HINEINGEFRESSENE TRÄNEN

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Wie war ihr Leben nur in zwei Wochen so schnell den Bach runtergegangen? Zwischen all den verschwommenen Blicken und blanken Gesichtern stellte sich die Frage wohl jedem einzelnen von ihnen

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Wie war ihr Leben nur in zwei Wochen so schnell den Bach runtergegangen? Zwischen all den verschwommenen Blicken und blanken Gesichtern stellte sich die Frage wohl jedem einzelnen von ihnen. Sie hatten sich noch einmal um das Bett versammelt, einige vielleicht immer noch mit der Hoffnung, dass Justin nur ein wenig Ruhe brauchte, um wieder zu Bewusstsein zu kommen. Als Emma, Kiran und Yusuf vor einer guten Viertelstunde zu dritt aus dem Bad geschlurft kamen, hatte die Hälfte der Teenies nicht einmal zu ihnen aufgesehen.

Lani war zu sehr damit beschäftigt gewesen, das Gefecht gegen ihren Heulkrampf zu verlieren, um sie überhaupt zu bemerken. Paula hatte das Mädchen schließlich zur Seite genommen und barscher als nötig angefahren: Lani sollte sich endlich zusammenreißen, das könnte ja wohl nicht sein, dass sie ihre Panik und Tränen nicht in sich selbst hineinfraß wie jeder andere von ihnen hier. Oder so ähnlich, Elia konnte sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Dieser Beitrag hatte nun nicht unbedingt dazu beigetragen, dass sich die Schluchzer besserten.

Nun saß Lani in der hintersten Ecke des Zimmers, direkt unter Kirans fragwürdigem Poster, und hatte sich mit dem Rücken zum Rest der Klasse zusammengekauert. Nur ihr zerzauster blonder Pferdeschwanz erzitterte jedes Mal, wenn Enny ihr mit erstarrter Mine ein neues Stück Klopapier reichte und sie kräftig hineinschnaubte. So wie sie es auch jetzt wieder tat.

Elia hatte sich vors Fenster an die Heizung verzogen. Seit sie die Geschehnisse an Halloween zusammen durchgegangen waren, stand er unter Strom und konnte nicht anders, als die Erinnerungen immer und immer wieder in seinem Kopf durchzuspielen. Es war so viel passiert. So viel, dass sie alle sich nicht erklären konnten ─ oder sich bis jetzt zumindest nie hatten erklären wollen. Elia wusste ja, wenn er nun mit der Theorie ankam, dass das eben die Strafe für satanische Rituale und allgemein moralisches Fehlverhalten war, dann würden sie ihn wieder als Spinner deklarieren. Oder noch schlimmer: Paula würde auch ihn anraunzen und ihm vorhalten, was er nach Justins Wutanfall selbst getan hatte.

A-Argh! I-Ihr hättet es ver-verdient, dass die D-D-Dämonen euch holen ko-kommen. Justin, ich h-hasse dich! Ich hasse e-euch alle! D-dann f-fahr doch in die Hölle!

Auch diese Worte ließ Elia nun Revue passieren, immer und immer wieder, bis ihm schlecht davon wurde. Wenn er seiner Klasse nur nicht nachgeschlichen wäre, dann wäre vieles nicht passiert. Nicht das mit dem blöden Scherz-Ritual, das ging ja wohl eindeutig auf Kirans und Justins Konto, aber alles danach hatte auch mit ihm zu tun. Manchmal machte es Elia Angst, dass er die Monster anders wahrzunehmen schien als der Rest von ihnen. Er konnte sie spüren, bevor sie überhaupt da waren. Vielleicht hatten die anderen das auch schon bemerkt. Als würde Kiran genau erahnen, was ihm da gerade durch den Kopf ging, trafen sich ihre Blicke für den Bruchteil einer Sekunde. Oh, er wusste es. Zumindest ahnte er es. Elia wandte hastig den Kopf ab, denn irgendwie tat es weh, den anderen Jungen gerade anzusehen. Kiran hatte im Badezimmer geweint. Das war nicht wirklich ein Geheimnis und sein Rivale versuchte auch nicht, die rotgeränderten Augen vor den anderen Klassenkameraden zu verbergen, aber Starren fühlte sich trotzdem seltsam übergriffig und privat an.

𝕰𝖓𝖈𝖞𝖈𝖑𝖔𝖕𝖆𝖊𝖉𝖎𝖆 𝕴𝖓𝖒𝖔𝖗𝖙𝖚𝖆𝖊Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt