommen." 
Wer da kommt, kann ich mir mehr als nur gut vorstellen. Rettungsdienst mit Sicherheit. Und wenn er mich verraten hat die Polizei noch dazu. Mein Atem geht schnell und erst jetzt merke ich, dass mein ganzer Körper schmerzt. Eine Weile hänge ich nur halb liegend in Tobis starken Armen und ringe nach Luft. Thomas nimmt meine Hand und hält sie einfach nur fest. Einerseits ist es wie ein Anker, weil ich ihm bisher immer wirklich vertraut habe. Andererseits ist es ein Zeichen, dass er mich fest im Griff hat und nicht mehr loslassen wird, bis Hilfe da ist.

Schon ganz bald hallt Martinshorn durch die Straßen. Als ich das Blitzen der Blaulichter erkenne steigt die Angst in mir hoch. Ich will das doch gar nicht. Hatte mir doch immer geschworen, es nie so weit kommen zu lassen. Einen letzten Versuch unternehme ich noch...
Von jetzt auf gleich versuche ich einen Überraschungsmoment zu schaffen und beginne mich aus Tobis Armen zu winden. Angst macht aus jedem Menschen ein wildes Tier. Adrenalin schießt in die Blutbahn und die Leistungsfähigkeit steigert sich um ein vielfaches. Nicht umsonst ist mein Sternzeichen Stier. Blind vor Angst versuche ich alles, um vielleicht doch noch zu entkommen und kämpfe gegen die beiden, während die Polizei und ein Rettungswagen eintreffen.
Leider (oder vielleicht doch Gott sei Dank?) ist mein Versuch nicht von Erfolg gekrönt. Vier starke Arme bringen mich schließlich zu Boden und fremde Stimmen reden mit mir. "Es ist doch nur zu deinem Schutz. Beruhige dich doch mal." Ich blicke zur Seite und registriere, dass Tobi und Thomas an der Seite stehen, sichtlich erschöpft. Auch ich bin außer Atem und kann nur stöhnen vor Schmerz. Meine Arme sind auf meinem Rücken verschränkt und bei meinem Sturz muss ich mir irgendwas geprellt haben, was mir jetzt mein schmerzender Brustkorb verrät.

Mit Hilfe der Beamten darf ich aufstehen, jedoch sind sie peinlich darauf bedacht, mir keine weitere Chance auf einen Fluchtversuch zu geben. Zwei Arme links und zwei Rechts leiten mich direkt in den Rettungswagen und beide Beamten steigen direkt mit ein. Ich habe keine andere Wahl, als mich auf die Trage zu legen. Einer positioniert sich links von mir, der andere an der Seitentür, während ein Besatzungsmitglied des Rettungswagens sich mir zuwendet.
Jetzt wünsche ich mir, ich hätte die Hilfe von Thomas und Tobi angenommen, und es tut mir Leid, dass ich den beiden einen solchen Umstand bereitet habe.
Jetzt muss ich mir eingestehen, dass ich Angst habe. Angst davor, was jetzt passiert, wie es für mich weitergeht. Ich frage nach Thomas und Tobi, man versichert mir, dass es den beiden gut geht. Ich möchte, dass Thomas mich begleitet, wo auch immer es jetzt für mich hingeht. Tobi wird sicher in den Laden zurück müssen. Der Beamte an der Tür willigt ein, aber nur, wenn ich mich jetzt erst versorgen lasse.... 
Egal, wie die Sache ausgeht, dieser Weg wird schwer. Viele Gespräche, viel Widerstand, viele Tränen. Aber es geht weiter. Es endet nicht alles mit dem Schließen eines Chatfensters....


To be continued......

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