Botschaft aus dem Off

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*Triggerwarnung*

Schmerzen als Phänomen des Körpers sind weitreichend. Sie treten in vielerlei Arten auf. Stechend wie der Herzinfarkt, an- und abschwellend wie die Bauchschmerzen. Drückend und dumpf bei Blutergüssen oder reißend wie bei verklebten Faszien (Muskelsträngen). Oder nervige Kopfschmerzen bei Angst- und Stressreaktionen. Körperliche Schmerzen sind zu bekämpfen, mit Kühlpacks, rezeptfreien Schmerzmitteln oder manchmal einfach pusten. Hilft das nicht, gibt es verschreibungspflichtige Substanzen oder Betäubungsmittel. 
Wortwörtlich schmerzlich erfahren manche, dass der körperliche Schmerz nicht alles ist. Denn der andere ist schlimmer. Der Schmerz, der tief in einer Seele hängt. In der Seele einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, in der Seele eines Menschen, der für sein Leben gezeichnet wurde. In der Seele eines Menschen der verlässt, in der Seele eines Menschen, der verlassen wird. Meschen, die Bilder gesehen haben, welche, wie tätowiert, niemals mehr verschwinden. Menschen, die Entscheidungen treffen mussten, welche sie nie imstande waren zu treffen.
Diesen Schmerz zu beschreiben versuchen viele und doch reichen die üblichen, uns bekannten Begriffe irgendwann nicht mehr aus. Manches zerreißt uns das Herz, manches brennt uns auf der Seele, manches drückt im Schuh...
Aber nichts von dem beschreibt auch nur annähernd das, was in der Seele wirklich vorgeht. 

Den seelischen Schmerz durch den körperlichen ersetzen... diesen Satz haben wir alle schonmal gehört. Aber dieser Satz ist gesellschaftlich inakzeptabel.
Wir hätten reden sollen, schreiben sollen, uns melden sollen. Man hätte uns zugehört, uns geantwortet, uns Ratschläge gegeben. Wir hätten Hilfe bekommen können, uns den Schmerz von der Seele reden können, gesund werden können. Man hätte uns Therapien angeboten, uns Medikamente verschrieben, uns geholfen wieder aufzustehen. Um dann auf geflickten Beinen in eine unbestimmte Zukunft zu gehen und uns jeden Tag aufs neue der Gefahr auszusetzen, uns erneut alle Knochen zu brechen. 
Hätten wir, könnten wir, all das hätte so kommen können. Hätte funktionieren können, hätte uns ein neues Leben bringen können. Aber wir haben uns nicht darauf eingelassen. Auf die Aufmerksamkeit, auf die Beobachtung, auf den Kontakt zu Menschen, die das tun weil sie es gelernt haben und dafür Geld bekommen. Wir haben gelernt zu misstrauen, unsere Masken zu perfektionieren, zu lesen ohne uns lesen zu lassen. Haben uns entschieden selbst über unser Bleiben oder Gehen zu entscheiden und selbst zu bestimmen, ab wann eine neue Reise beginnt. 

Wir sind aufgestanden und losgelaufen. Haben uns an Leute gebunden und sind auf den Knien gelandet um gleich darauf mit ein paar Schürfwunden wieder aufzustehen. Wir haben uns Leuten angeschlossen und mit ihnen angestoßen. Die toxische Mischung haben wir erst danach bemerkt. Wir haben uns dem einen offenbart und vor dem anderen versteckt und die Erkenntnis gewonnen, dass es andersherum besser gewesen wäre. Verloren haben wir dann doch beide. Wir haben uns Gleichgesinnte gesucht und urplötzlich geborgen gefühlt.
Wir haben uns verstanden gefühlt, uns gegenseitig zugehört und uns gegenseitig Ratschläge gegeben. Zusammen gelacht und zusammen geweint. Uns jeden Tag die gleichen Zeilen gesagt in der Hoffnung, dass wir durchhalten. Und haben Skills ausgetauscht. Den seelischen Schmerz durch den körperlichen zu ersetzen. Kleine Aktionen, manche auffälliger, manche versteckt und diskret. In der Kleidung, durch Lebensmittel, mit bleibenden Spuren oder ohne, wir hatten sie immer dabei. Und genau wie unsere Maske saßen sie perfekt...
Die Gleichgültigkeit und der sabbernde Egoismus der Gesellschaft war unser perfekter Komplize, denn nie hat jemand wirklich hingeschaut.

Nie hat uns jemand durchschaut, wenn wir heimlich Chilipulver ins Essen gemischt haben. 
Nie hat jemand hinterfragt, wie viel Ingwer in unserem Tee schwimmt.
Nie hat uns jemand erwischt, wenn wir uns gebissen oder geschnitten haben.
Nie hat uns jemand angezweifelt, wenn wir von "dem kleinen Unfall beim Kochen" gesprochen haben.
Nie hat uns jemand darauf angesprochen, woher der Abdruck rund ums Handgelenk kommt.
Nie hat uns jemand gefragt, warum wir zu- oder abgenommen haben.
Nie hat jemand probieren wollen, was für Gummibärchen wir essen.
Nie hat uns jemand davon abgehalten, uns Kühlpacks zu holen.
Nie hat uns jemand angedichtet, dass wir nicht nur sprichwörtlich wie auf Erbsen laufen.
Nie hat uns jemand ertappt, wenn wir Abführ- oder Brechmittel geschluckt haben. 
Nie hat uns jemand auffliegen lassen, wenn wir nichts gegessen haben. 
Nie hat uns jemand gestoppt, wenn wir "Sport" gemacht haben.
Nie hat uns jemand geweckt, wenn wir "in den Tag geträumt" haben.
Nie hat uns jemand angeschaut, wenn uns die Stecknadeln gepiekt haben.
Nie hat uns jemand beachtet, wenn wir unsere kaputten Hände desinfiziert haben.

Wenn wir dissoziiert haben hat man uns verhöhnt, wenn wir geweint haben hat man uns ausgelacht. Wenn wir stumm waren hat man uns als Mauerblümchen hervorgehoben, wenn wir laut waren hat man uns als "Rebellen" ignoriert. Also haben wir uns Masken gebastelt, versucht schwimmen zu lernen um nicht im Mainstream-Sog der Bevölkerung unterzugehen. Wir waren Außenseiter oder Mitläufer, Zielscheibe oder doch nur schmückendes Beiwerk. Haben eingesteckt statt auszuteilen, Hiebe kassiert und doch nie zurückgeschlagen. Unsere Königsdisziplin waren unsere Skills. Die Regeln selbst geschrieben, die Disziplin unser Werkzeug, unser Schmerz der Sieg.
Selten ist uns jemand auf die Schliche gekommen aber meist hat wenn überhaupt nur einer von zwanzig genauer hingeschaut. Und auch jetzt noch bin ich mir sicher: wenn wir bis zum äußersten gegangen wären, ohne Hilferuf, ohne ein verrutschen der Maske, hätte uns niemand jemals aufhalten können.

Skills begleiteten uns durch unser Leben, einige länger, andere kürzer. Einige bis heute. Viele Menschen nutzen Skills ohne es zu wissen. Sport, wenn es stressig war; Essen, wenn sie traurig sind; kalt duschen um wach zu werden. Sich Adrenalin aussetzen um sich lebendig zu fühlen, Musik zu hören um die Gedanken neu zu sortieren. Irgendwann kommen wir fast alle an unseren ganz persönlichen Punkt, wo in unserer Seele ein Schmerz entsteht, der nicht mehr so einfach zu entfernen ist. Der sich einnistet, der wächst und sich ausbreitet. Der immer mehr Raum einnimmt und immer mehr von uns Besitz ergreift. Bis er mehr Nahrung braucht und anfängt uns aufzufressen, bis wir nur noch die leere Hülle unserer selbst sind.
Und erst dann sind wir vielleicht noch in der Lage zu begreifen, dass es besser gewesen wäre sich auf das "hätte funktionieren können" einzulassen. Dass es Menschen gibt, die das nicht nur tun, weil man sie dafür bezahlt. Menschen, die hinter die Maske blicken können, ohne das als Waffe zu nutzen. Die nicht aus Sensationsgier hinschauen sondern sich wirklich dafür interessieren. Die uns offen eine Hand reichen und nicht auf halber Strecke loslassen. Menschen, die uns nicht nur den Ausweg zeigen, sondern ihn mit uns gehen.

Wir müssen lernen gegen den Strom zu schwimmen, Vertrauen zu geben um Vertrauen zu ernten, aus uns herauszukommen und anzukommen. Auf die Meinung der Gesellschaft zu scheißen und manchmal auch einfach egoistisch zu sein. Uns nicht schuldig zu fühlen weil wir fühlen und denken, uns nicht zu bestrafen weil wir entschieden haben was wir für richtig hielten. Wir müssen lernen uns selbst zu lieben um Liebe zu geben und Dinge aufzugeben, die uns auf lange Sicht nicht glücklich werden lassen.
Und es ist absolut wahr, dass es aus jeder Situation einen Ausweg gibt. Mal steiler, mal flacher, mit Kurven oder ohne, durch Matsche oder über Schotter. Aber es gibt ihn. Der eine Ausweg, der uns nicht aufgeben lassen sollte. Den wir nicht verwerfen sollten ohne dass wir ihn versucht haben zu gehen...
Selbst wenn der Ausweg bedeutet in einer Sackgasse zurück zu gehen und an der letzten Kreuzung erneut abzubiegen. 

StorytellingGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt