Felix POV
Der Schatten schiebt das kleine Boot ohne Zwischenfälle an den Strand. Kaum angekommen, fliegt er auch schon wieder davon. Ich hole tief Luft und sammele all meine Kräfte, um mich aufzurichten. Die Wunde von Mabel im Oberarm und die von Hook im Bein haben mir doch mehr zugesetzt, als zunächst gedacht. Als ich höre wie sich Schritte nähern, schießt Angst durch mich hindurch und gibt mir damit für den Moment genug Kraft mich hinzusetzen. Erst als ich die verlorenen Jungen erblicke, allen voran Paul, erinnere ich mich, dass der Angriff der Piraten vorbei ist und keine Gefahr mehr besteht.
Entkräftet lasse ich mir von Paul und dem Jungen mit der dunklen Hautfarbe, Marlon, aus dem Boot helfen. Ein anderer Junge greift die Keule, die noch im Boot lag und trägt sie hinter uns her. Mit der Unterstützung der anderen schaffe ich es bis zum Lager zu humpeln.Wir reden nicht, dafür wäre ich auch viel zu erschöpft. Nur einmal fragt ein Junge aus der Gruppe, wo denn der Knirps geblieben ist. Ich presse nur ein „Später" heraus, wobei ich krampfhaft versuche die Schmerzenslaute in mir zu halten. Beide Wunden pochen und brennen sehr schmerzhaft und ich glaube sie bluten auch noch. Keiner aus der Gruppe hatte wirklich einen Bezug zu Rufio. Keiner außer mir.
In jeder Sekunde frage ich mich, was er gerade denkt, wie es ihm geht. Ob er schon auf dem Piratenschiff ist? Mit Sicherheit. Der Kapitän hatte es ziemlich eilig. Rufio hat bestimmt unheimliche Angst. Hatte ich ihm nicht versprochen, ihn so schnell es geht zu seiner Familie zurück zu bringen? Stattdessen wurde er gefangen genommen. Mir ist beinahe schlecht vor Selbstvorwürfen.
Endlich erreichen wir das Lager. Sofort sucht mein Blick nach Pan, den ich bei den zwei gefangenen Piraten erspähe. Die Männer sind gefesselt und lehnen an einem Baum am Rand des Lagers. Der Herr Neverlands spricht mit ihnen, wendet sich aber sofort uns zu, als einer der Jungen nach ihm ruft. Mit schnellen Schritten kommt er zu uns hinüber.
„Bringt ihn dort rüber", weist er die Jungen an und deutet einen schmalen Weg zwischen ein paar Bäumen entlang. Ich weiß, wo der Pfad hin führt: Zu den zwei Schlaflagern von Rufio und mir. Wir leisten Pans Anweisung sofort Folge und ich humpele mit der Unterstützung von Paul und Marlon dorthin, während die anderen verlorenen Jungen sich im Lager verteilen. Langsam lasse ich mich auf meine dünne Matratze sinken. Paul klopft mir noch kameradschaftlich auf den unverletzten Arm und geht dann gemeinsam mit Marlon zurück zu den anderen. Dann ist Peter Pan bei mir und stützt sich mit einem Knie neben mir auf.
„Wo bist du verletzt?", möchte er wissen und mustert mich kritisch. Scheinbar mache ich wirklich keinen zumindest halbwegs gesunden Eindruck.
„Pan, ich muss -", setze ich an, ihm von den Geschehnissen zu erzählen, doch er unterbricht mich. „Es bringt uns beiden nichts, wenn du gleich weg bist. Du scheinst viel Blut verloren zu haben." Ich nicke ergeben und zeige ihm dann zuerst die Verletzung am Bein. Wie bei unserer ersten Begegnung lässt er grüne Funken auf die Wunde niederregnen und augenblicklich wird es besser. Die Wunde verschließt sich und übrig bleibt nur ein sanftes Prickeln.
„Wo noch?", Pan hebt eine Augenbraue. Ich deute auf meinen linken Oberarm, doch als Pan ansetzt, auch dort Magie einzusetzen, stoppe ich ihn.
„Nicht mit Magie - bitte", meine Stimme klingt auch schon ein wenig kräftiger. Fragend runzelt der Herr Neverlands die Stirn. „Ich brauche den Schmerz noch", versuche ich mich zu erklären. „Na schön", Peter Pan zuckt mit den Schultern und holt dann Verbandsmaterial aus dem Nichts hervor. Ich muss meinen Umhang und das Oberteil ablegen, dann verbindet Pan die Wunde. „Und jetzt hätte ich gerne eine vernünftige Erklärung", fordert er.
„Ich war mit Rufio bei dem Totenkopffelsen", beginne ich seufzend, „Ich habe ihm gesagt er solle auf mich warten und bin alleine hoch zu Mabel gegangen. Da habe ich die Sanduhr gesehen. Sie war unglaublich." An dieser Stelle werfe ich Pan einen Blick zu und er hebt einen Mundwinkel. „Erst haben Mabel und ich nur diskutiert, aber dann hat sie versucht die Sanduhr kaputt zu machen. Ich habe sie getötet."
Anders als erwartet, bricht mir meine Stimme nicht weg. Noch immer empfinde ich nichts dabei.
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Felix - The second shadow of Peter Pan
Fantasy„Du traust dich nicht, es dir einzugestehen", erkennt Pan mit zusammengezogenen Augenbrauen und lässt mich nun nicht mehr aus den Augen, „Doch das solltest du. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist, kann sein größtes Potenzial erreichen." Noch immer we...
