Kapitel 10.1

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Er hatte seinem Engel, wie verlangt, die verschiedenen Facetten der Hölle gezeigt. Und feststellen müssen, dass hinter ihrer Abscheu Faszination für das Chaos und die Freiheiten, die die Roten Tiefen boten, aufkeimte. Die anderen Höllenfürsten legten sich bei den Besuchen ins Zeug. Einige aus Berechnung, manche aus Neugierde, andere aus dem Bedürfnis heraus, einem Engel nahe zu sein.

N'Arahn konnte nicht sagen, wie Veidja sich entscheiden würde. Er hatte kurzzeitig versucht, einladender, ja, harmloser auf die Kriegerin zu wirken, ohne seinen Konkurrenten Schwäche zu zeigen. Sogar Diplomatie hatte er bemüht, wenn auch sehr erfolglos.

Er war, wer und was er war, und sie kannte seine eckigeren Seiten zur Genüge. Diese Farce, die sie ihm eh nicht abnahm, hatte er schnell wieder aufgegeben.

Er klammerte sich an den Gedanken, dass das, was Veidja bei ihren letzten Begegnungen erlebt hatte, sie zumindest nicht sichtbar gebrochen hatte.

Es lag nun nicht mehr in seiner Hand. Freier Wille. Der Engel würde seine Entscheidung treffen und N'Arahn konnte nur hoffen, dass sie erkannt hatte, welche Gefahren hinter dem Schein in den Roten Tiefen lauerten. Hah, er selbst war genauso eine Gefahr, natürlich. Und er konnte ihr nicht so viel bieten wie das geifernde Pack in seiner Gesamtheit.

Über den Rand seines Kelches hinweg musterte er Veidja, die in ihrer schlichten Kleidung in Gedanken versunken im Eisenholzstuhl saß. Er würde diesen Anblick vermissen.

Törichter Dämon, das ist die Untertreibung des Jahrtausends. Es wird dir das Herz in Stücke reißen, wenn du sie Ihm übergibst, damit der Hof mit ihr spielen kann.

Schon jetzt, nur bei dem Gedanken an die Möglichkeit, war ihm, als würde er tausende Steinsplitter einatmen. Energie schoss durch seinen Körper, als stünde er kurz vor einem Angriff. Mühsam zwang er diese Aufwallungen wieder in die Dunkelheit eines tief in ihm vergrabenen Ortes.

Wie auch immer ihre Entscheidung ausfallen würde, er durfte sich davon nicht beeinflussen lassen. Seit er sich eingestanden hatte, auf welch gefährlichem Weg er sich befand, kämpfte er damit, seine Gefühle in sich einzuschließen. Jede starke Regung war eine Gefahr für seine Selbstbeherrschung und somit für sein Leben.

Und ihres.

Hatte er es anfangs als angenehm empfunden, endlich wieder Freude und Interesse zu empfinden, war ihm mittlerweile bewusst geworden, dass Langeweile nicht das Schlimmste war, das einem Höllenfürsten passieren konnte.

Sei stark, sei kalt, sei kontrolliert. Sie ist nur ein Spielzeug; es rührt dich nicht, was mit ihr passiert.

Sie hob den Kopf und ihr Blick traf seinen.

Ach, verdammt.


- - - - -


Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte dies ein ganz normaler Umlauf sein können. Gut, so normal, wie die Umläufe seit ihrer Gefangenschaft eben waren.

Sie hatte gekämpft und verloren. Mehrfach. Sie hatte gebadet und ihre Wunden versorgt. Sie hatte geruht, zumindest ein wenig. Jetzt: Kelch, Tisch, Stühle, Höllenfürst; alles wie immer. Fast eine Wohltat nach den Ereignissen der letzten Zeit.

Sicher, sie hatte mehr als sonst nach einer Möglichkeit zur Flucht gesucht. Doch seit N'Arahn ihr eröffnet hatte, dass sie eine grausame Wahl treffen musste, hatte er sie stärker überwachen lassen. Sie hatte zudem den Eindruck gehabt, seine Präsenz öfter in direkter Nähe zu spüren. Das konnte aber auch Einbildung sein; ihre Gedanken und Sinne waren von den Eindrücken der vergangenen Umläufe überreizt.

Weltenbruch (18+)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt