2| Warum ich nicht mit meinem Bruder rede

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„Wir wünschen ihnen einen angenehmen Flug." sagte die Stimme im Flugzeug gen Venedig. Angenehmer Flug. Sehr witzig. Wenn du ganze 2 Stunden neben deinen verhassten Geschwistern sitzen musst, wird der Flug bestimmt sehr angenehm.

Meine Mutter sitzt direkt vor mir und liest irgendein Buch. Mein Vater tippt auf seinem Tablet herum und wirkt komplett abwesend. Karl liest gerade einen Wälzer über die Chinesische Architektur des 5. Jh. Ja, sehr interessant, ich weiß. Annie hat ebenfalls Kopfhörer auf und hört Musik. Aber nicht so wie ich. Sie hört gerade irgendein Konzert von einem uralten Komponisten. Und sie liest die Noten in einem Heft mit.

Seufzend lehne ich mich an meinen Sitz. Nur ich bin hier halbwegs normal. Ich schließe meine Augen und tippe mit dem Zeigefinger den Takt auf meinem Bein mit. Wie gern würde ich jetzt auf meiner Gitarre spielen.

Zum Glück erlauben uns unsere Eltern unsere Instrumente mit in den Urlaub zu nehmen. Annie muss ja auch üben. Sonst wird das nie etwas mit der Musikschule, auf welche sie so gerne gehen würde. Da Annie ihre Geige mitnehmen durfte, konnte meine Gitarre auch mit. Nur liegt die zur Zeit im Gepäckraum des Flugzeugs, was eindeutig zu weit weg war.

Früher hat Karl Trompete gespielt. Vor zwei Jahren hat er es aufgegeben. Gott sei dank. Dieses Instrument ist ein Folterinstrument für alle Mitbewohner des Spielers. Auch er hat seine Trompete immer mit den Urlaub genommen. Bis sich die Zimmernachbarn beschwert haben.

Plötzlich tippt mich Karl an. Verwundert öffne ich die Augen und sehe zur Seite. Ach, ist die Architektur Chinas jetzt nicht mehr interessant? Jedenfalls hat er sein Buch zur Seite gelegt. Er symbolisiert mir, die Kopfhörer abzusetzen. Na das könnte ihm so passen. Ich ziehe meine Kaputze tiefer in mein Gesicht und drehe die Lautstärke auf Anschlag. Karl fährt sich frustriert durch die Haare und zieht sein Handy aus der Hosentasche.

Ich ignoriere ihn und schließe wieder die Augen. Noch eine Stunde, Rede ich mir Mut zu, dann hast du es geschafft.
Ein Vibrieren in meiner Pullitasche lenkt mich ab. Genervt ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und werfe einen Blick darauf. Eine neue Nachricht stand da. Ich entsperre den Bildschirm und tippe Whatsapp an. Die Nachricht stammt von meinem Lieblingsbruder, welcher als Idiot in meinem Adressbuch eingespeichert ist.

Setz mal die Kopfhörer ab, ich will mit dir reden!, schreibt er. Ich verdrehe die Augen und tippe zurück.

Ich will mich aber nicht mir dir unterhalten. Meine Musik und ich sind gerade untrennbar.

Ich sende die Nachricht und lehne mich wieder zurück. Wieder brummt mein Handy. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, es einfach auszuschalten, aber ich war schon immer ein sehr neugieriger Mensch. Also checkte ich die Nachricht.

Mensch, Mia. Kannst du nicht einmal normal sein?
Egal. Ich habe hier die Studiengänge der TU Dresden. Willst du sie dir nicht mal ansehen und dir was raussuchen? Da gibt es bestimmt etwas, was dich interessiert.

Okaay... Jetzt wird es gruselig. Mein Bruder interessiert sich für meine Zukunft?

Ich tippe eine Antwort.
Als ob ich in Dresden studieren würde. Falls ich studiere, dann bestimmt nicht in Sachsen.
Und seit wann interessierst du dich für mich?

Betont gelangweilt tippe ich auf Senden. Um seine Reaktion nicht sehen zu müssen, starre ich auf meine Schuhspitzen. Wieder vibriert mein Handy.

Ich bin dein Bruder. Natürlich interessiere ich mich für dich.

Sehr witzig. Plötzlich kommt mit ein Gedanke.

Kann es sein, dass Mama dich um dieses Gespräch gebeten hat? Natürlich hat sie das. Allein würdest du dich nie auf so was kommen.

Wieder verschicke ich die Nachricht. Gerade ist das Lied zu Ende und ich bekomme ein wenig vom meiner Umwelt mit. Mein Vater ist mittlerweile eingeschlafen und meine Mutter spielt auf ihrem Handy. Annie löst neben mir ein Sudoku.

Aber mein Handy bleibt verdächtig ruhig. Ein Blick auf den Chatverlauf zeigt mir, dass Karl sehr wohl meine Nachricht gelesen hat, aber nicht daran denkt, zu antworten. Er hat sich wieder in sein China-Buch vertieft.

Hab also recht. Pass auf, dass du auch ja kein Wort aus deiner chinesischen Architektur vergisst.

Ich sende ihm diese Nachricht. Leise höre ich sein Smartphone brummen, aber er tut so, als bekäme er es nicht mit. Grinsend starte ich das nächste Lied auf meinem Handy und drehe die Lautstärke wieder voll auf.

Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn Annie rüttelt an meinem Arm. „Mia, wir sind da. Komm, aufstehen." Verwirrt schlage ich die Augen auf und sehe in die missmutigen Augen meiner Mutter. Ich nehme die Kopfhörer ab und sehe sie an.

„Wie kannst du bei dieser lauten Musik nur schlafen? Ich konnte sämtliche Lieder mithören und konnte kein Auge zumachen!" beschwert sie sich. Ich verdrehe nur die Augen uns erwidere: „Tja, ich bin halt was besonderes."

Meine Schwester holt Luft und möchte vermutlich etwas sagen, doch ich springe aus meinen Sitz und wühle über meinen Kopf im Handgepäck. Trotzdem bemerke ich den Blick, welchen Karl und Mama wechseln. Also war das Gespräch über mein Studium abgesprochen.

Natürlich habe ich mir schon mal Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich habe auch einen Traumjob. Ich würde gern als DJane in angesagten Klubs arbeiten. Früher habe ich hin und wieder auf Hauspartys aufgelegt. Das kam immer sehr gut an. Doch seit einem Jahr mach ich das nicht mehr. Mein Vater hat mir meinen Laptop weggenommen, nachdem er (von meinem Bruder) von meiner DJane Laufbahn erfuhr. Auf dem Laptop war meine gesamte Musik gespeichert, weshalb ich danach nicht mehr auflegen konnte.

„Eine schöne Zeit in Venedig und vielen Dank für ihren Flug" wünscht mir die Stewardess am Ausgang. Sie reicht mir ein kleines Schokobonbon, welches ich nicht entgegennehme.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich weiß, dass die Stewardess nichts für meine Familie kann. Ich kann es aber überhaupt nicht leiden, wenn mich irgendjemand berührt. Bei meiner Familie, ok, da lässt es sich nicht immer vermeiden, aber von Fremden? Niemals.

Geblendet verkneife ich die Augen, als ich das Flugzeug verließ. Ach, die Sonne. Wie habe ich die vermisst. Ich bleibe kurz in dem Übergang von Flugzeug zum Flughafen stehen. Ich fühle förmlich, wie die Sonnenstrahlen meine Haut durchdringen. Mir wird in dem schwarzen Pullover schlagartig warm.
Normalerweise wird mir sehr langsam warm. Eigentlich fror ich immer. Nur in Italien. Da schafft die Wärme auch mich zum schwitzen zu bekommen.

„Mia. Komm endlich. Wir wollen endlich ins Hotel." ruft meine Mutter mich. Und damit war der wunderbare Moment vorbei. Ach, wie ich meine Familie gerade liebe.

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