Klettern

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„Frau Küstel, sind Sie fertig?" höre ich die Stimme meiner Bezugsbetreuerin aus dem Wohnheim in dem ich seid anderthalb Jahren lebe. „Noch eine Minute." antworte ich gehetzt aus meinem Zimmer. „Ich gehe schonmal runter zum Auto." höre ich ihre wunderschöne Stimme sagen und dann ihre Schritte die sich von meinem Zimmer entfernen. „Ok." rufe ich noch und ziehe meinen anderen Schuh an. Ich schnappe mir meine Tasche in der ich meine Sportschuhe und etwas zu trinken drin habe. Meine Betreuerin Frau Schön und ich wollen heute Klettern gehen, eigentlich war es ein Angebot für alle Klienten aber kein anderer hatte sich dazu gemeldet weil entweder kein Geld dafür übrig war oder sie keine Lust hatten. Für mich ist das der Jackpot, denn ich freue mich über jede einzelne Sekunde die ich mit ihr alleine verbringen darf. Schnell schließe ich mein Zimmer ab und laufe dann durch den kurzen Flur ins Treppenhaus.

Draußen angekommen steht das Auto schon bereit und Frau Schön winkt mir lächelnd zu. Oh wie sehr ich dieses Lächeln liebe. Sofort spüre ich wie meine Anspannung fällt und laufe schnell über die Straße und setze mich zu ihr ins Auto. „Na, nichts vergessen?" fragt sie mich lächelnd während sie wartet bis ich mich angeschnallt habe. „Ja, habe alles." erwidere ich lächelnd. „Dann können wir ja los." meint sie zufrieden und startet den Wagen.

„Wie geht es Ihnen heute?" beginnt sie ein lockeres Gespräch und bald sind wir fröhlich am quatschen. Immer wieder wenn sie kurz zu mir rüber schaut und ihr wunderschönes Lächeln zeigt, verliere ich mich in ihren wunderschönen dunklen Augen. Wie gerne würde ich ihr sagen, wie wunderschön sie ist, wie wunderschön ihre Augen, ihre Stimme und ihr Lächeln sind.

„Frau Küstel?" höre ich sie plötzlich etwas lauter fragen. „Oh, tut mir leid...Ich habe geträumt." entschuldige ich mich beschämt. „An was haben Sie gedacht?" kommt es neugierig zurück. „An... naja... an die kleinen Dinge die mir an einer ganz besonderen Person so sehr gefallen." antworte ich etwas unbeholfen. Daraufhin folgt nur ein Schweigen.

„Wir sind da." unterbricht sie wenig später die Stille. Sie sucht einen Parkplatz und gemeinsam steigen wir aus und gehen auf die Kletterhalle zu. „Hier gehe ich ca zweimal die Woche klettern." erklärt Frau Schön mir begeistert. „Wie cool, ich bin gespannt ob ich es noch kann, es ist so lange her, dass ich das letzte Mal klettern war.

In der Halle angekommen fragen wir am Schalter nach Ausrüstung für mich. Frau Schön hat ihre eigene dabei. Sportsachen haben wir beide schon an. Ich muss betonen dass Frau Schön unglaublich gut in ihrer schwarzen Leggings und ihrem lilla Oberteil aussieht. Dazu trägt sie wie ich einen hohen Zopf. Ich liebe es wenn sie einen Zopf trägt, denn dann kommt ihr süßes Gesicht mehr zur Geltung aber sie trägt ihre Haare lieber offen, weshalb ich dies nur selten sehen darf.

„Also wie gestern schon abgesprochen, werden nur Sie heute klettern und ich werde Sie die ganze Zeit sichern." wiederholt Frau Schön gerade. Wir stehen vor einer einfachen Kletterstrecke und klären noch ein paar Dinge. „Wissen Sie denn noch wie der Knoten geht?" fragt sie mich jetzt. „Nein." Ich schüttle den Kopf sanft. „Gut dann schauen Sie mir einmal zu und dann machen wir ihn gemeinsam." meint sie daraufhin und fängt langsam an den Knoten zu knoten. Mit sanften Bewegungen hat sie schnell den Knoten fertig. „Ok, verstanden?" fragt sie mich. „Ich denke schon." nicke ich zur Antwort und warte bis Sie den Knoten wieder gelöst hat. Dann machen wir den Knoten jeweils gleichzeitig, doch während sie schon fertig damit ist, komme ich doch durcheinander. „Stopp, was haben Sie falsch gemacht?" fragt sie mich etwas belustigt. „Äh.." fragend schaue ich sie an. „Schau mal.." sie nimmt meine Hand in ihre und führt damit das Seil in die richtige Richtung. Sofort kribbelt meine ganze Hand und meine Augen starren geschockt auf unsere Hände. Sie beendet den Knoten ohne dass ich es mitbekomme. „Jetzt versuchen Sie es noch einmal." höre ich ihre entfernte Stimme. Erst jetzt realisiere ich, dass sie meine Hand längst losgelassen hat. „Ähm okay..." stottere ich, löse den Knoten und versuche ihn noch einmal zu Knoten. „Genau und jetzt einmal am Seil entlang." kommentiert sie. Erleichtert befolge ich ihre Anweisung und der Knoten ist fertig. „Super, nun zeige ich Ihnen noch wie ich das Seil an meinem Gurt befestige und worauf Sie achten müssen dass mir kein Fehler passiert. Denn beim sichern müssen beide Partner sich gegenseitig kontrollieren damit keine Unfälle passieren." erklärt sie mir und befestigt das Seil an ihrem Gurt. „Prüfen Sie einmal ob ich den Karabiner Hacken fest zugedreht habe." fordert sie mich auf. Etwas unsicher kontrolliere ich sie und stelle fest dass sie mit Absicht nicht richtig zugedreht hat, was ich ihr dann auch sage. „Sehr gut." erwidert sie daraufhin und korrigiert sich. Sie kontrolliert zur Sicherheit auch nochmal meinen Knoten und fragt mich ob wir nun bereit sind, weshalb auch ich nochmal alles kontrolliere. „Gut, dann klettern Sie mal los." meint sie lächelnd. Erleichtert dass der theoretische Teil vorbei ist, betrete ich die ersten Trittsteine an der Wand. Kurze Zeit später bin ich ganz oben angekommenen und rufe das Codewort runter. Frau Schön erwidert dieses und lässt mich sanft in den Gurt setzen und lässt mich dann langsam runter. „Das war super, Sie sind wirklich gut geklettert." komplimentiert sie mich, woraufhin ich rot werde und schnell nach unten sehe. „Danke." murmle ich leise. „Wollen Sie eine schwierigere Strecke ausprobieren?" fragt sie mich fröhlich. „Gerne." erwidere ich gespannt und schaue sie jetzt doch wieder an. Ihre dunklen Augen verfangen sich in meinen und wieder bekomme ich das dringende Bedürfnis sie einfach zu küssen. Aber das geht natürlich nicht. Sie hat Familie und ist mehr als doppelt so alt wie ich und steht noch dazu in einem Machtverhältnis zu mir. Schnell schenke ich meinem Knoten meine Aufmerksamkeit um ihn zu lösen. Auch Frau Schön löst jetzt das Seil von ihrem Gurt und gemeinsam gehen wir die Treppe runter zu den längeren Strecken. „Wie wäre es mit dieser Strecke?" fragt Frau Schön mich und bleibt vor einer Strecke stehen die eine kleine Schräge mit drin enthält. „Ok ich versuche es." antworte ich etwas unsicher. „Sie schaffen das." macht sie mir Mut. „Dazu sollten sie aber Kletterschuhe tragen, möchten Sie meine haben, dann müssen Sie für Kletterschuhe nicht extra bezahlen." bietet sie mir freundlich an. „Sehr gerne." freue ich mich übers Angebot. „Aber seien Sie vorsichtig, da kommen schnell Löcher rein." bittet sie mich und reicht mir ihre Schuhe. Sie sind eng aber sie meint dass sie so sein müssen. Wir befestigen also wieder das Seil an unseren Gurten und kontrollieren uns gegenseitig. Ich fange an zu klettern doch auf der Hälfte komme ich nicht weiter. „Rechts ist noch ein blauer Stein da können Sie ihren Fuß drauf stellen." höre ich ihre sanfte Stimme zu mir heraufwehen. Ich folge ihrer Hilfe und stehe wieder sicher und klettere weiter. Schnell habe ich auch diese Strecke geschafft. Unten angekommen lächelt Frau Schön mich stolz an. „Sie sind wirklich gut, Sie haben Talent fürs Klettern." meint sie sanft. Wieder werde ich rot, schaue aber diesmal nicht weg. „Danke..." stammle ich leise. Unsere Augen vertiefen sich wieder ineinander und diesmal unterbricht keiner diesen Moment. „Ich bin sehr stolz auf Sie. Ich finde Sie sind ein ganz toller Mensch. Sie haben so viele guten Seiten an sich. Sie sind sportlich in vielerlei Hinsicht, sind super nett und hilfsbereit, können sich mir öffnen und unsere gemeinsame Arbeit erleichtern. Warum können Sie das denn nicht sehen?" höre ich sie sanft fragen. „Ich...Danke... also ich weiß nicht." stottere ich unbeholfen und blicke kurz schluckend zu Boden und dann wieder rauf in ihre Augen. „Ich weiß dass ihn Ihnen etwas steckt aber Sie wollen es nicht zulassen...warum?" fragt sie mich leise und verringert plötzlich den Abstand zu mir. Nervös blicke ich auf ihre wunderschönen Lippen und versuche meinen starken Herzschlag zu beruhigen. „Ich kann es nicht zulassen, weil...weil diese Gefühle verboten sind, weil..." versuche ich zu erklären. „Was für Gefühle meinst du?" dutzt sie mich plötzlich und schaut ebenfalls kurz auf meinen Lippen, was mich noch unsicherer macht und gleichzeitig noch glücklicher. „Diese Gefühle...also ich... also da gibt es diese Person." stammle ich und werde noch röter. „Verstehe...und fühlt diese Person auch was für dich?" flüstert sie jetzt leise. „Wahrscheinlich nicht, denn es ist ja verboten und sie hat Familie und..." erwidere ich und bemerke erst zu spät wie viel ich gerade gesagt habe und was sie sich daraus schließen kann. Unsicher schaue ich zu Boden. „Leona..." spricht sie auf einmal sanft meinen Namen. Verwundert schaue ich sie an. „Ich kenne diese Gefühle, denn... ach egal." plötzlich legt sie ihre weichen wundervollen Lippen auf meine. Etwas überrascht erwidere ich den Kuss erst ein paar Sekunden später aber umso glücklicher. Sanft berühren sich unsere Lippen immer wieder erneut, während wir unsere Augen geschlossen halten. Ich werde etwas fordernder und sie erwidert dies, während sie meinen Körper an ihren zieht. Ich genieße ihre Körperwärme, das Kribbeln am ganzen Körper und das zarte berühren unserer Lippen glücklich und zufrieden, bis Sie plötzlich stoppt. Ich öffne verwundert meine Augen und starre sogleich in ihre wunderschönen dunklen Augen. „Ich weiß es ist verboten und so aber ich liebe dich Leona schon seid längerem und ich kann nicht länger so tun als wäre nichts zwischen uns." meint sie leise und schaut mich aufrichtig an. Ein Stein fällt mir vom Herzen als ich das höre. „Und ich dachte nur ich würde das bemerken, was zwischen uns ist. Ich liebe Sie äh dich auch und ich will auch mehr aber du hast eine Familie." erwidere ich ebenso leise und schaue bei den letzten Worten traurig zur Seite. „Hey, sieh mich wieder an." fordert sie mich sanft auf. Das tue ich sofort. „Ja ich habe Kinder aber die sind wie du ja weißt alt genug für eigene Kinder und mit meinem Mann habe ich mich vor Monaten getrennt." erklärt sie mir. „Wirklich." frage ich zuversichtlich. „Wirklich." bestätigt sie lächelnd. „Wow, ... Ich bin grade so glücklich... aber es ist immer noch verboten." gebe ich dann zu bedenken. „Wir kriegen dass schon hin, du wohnst eh nur noch ein Jahr hier und danach sind wir frei, solange müssen wir es eben verheimlichen." meint sie zuversichtlich. „Ok, das klingt gut." erwidere ich ebenso zuversichtlich und lege sanft meine Lippen auf ihre. Sie erwidert den sanften Kuss und es fühlt sich so an, als wäre dass der Moment auf den ich mein Leben lang gewartet hätte. Ich fühle mich glücklich wie noch nie und am liebsten würde ich diesen Moment für die Ewigkeit genießen.

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