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Es war halb acht. Und Elia viel zu spät dran. Während die anderen Teenies sich mit bedrückten Mienen und dem Handy als Beute zurück in Kirans Zimmer verkrochen - und dahin wollte Elia sowieso nicht wieder zurück, nicht, wenn er Justin da so leblos liegen sehen musste, während gleichzeitig Emmas bohrenden Blick auf ihm ruhte - stand er nun wenige Schritte vor der Haustür der Konrads. Und seine Schuhspitzen wollte nicht mal die freundlich creme-beige Fußmatte berühren. Es waren diese alten Lederschuhe von Jonah. Auf der linken Seite bereits ein wenig ausgebleicht und vorne einige Schrammen. Einige davon bestimmt von heute Nacht.
Elia fröstelte.
Aus dem Küchenfenster schien warmes Licht auf die runden Buchsbäume Vorgarten. Seine Familie saß beim Frühstück, ohne ihn. Aus irgendeinem Grund war dieser mickrige Schritt zur Haustür ihm gleichzeitig ein verdammter Schritt zu viel. Alles war gerade zu viel. Trotzdem schluckte er und trat mit klopfendem Herzen ans Klingelschild heran.
Die Familie Konrad. Sei bei uns immer Willkommen stand da in geschwungenen Lettern ins Kupfer eingraviert. Noch so ein Satz, der auch direkt aus dem Mund von Pfarrer Otis hätte purzeln können. Stop. Schlechter Gedanke. Nach dieser Nacht hatte er wirklich, wirklich nicht mehr die Kraft, sich auch noch mit dem Keller auseinanderzusetzen. Schon wieder brannten seine Augen. Müdigkeit? Erschöpfung? Komplette Nervenüberreizung?
Und falls sie doch fragen würden, wo er die Nacht über geblieben war? Was für eine Entschuldigung sollte er sich aus den Rippen würde schneiden müssen, wenn er gleich vor seine Eltern trat? Für nur einen kurzen Augenblick wünschte Elia sich, anstelle von Justin den Schemen zum Opfer gefallen zu sein. Dann würde es ihn nicht mehr kümmern. Dann wäre ihm nicht mehr so übel.
Nein. Noch so ein schlechter Gedanke.
Wie kann man nur so kalt sein? Wie kannst du so leichtfertig über Justins TOD nachdenken, Elia, was läuft falsch bei dir?
T O D.
Er wünschte sich die Taubheit der letzten Stunden zurück.
Ganz nach dem Motto Augen zu und durch flüchtete Elias Blick geradezu vor dem Klingelschild, als er mit vor Kälte steifem Finger auf den metallenen Knopf drückte. KLIIIINGEL-LIIIING! KLIIIINGEL-LIIIN-LIIIN-LIIING! Das laute Schallen hatte er erwartet, trotzdem ließ ihn die fröhliche Melodie noch zusammenzucken.
Abrupt verstummten die von der Straßenseite kaum hörbaren Stimmen seiner Eltern und in der Küche wurde ein Stuhl zurückgeschoben. Schritte. Die gewellten Glaskacheln der Eingangstür verzerrten Maries Körper zu einem unförmigen, verrenkten Fleck, doch ihr dunkelblonder Schopf war trotzdem noch gut genug zu erkennen. Dann öffnete sie.
Elia atmete tief ein, um sich zu sammeln. Marie hatte ihr Haar wie so oft zu zwei seitlichen Zöpfen geflochten und trug Bluse mit dem weit übers Knie reichenden Faltenrock. Ihre Messekleidung, stellte er fest. Das hieß, sie würde später noch losfahren und in der Gemeinde aushelfen. Das tat Marie öfter, seit diesem Sommer, schließlich hatte sie nun die Zeit. Noch hatte ihre Ausbildung im Gesundheitszentrum nicht begonnen - Birgit und Michael Konrad waren sehr vokal darüber gewesen, dass Marie sich doch um eine anständige Ausbildung bemühen sollte. Der MSA, der reiche für sie doch eh, da solle sie lieber ‚was Gescheites machen'. Übersetzt hieß das wohl:Unsere Gemeinde hier und jetzt unterstützen, dafür brauchst du kein Studium. Überhaupt glaubt doch jeder Trottel heutzutage, unbedingt studieren zu müssen.