(K)EIN MEISTER DER PROKRASTINATION

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Die schattenhafte Masse schwappte mit jedem seiner Schritte ein wenig höher im Messbecher

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Die schattenhafte Masse schwappte mit jedem seiner Schritte ein wenig höher im Messbecher. Elia schluckte. Es war ein wahres Wunder, dass der Kunststoff die Überreste der Hunderthand gefangen halten konnte.

Ein noch größeres Wunder war es allerdings, dass die tintenschwarzen Tentakeln, die bisweilen versuchten am Behälter hochzukraxeln, bisher keinen Weg über den Rand gefunden hatten. Um sein Glück nicht weiter herauszufordern, hatte Elia alle Schränke und Schubladen der Kücheninsel durchforstet, bis ihm die Rettung wortwörtlich in die Hände gefallen war.

Nun saß ein quietschgrüner Plastikdeckel mit aufgedruckten Fußbällen auf dem Rand des Messbechers - und verlieh das dem Ganzen nicht fast schon einen seltsamen Charme?

Wem willst du etwas vormachen, Elia? Du kannst die kriechenden Auswüchse ja nicht einmal ansehen, ohne dass du dir fast in die Hosen machst.

Richtig. Denn wirklich sicher sah das Konstrukt nicht aus und das bereitete ihm Bauchschmerzen. Wer wusste schon, was selbst die flüssigen Überreste so eines Schattenmonsters noch anstellen konnten?

Eben.
Niemand wusste das.
Schließlich gab es keine Fallstudien, Gefahrstoff-Anleitungen oder sonst irgendwelche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Kreaturen, die für niemanden außer der Klasse 10c existierten. Er würde schnell eine bessere Lösung für seinen Versuchspudding finden müssen, so viel war klar.

Die letzten zwei Stufen nahm Elia mit einem Schritt, dann war er auch schon im oberen Stockwerk angelangt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, beäugte die Schattenmasse hinter dem Kunststoff weiter misstrauisch. Er hasste, hasste wie lebendig das Zeug sich verhielt. Wie es sich vergebens an den Rändern hochschlängelte, nur um daraufhin enttäuscht zu zischeln und zu blubbern. Manchmal, wenn eine der öligen Blasen in schäumender Wut zerplatzte, glaubte Elia Wörter zu verstehen.

Wörter.

So als könnten die Schattenmonster tatsächlich sprechen. Der Junge schüttelte sich und versuchte, die zischelnde Stimme in seinen Ohren zu ignorieren. Es war ohnehin alles Kauderwelsch.

Sein schlaftrunkenes Hirn spielte ihm inzwischen Streiche.

Als er vor Kirans Zimmer innehielt und eine schwache Note des eklig holzig-süßen Grases durch den Türspalt in seine Nase kroch, hatte Elia plötzlich Sehnsucht nach etwas mehr Einsamkeit. Er wollte nicht wieder zurück zu den anderen Teenagern. Dort nahm Justins Körper zu viel Raum ein. Stahl ihnen allen die Luft. Bis man nicht mehr richtig atmen oder denken konnte, weil jeder Schritt nur unweigerlich wieder zur bewegungslosen Gestalt auf Kirans Matratze führte.

Doch einfach vor der Tür stehen bleiben wie bestellt und nicht abgeholt war nicht nur seltsam und irgendwo dämlich, sondern schlichtweg keine Option. Auch wenn Elia sich gerne als einen Meister der Prokrastination bezeichnete, wusste er irgendwo tief in sich drinnen, dass er dieses Problem nicht unter den Teppich kehren und fröhlich wegignorieren konnte, wie er es sonst so gerne tat. Wie er es gerne seit Halloween getan hätte, wenn Elia ehrlich war.

𝕰𝖓𝖈𝖞𝖈𝖑𝖔𝖕𝖆𝖊𝖉𝖎𝖆 𝕴𝖓𝖒𝖔𝖗𝖙𝖚𝖆𝖊Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt