Kapitel 8.5

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N'Arahn versuchte, das Zittern zu unterdrücken, das sich seiner bemächtigen wollte. Warum habe ich das getan? Er hatte seinen Engel in Schrecken versetzt. Hatte ihr im Grunde Folter und physische sowie psychische Vernichtung angedroht. Warum?

Er wollte sie an sich binden und ihr nicht noch weitere Gründe geben, ihn zu fürchten und zu hassen. Die Wut hatte ihn überwältigt und er hatte den Eindruck bekommen, dass sie die ganze Situation nicht ernst nahm. Er konnte vielleicht verzeihen, dass sie ihn nicht ernst nahm (Wirklich? Verzeihen? Seit wann kann ich das auch nur denken?), doch er musste die Sicherheit haben, dass sie nicht leichtsinnig war, was die anderen Dämonen anging.

Und dann war da noch etwas anderes, hinter der Wut. Schmerzhafter, stechender.

Angst. Er hatte Angst sie zu verlieren.

Er kannte Angst, sicher. Jedoch nur Angst vor jemandem. Jedes Mal, wenn er vor dem Schwarzen Thron kniete. Hätte er da keine Angst empfunden, er wäre ein Narr gewesen. Und das Unbehagen, dass er bei dem Gedanken an die Kreaturen des Hasses empfand, war ebenfalls berechtigt.

Doch Angst um jemanden? Denn das war es, was er bei Veidja empfand. Er hatte eine irrsinnige Angst, dass sie in die Hände der anderen Höllenfürsten fallen könnte. Dass sie ihr wirklich Schlimmeres antaten, als das, wozu er ihr gegenüber je in der Lage sein würde. Er wollte sie beschützen.

Das war eine Wahrheit, der er sich erst einmal stellen musste.

Ein Geräusch hinter ihm machte ihn darauf aufmerksam, dass Veidja sich schon wieder regte. Und wie ein Echo seiner eigenen Gedanken...

„Warum?"

Was sollte er darauf antworten?

„Warum tust du es nicht?"

Jetzt war er vollkommen verwirrt. Warum tat er was nicht? Doch sie sagte nichts mehr. Er wusste nicht, sollte er sich umdrehen? Wie sollte er darauf reagieren? Er bebte noch immer vor Wut und dieser lähmenden Mischung aus Angst und dem verzweifelten Wunsch, dass sie verstand, wie wichtig es war, dass sie bei ihm blieb.

Er wusste nicht, was er tun würde, wenn er sich jetzt umdrehte und Spott in ihren Augen sah. Oder sah, dass er sie verloren hatte.

Aber ihre Frage klang in ihm nach. „Warum tust du es nicht?" Das, was er ihr angedroht hatte? Ja, das musste sie sich wohl fragen. Es wäre so viel einfacher, es würde auch viel besser zu seinen sonstigen Gewohnheiten passen, wenn er sie benutzte, wie es ihm gefiel, und das Verführen, das Manipulieren und Spielen anderen überließ, sobald er den Spaß an ihr verlor.

Doch das war keine Option, wie ihm sein Gefühlschaos gerade anschaulich bewiesen hatte.

Er konnte ihr keine Antwort geben. Er wollte sie vielleicht selbst nicht wissen.

Also ging er und ließ seinen Engel zurück, ohne noch einmal nach ihr zu schauen. Seine Diener würden sich um ihre Rückkehr in die Kammer kümmern.

Seine Schritte führten ihn in seinen Garten. Das ruhige Rauschen der Blätter und das schimmernde Grün konnten ihn kaum beruhigen. Doch wenn er vor hatte, seine Gefühle, seine Seele einer gründlichen Inspektion zu unterziehen, dann musste es hier geschehen. Wo er sich sicher fühlte. Wo er sich runterkühlen konnte.

Seine harten Schritte hinterließen Abdrücke im nachgiebigen Boden, doch je näher er dem alten Baum kam, desto mehr floss die Anspannung aus ihm heraus.

Er war bereit, sich sich selbst zu stellen.

N'Arahn setzte sich unter die ausladenden Äste, legte den Kopf an die raue Rinde und schloss die Augen. Seine Sinne weiteten sich. Die umliegenden Gänge waren leer, er war allein.

Der Dämon rief sich Veidjas Entsetzen ins Gedächtnis, als er ihr vor einer Weile ihre Wahlmöglichkeiten aufgezeigt hatte. Versenkte sich in die Erinnerung an den scharfen Geruch des Abscheus und der Angst, den sie für einen Moment ausgestrahlt hatte, als er ihr sein Angebot unterbreitete. Zwar war dieser Geruch noch viel intensiver geworden, als ihr klar wurde, was die zweite Option für sie bedeuten könnte, doch für ihn war wichtiger, wie sie dazu stand, sich an seine Seite zu begeben.

Sie hatten inzwischen einige Zeit miteinander verbracht und er hatte ihr bisher keinen Grund gegeben, diese Zeit als etwas anderes als eine Gefangenschaft zu betrachten. Eben erst hatte er bewiesen, dass seine Natur eine gewaltvolle war, dass er zu Grausamkeit neigte, auch dem Engel gegenüber.

Warum wollte er, dass es anders war?

Gehe systematisch an diese Sache, disziplinierte er sich. Was sind deine Gedanken und Gefühle zu Engeln?

Sie sind mir lästig, eine Pest. Glänzende, aufgeblasene Käfer, die sich für das Salz beider Reiche halten. Selbstgerecht und blind für die vielen Facetten, die das Leben bietet.

Macht es dir etwas aus, sie zu verletzen, zu verstümmeln, ihnen die Flügel auszureißen, sie zu töten?

Nein. So einfach war das. Daran hatte sich nichts geändert.

N'Arahn atmete tief durch. Gut, das war der leichte Teil. Es beruhigte ihn, dass in dieser Hinsicht alles in Ordnung mit ihm war.

Nun zum schwierigeren Part.

Du hast Kontrolle über einen Engel, er ist in deiner Gewalt. Ist das gut?

Ja.

Auch, wenn es Veidja ist?

Ja. Aber... Es fühlte sich nicht so gut an, wie es sollte. Es war auch nicht so wichtig, wie es das sein sollte. Es war nicht das erste, woran er dachte, wenn er seinen Engel im Sinn hatte. Und das war nicht selten der Fall.

Ah, du begehrst sie?

Wiederum: Ja. Der Gedanke an ihren sich windenden Körper unter seinem Gewicht, war erregend. Er hatte ihre Haut gekostet, schon oft ihren Duft nach Honig und Minze in sich aufgesogen. Seine Träume ließen ihn nicht los. Zeigten sie lockend, neckend, aufreizend. Erfüllten ihn mit Bildern von wilder Vereinigung.

N'Arahn spürte Hitze in sich aufsteigen, seine Hände krallten sich unwillkürlich in das kurze, harte Gras. Zischend sog er die Luft ein.

Nimm sie, sie ist dein Besitz! Mach sie dir gefügig, das ist dein Recht.

Nein! Nein, das war nicht... was er wollte.

Sonst warst du doch auch nicht so zimperlich.

Sonst? Die Höllenfürsten, mit denen er im Laufe der Zeit zusammen gewesen war, hatten sich seines Körpers ebenso bedient, wie er sich der ihren. Jeder hatte sich genommen, was er wollte. Meist waren sie nicht nur zu zweit gewesen. Es waren Orgien aus Sex und Gewalt, ohne Rücksicht, nur auf die eigene Befriedigung aus. Es hatte ihn ein paar Mal berauscht, dann war es ihm langweilig geworden. Eine Weile hatte er noch Übereinkünfte geschlossen, sich benutzen lassen, um Gefallen einfordern zu können. Jedes Mal hatte er nichts als Leere gefühlt. Der Kampf auf dem Schlachtfeld hatte ihn mehr erfüllt, weswegen er zukünftig Angebote dieser Art ausschlug.

Dieses Begehren gegenüber seinem Engel war anders. Es war nicht nur ihre Fremdheit; dafür hätte er zu den Menschen gehen können. Es war auch nicht der Reiz des Unerreichbaren, wie es ein Engel normalerweise war. Es war mehr. Und es war keine rein körperliche Sache.

Gut, komm zum Punkt, Höllenfürst. Sag endlich, was das Problem ist.

N'Arahn starrte ins Leere.

Ich will, dass es ihr gut geht. Will ihr meine Welt zu Füßen legen. Will, dass sie mich will, wie ich sie. Will sie schützen, ihren Respekt, ihr... Vertrauen. Nicht, um sie zu täuschen, sondern um ihre Erwartungen zu erfüllen.

Ich bin verliebt.

Ich bin verliebt in einen Engel.

Wie hatte das passieren können?


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