Kapitel 27

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„Autsch!"

Camila zuckte bei dem Brennen zusammen, welches durch Yasmines seltsame Salbe ausgelöst wurde.

„Halt still. Meine Familie nutzt die Salbe schon seit Jahrhunderten und immer hat sie wahre Wunder bewirkt."

„Ja, genau so riecht sie auch. Als wäre sie schon Jahrhunderte alt."

Camila verzog das Gesicht und verlieh ihrem Scherz noch etwas Nachdruck. Es rief genau das hervor, was sie wollte: Yasmine lächelte. Nichts auf der Welt konnte das Strahlen in ihren Augen und ihr wunderschönes Lächeln übertreffen. Stunden könnte Camila so verbringen. Nur sie und Yasmine. Dann plötzlich zerstörte sie selbst den Moment, indem sie ein heftiger Hustenanfall überkam. Immer wieder schnappte Camila nach Luft und versuchte das rauchige Gefühl aus ihrer Lunge zu husten.

„Camila? Alles in Ordnung." fragte Yasmine alarmiert.

Es dauerte ein paar Minuten ehe sie wieder richtig atmen konnte. Als sie ruhiger wurde, nahm Yasmine sie in den Arm. Eine enge Umarmung die so viel mehr zu bedeuten hatte. Camila spürte, wie die Last von Yasmine ab fiel und die Erleichterung zum Vorschein kam. Ihre Arme und angenehme Körperwärme in der sie sich geborgen und daheim fühlte. Camilas Herz hatte in Yasmine ein zu Hause gefunden.

„Du weißt hoffentlich, wie froh ich bin, dass dir nichts passiert ist."

„Naja, meine Nase sagt etwas anderes."

„Ich meine es Ernst. Dir hätte sonst was passieren können, oder noch schlimmer das gleiche wie Vincent."

Sie musste schon die ganze Zeit darüber nachdenken. Was wäre passiert, wenn Lilith nicht sie, sondern Vincent gewählt hätte? Oder wenn auch sie getötet wurde. Der Moment indem das Glasdach über ihnen zusammengebrochen war, oder Beatrice reglos am Boden liegen blieb. Bilder dieser Stunden spielten sich seit ihrer Rückkehr immer und immer wieder in Camilas Kopf ab. Gedanken was hätte passieren können.

„Wir hatten eine Menge Glück. Wäre Beatrice nicht gekommen, hätten wir es vermutlich nicht dort raus geschafft."

Sie bemerkte Yasmines schiefen. So sehr sie es auch versuchte zu verbergen. Diese wich ihrem Blick aus und löste sich aus der Umarmung.

„Hey, was ist los?"

„Ich hatte eine solche Angst um dich. Wenn sogar Lilith und Beatrice mit allem was sie können, gerade so rausgekommen sind, wie wäre es bei dir gewesen? Versteh mich nicht falsch, du bist so talentiert im Umgang mit Technik, aber im Kampf eben nicht wirklich."

Es war ein harter Tag gewesen und alle waren mitgenommen und erschöpft, aber Camila wollte ehrlich zu ihr sein.

„In der Situation war mir das alles egal, weil ich überwiegend nur an dich gedacht habe. Ob ich noch die Chance bekomme dir einige Dinge zu sagen."

„D-Dinge? Was für Dinge?"

„Zum Beispiel, dass ich dich mag Yasmine. Sogar sehr. Aber ich habe keine Ahnung wie ich mich verhalten soll, oder was ich sagen könnte. Ich hatte bisher immer Angst es zuzugeben, heute ist mir klar geworden, dass ich mir nicht unendlich viel Zeit lassen kann. Damit mir zu überlegen, wie ich vorgehen sollte. Ich will ehrlich mit dir sein. Das bin ich dir und mir selbst schuldig."

Nichts. Kein Blick, aus dem sich etwas schließen lassen konnte. Kein Wort. Kein Wimpernzucken.

„Könntest du bitte etwas dazu sagen?"

Immer noch keine Reaktion. Nur starren. Vorsicht winkte Camila vor Yasmines Augen ehe sie zusammenzuckte.

„Tschuldigung." nuschelte sie schließlich. „Ich weiß gerade nicht, was ich dazu sagen soll."

Na toll, dachte sie sich. Jetzt hatte sie Yasmine gänzlich überfordert und es vermasselt. Camila musste natürlich immer mit der Tür ins Haus fallen. Schadensbegrenzung war jetzt die Devise.

„Du musst gar nichts dazu sagen. Ich wollte nur, dass du es weißt. Noch länger hätte ich es nicht verbergen können."

„Aber du erwartest bestimmt etwas von mir."

„Tu ich nicht." sagte Camila knapp. „Ich will nur ehrlich mit dir sein und dich nicht anlügen. Ganz egal was du damit anfängst, oder wie du dich schlussendlich entscheidest, ich werde es akzeptieren."

Yasmine sah sie so erleichtert und froh an, dass sie einfach nicht wiedersehen konnte und musste ihr einfach die Träne von der Wange wischen. Das alles war auch Neuland für Camila und sie musste auch erst lernen damit umzugehen. Gefühle und Gedanken die sie noch nie zuvor hatte. Wie gerade. Noch nie hatte sie bei irgendjemand bemerkt, wie schön Lippen sein könnten. Yasmine hatte vermutlich die schönsten in allen Welten. So gerne würde Camila sich einfach nach vorne beugen und testen, ob sie auch so weich waren, wie sie aussahen. Zum Glück konnte sie sich selbst beherrschen und wusste es besser. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Bevor irgendetwas in dieser Richtung passierte, musste sich Yasmine erste mal im klaren werden, was sie wollte und was sie empfand.

„Es ist so seltsam für mich und auch sehr verwirrend. Als ich mit Ava da stand und wir beide nichts tun konnten für die Menschen, die uns wichtig waren, war mir so schlecht vor Angst. Die Angst dich zu verlieren. Ich weiß, ich bin nicht einfach und es bedeutet mir so viel, dass ich dich habe Camila."

Nun auch selbst mit Tränen in den Augen umarmten sie sich. Jedes Mal schien die Reaktion ihres Körpers heftiger zu werden, wenn sie Yasmine so nah kam. Geborgenheit und auch etwas anderes was sie selbst nicht richtig einordnen konnte. Unzählige Male hatte Camila im Internet Bücher heruntergeladen und gelesen, die ihr als Nonne nicht gestattet waren nur anzusehen. Darin wurde das Gefühl als Lust oder Verlangen bezeichnet. Aber war es auch das? Es war schwierig und etwas beängstigend in so kurzer Zeit so viel neues über sich und den eigenen Körper zu erfahren. Was auch immer es war, es fühlte sich bei Yasmine richtig an.

„Was denkst du, ist Ava dort drüben passiert und warum sie jetzt wieder aufgewacht ist?"

Camila musste schmunzeln. In jeder Situation schaffte Yasmine es Dinge anzusprechen die mit der jeweiligen Situation nichts zu tun hatte.

„Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass es auf keinen Fall einfach war. Ava hatte es nie leicht. Wir alle konnten uns noch irgendwie entscheiden, oder haben jeder Zeit die Möglichkeit dem OCS und dem Kampf den Rücken zu kehren. Sie nicht. So verlockend es auch sein mag Heiligenscheinträger zu sein, ich würde nicht mit ihr tauschen wollen. Was auch immer Ava tut, sie wird es richtig machen. Wir können vielleicht nicht alles davon verstehen und nachvollziehen, aber wir können für sie da sein und unterstützen, wenn sie uns braucht."

Lange zu reden fiel ihr immer noch schwer und Camila musste schon wieder husten. Wäre sie doch nur nicht durch den Rauch gelaufen.

„Warte hier. Ich hol dir schnell ein Glas Wasser. Dann solltest du wirklich ins Bett gehen."

„Ich bin schon im Bett."

Mit viel zu viel Freude neckte sie Yasmine und wurde mit einem gespielten Augenrollen im Zimmer zurückgelassen. Trotzdem hatte sie recht. Es war ein harter Tag und sich einfach hinlegen und schlafen war das einzige, was Camila heute noch tun wollte. Draum ließ sie sich langsam nach hinten sinken und genoß das bequeme Bett, bis ihr schließlich die Augen zu fielen.

Warrior Nun: Das NachspielWo Geschichten leben. Entdecke jetzt