Kapitel 3.1

48 2 6
                                        

Die Routine übernahm schneller, als Veidja es für möglich gehalten hatte. Der Ablauf blieb meist gleich und forderte sie bis zur Erschöpfung. Sie hatte keine Möglichkeit, zu messen, wie viel Zeit jeweils verging, sie schätzte allerdings, dass jeder Ablauf ungefähr einem Zyklus entsprach. Ohne den Verlauf der Sonne sehen zu können, blieb das jedoch natürlich Spekulation.

Auf Kampf in der Arena folgte eine kurze Ruhepause, nach der sie zum Bad geschleppt wurde. Wenn sie wieder einigermaßen präsentabel war, verbrachte sie Zeit mit dem Höllenfürsten, der darauf bestand, jede Managabe mit ihr gemeinsam einzunehmen. Erst danach war ihr richtige Ruhe vergönnt. Für eine Weile, in der sie sich gerade so erholen konnte, bis der nächste Arenagang anstand. Anfangs hatte sie noch versucht, die Kämpfe zu zählen. Doch schnell kam eine Zeit, in der sie nicht mehr sicher war, ob sie wirklich kämpfte, oder davon träumte, wie sie wieder und wieder in den Sand der Arena blutete.

Nur eines blieb, um zu messen, wie lange sie bei den Dämonen war: Nach und nach wurden die Runden schlimmer. Mehr niedere Dämonen gleichzeitig, oder Hauptmänner, die ebenfalls auf sie losgelassen wurden. Besonders grausam war Darr, der sie aus tiefster Seele zu hassen schien. Nachdem er sie in einer Runde beinahe ausgeweidet hätte, bekam sie ihre Rüstung wieder. Wohl um länger durchzuhalten. N'Arahn selbst ließ sich nie so gehen, doch er verhöhnte sie gerne und stachelte sein Gefolge an.

Sie wusste, die Kämpfe waren der Grund, dass sie überhaupt noch lebte. Und sie war froh, dass das, was den Höllenfürsten faszinierte, etwas war, das ihr lag, in dem sie gut war. Dabei war Veidja sich durchaus bewusst, dass es alles, was sie gelernt hatte, pervertierte, wenn sie zum Vergnügen eines Dämonen kämpfte. Allerdings lag darin auch ein Ausweg: Sich im ernsthaften Kampf töten zu lassen. Wobei N'Arahn sich und seine Kreaturen dafür anscheinend zu gut unter Kontrolle hatte. Der Engel befand sich in einem Zwiespalt. Sie wollte nicht wirklich sterben. Aber so zu leben? In Gefangenschaft, als Belustigung ihrer ärgsten Feinde?

Rational betrachtet konnte es so nicht weitergehen. Irgendwann würde etwas schief gehen und einer der Dämonen verstümmelte sie so, dass sie nicht mehr zum Kämpfen taugte. Oder der Höllenfürst verlor einfach das Interesse an ihr. Dann hatte sie mit Sicherheit keine Möglichkeit mehr, zu fliehen oder den Dämonen gar zu überwältigen. Sie wollte nicht weggeschlossen in irgendeiner Kammer dahinsiechen. Sie würde nicht sterben, sondern erstarren, wenn sie keine Energie mehr bekam und ihren Lebenswillen verlor. Und auf Dauer wahrscheinlich dem Wahnsinn verfallen, falls man sie weiterhin versorgte.

Veidja hatte nicht vor, es dazu kommen zu lassen. Sie war besiegt und zerschlagen, aber nicht gebrochen. N'Arahn würde sie nicht brechen, kein Dämon konnte das. Dieser Gedanke hielt sie aufrecht. Er hielt sie wütend, und das brauchte sie, um am Leben bleiben zu wollen.

Und trotzdem schlichen sich Zweifel ein. Was konnte sie tun? Sie wurde langsam immer schwächer. Die steigende Angst begann sie zu lähmen. Ohne Kontakt zu ihren Gefährten, zu dem ewigen Strom unerschütterlicher Zuneigung vom Weißen Berg, ohne Licht in ihrem Leben, ohne echte Entspannung; das alles forderte einen zu hohen Tribut.

Mutter, hilf mir!


***


„...ein außergewöhnliches Spektakel, gefolgt von einem Gelage. Für einen geringen Aufpreis wird es gestattet, ebenfalls einen Kämpfer für die Arena zu stellen." N'Arahn schwieg kurz. „Das reicht. Sende zuerst Boten an einige hochrangige Ränkeschmiede. Ein ordentlicher Kampf wird eine nette Abwechslung von all dem Theoretisieren und Philosophieren für sie sein. Der nächste Schwung Einladungen geht an Verführer und Kriegstreiber gleichermaßen."

Mit einem Wink entließ er Gorf, um seine Befehle auszuführen.

„Ah, eins noch." Sein Hauptmann drehte sich herum wie an Fäden gezogen. „Lass Tazeel zuletzt eine Nachricht zukommen." Mehr zu sich selbst und für den Hauptmann wohl kaum hörbar fügte der Höllenfürst hinzu: „Er soll ruhig noch ein wenig warten."

Weltenbruch (18+)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt