EINE STUDIE IN ROT

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Ein Ast knackte laut unter seinen Sohlen und Elia packte seinen neuen Salzstreuer fester, obwohl die Wahrscheinlichkeit, nun noch von einem Knochenknacker angefallen zu werden, wohl gegen Null ging

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Ein Ast knackte laut unter seinen Sohlen und Elia packte seinen neuen Salzstreuer fester, obwohl die Wahrscheinlichkeit, nun noch von einem Knochenknacker angefallen zu werden, wohl gegen Null ging. 6:43 Uhr hatte Kirans Handy angezeigt, als er das letzte Mal einen Blick zum Blondschopf gewagt hatte. Sie hatten die Nacht überstanden.

Von der Sonne war trotzdem keine Spur, denn die versteckte sich feige hinter einer dicken Schicht an grauen Regenwolken. Lange würden sie nicht mehr trocken bleiben und Elia verspürte nicht das geringste Bedürfnis, das zweite Mal innerhalb so kurzer Zeit bis auf die Knochen durchnässt zu werden. Und zwischen all diesen Grabsteinen hatte er zwar jede Menge Laub und sogar zusammendrückte Dosen bunter Energydrinks entdeckt, aber von einem Handy fehlte jede Spur. „Hier i-ist nichts", verkündete er schließlich und warf Paula einen fragenden Blick zu. „W-willst du noch weiter zum De-Denkmal laufen?"

Sie hatten sich aufgeteilt. Während Kiran und Jannis die Fläche direkt um das Mausoleum absuchten und sich Enny, Lani und Sophie den angrenzenden Waldabschnitt vorgenommen hatten, waren er und Paula mit dem eher schweigsamen Umut im Schlepptau Richtung alte Kapellenmauer samt Kriegsdenkmal hin aufgebrochen. Dort, wo Elia und Kiran sich hinter ihren Salzkreis gerettet hatten.

Die Gräber rund um sie waren neuer, die Inschriften noch nicht von Wetter und Moos gezeichnet und stattdessen mit einigen Blumen und gelegentlich auch Kerzen geschmückt. Tante Lisbeth war nicht weit von hier in die Erde gesetzt worden, wenn Elia sich nicht täuschte. Nicht, dass er vorhatte, ihr einen Besuch abzustatten. Sie hatten weit besseres zu tun. Nämlich das verdammte Handy finden bevor die Wolken über ihnen aufbrechen würden. Und am besten noch, bevor seiner Familie klar wurde, dass er die Nacht weder bei ihnen noch in der Gemeinde verbracht hatte, auch wenn Elia sich diese Hoffnung wohl bald aufs Trostbrot schmieren konnte. Er würde es niemals rechtzeitig nach Hause schaffen. Ob seine Eltern dachten, er hätte im Gebetshaus bei Irene übernachtet? Es wäre nicht das erste Mal gewesen - nur dass er dann meistens spätestens zum Frühstück bei den Konrads abgeliefert wurde.

Er wollte sich gar nicht ausmalen, in was für Schwierigkeiten er stecken würde, wenn ...

„Ne, nicht ganz bis zum Denkmal, oder?", meinte Paula und ihre Augen verengten sich kaum merklich. Manchmal hatte Elia immer noch das Gefühl, eine fremde Person vor sich zu haben, wenn er ihr direkt ins Gesicht sah. Ohne die dicke Schicht Lidschatten, den gemalten Konturen und die falschen Wimpern sah sie irgendwie anders aus. Elia wusste nicht ganz, ob er es gruselig finden sollte, wie chamäleonartig sich manche Menschen verwandeln konnten - aber er verstand auch einfach nicht viel von Make-Up im Allgemeinen. Er wusste nur, dass es Paula immer viel Spaß gemacht hatte, sich auszuprobieren ― zumindest den lautstarken Gesprächen im Klassenraum nach. Und nun war das für Paula genauso vorbei wie für Kiran und Yusuf Basketball oder für Sophie die Reitbeteiligung.

Es war traurig. Auf eine andere Weise traurig als der Tod von Dana es gewesen war, denn der war laut und explosiv und nahm einen ganzen Menschen fort von der Welt, während sich alles andere nur ... langsam eingeschlichen hatte.

𝕰𝖓𝖈𝖞𝖈𝖑𝖔𝖕𝖆𝖊𝖉𝖎𝖆 𝕴𝖓𝖒𝖔𝖗𝖙𝖚𝖆𝖊Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt