10| Vanessa, die sich langsam zur neuen besten Freundin entwickelt

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Lachend zog mich Vanessa die Treppe hinunter. „So eine kleine Bitch. Wie heißt deine Schwester eigentlich?" fragt sie mich und setzt sich an einen der runden Tische. „Annabelle Marie, kurz Annie." Wieder musste Vanessa auflachen. „Annabelle? Wie die Puppe? Ist das dämlich!" Jetzt muss auch ich lachen. Früher habe ich Annabelle immer wegen ihrem Namen aufgezogen, gerade weil es nun einmal die Babypuppe gab, die genauso hieß. Und weil sie dann immer heulend zu Karl gerannt ist, hat er ihr den Spitznamen Annie verpasst.

Ein Kellner kommt an unseren Tisch und fragt uns auf Englisch: „Haben sie sich schon etwas ausgesucht?" Verwirrt sehe ich ihn an. Tatsächlich war mir der Grund für unseren Besuch hier entfallen. Doch Vanessa ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie bestellte zwei Cola light und eine Pizza Hawaii, welche wir uns teilen würden. Der Kellner notierte unsere Bestellung und verschwand wieder. „Ist doch ok so?" fragt sie mich. Lächelnd antworte ich ihr: „Ich wollte dich gerade fragen, ob wir uns nicht eine Pizza Hawaii teilen wollen." Vanessa grinste vor sich hin und murmelte dann: „Als würden wir uns schon ein ganzes Leben kennen." Ich nicke. Ich glaube, Vanessa und ich haben uns wirklich gefunden, auch wenn ich solche Sachen kindisch finde. Ich glaube nicht an diesen Für immer oder Liebe oder erst recht auf den ersten Blick -Scheiß. Mal im ernst: wie kann man eine Person mehr lieben als sich selbst? Der Selbsterhaltungstrieb steckt in uns drin, weshalb wir immer zuerst an uns denken. Und warum sollte ich da eine andere Person lieben, wenn es mich gefährden könnte? Mit dieser Einstellung gehe ich jeden Tag aus dem Haus. Eine Beziehung habe ich bis jetzt noch nicht geführt, meine Erlebnisse in Sachen Sexualität waren mehr One-night-stands. Auf jeden Fall ohne ein Nachher. Damit bin ich, wie ich finde, bis jetzt ganz gut gefahren.

Unsere Getränke wurden gebracht. Vanessas „Danke" brachte mich zurück in das Hier und Jetzt. Sie lächelte mich an und fragt dann: „Wieder zurück auf Planet Erde? Willkommen, Charly." Grinsend nicke ich und nehme einen Schluck von meiner Coke. „Erzähl mir was von dir" fordere ich sie auf. Vanessa sieht mich zuerst ein wenig überrascht an. Dann fängt sie sich aber und fängt an zu erzählen. „Also, ich heiße Vanessa Lietze, wurde am siebten Januar in Berlin-Spandau geboren. Ich bin zuerst in eine Grundschule gegangen, danach auf die Realschule hab dann nach der 10. Klasse meinen Abschluss gemacht. Ich habe letztes Jahr eine Lehre in einer Bank begonnen, hab aber dann hingeschmissen, weil mir mein Chef die bunten Haare verboten hat. Daraufhin hat mein Vater meine Erziehung völlig aufgegeben, hat mit aber immerhin diesen Urlaub zum Geburtstag geschenkt. Im Herbst werde ich wahrscheinlich eine Lehre als Kellnerin beginnen. Ich möchte mindestens einmal in meinem Leben zu einem Ärzte Konzert und zur Vierschanzentournee, außerdem möchte ich einmal mit der Moskauer Metro fahren. Danach bin ich wahrscheinlich glücklich. Ich habe seit sechs Jahren keine Mutter mehr, die ist mit ihrem Spanisch-Lehrer durchgebrannt. Meine ältere Schwester ist jetzt 22, sie studiert Jura in Hamburg und will nächstes Jahr heiraten. Tja, was noch... Ich liebe Pommes, Schlagsahne, laute Musik und Technik, ich hasse Hunde, kleine klebrige Kinder, Schlager und shoppen. Mein Lieblingssong ist Fiasko von den Ärzten, aber das ändert sich fast täglich. Ich war mal drei Tage Vegetarierin, zwei Wochen Veganerin und hab noch keinen Tropfen Alkohol getrunken." Sie beißt einmal von der Pizza ab, welche in der Zwischenzeit gekommen war. „Und jetzt du" sagt sie und sieht mich fragend an. Auch ich hole Luft und beginne von mir zu erzählen. „Ich heiße Mia Charlotte Becker, bin gestern achtzehn Jahre alt geworden. Geboren wurde ich in Torgau, das ist eine Stadt an der Elbe in der Nähe von Dresden. Ich habe eine reizende Schwester, welche 12 Jahre alt ist und Annie heißt und einen tollen Bruder Karl, der 20 Jahre alt ist und in Dresden Architektur studiert. Meine Eltern besitzen eine ach so tolle Villa in Torgau, in der ich wohne. Ich besitze eine Gitarre, eine E-Gitarre und ein schwarz gestrichenes Zimmer. Einmal im Leben möchte ich nach New York und nach Peking. Ich hasse manchmal mein Leben, vor allem aber, wenn man mich anfässt. Da flipp ich manchmal aus. Ich liebe Pommes und Schnitzel, ich hasse Bratwurst und Pilze. Mein Traumjob ist DJane im Ausland. Meine Eltern wollen, dass ich studiere, am besten Medizin in Dresden. Aber ich glaube, eher sterbe ich oder werde Schlagersängerin als das. Und wenn du jetzt nicht gleich aufhörst unsere Pizza zu essen, raste ich aus. Ich hab Hunger." Vanessa hat die ganze Zeit von unserer Pizza gegessen, sodass ich jetzt nur noch drei Stückchen übrig habe. „Sorry" Sie grinst mich verlegen an. „Ich hab mir bloß noch nie eine Pizza mit jemanden geteilt." Betreten sieht sie auf den Tisch. „Ich hatte noch nie so wirklich Freunde." nuschelt Vanessa und fummelt unruhig an ihrer Serviette herum. „Ich auch nicht. Bekannte ja, aber Freunde? Nicht wirklich." sage ich und es ist die Wahrheit. Bei uns auf der Schule in Torgau haben sie lieber aus der Ferne über mich gelästert. Das Mädchen, dass im Geld schwimmt und einen Schaden hat. Die mit dem Bruder, der mal Schulsprecher war und der Schwester, die bald alle Instrumente eines Orchesters spielen kann.

Eine Weile schweigen wir uns an. Hin und wieder beiße ich von meiner Pizza ab. Dann sind wir fertig und ich frage Vanessa: „Was hat dich zum Anderssein animiert?" Sie lächelt und antwortet dann: „Ein Plakat. Darauf stand, dass man lieber sterben soll, als nie gelebt zu haben. Es hat sind ganze Weile gedauert, bis ich das verstanden habe. Danach habe ich mir meine Haare gefärbt und bin bei meinen Eltern ausgezogen. Mit vierzehn Jahren. Gut, ich bin bloß zu meiner Schwester drei Straßen weiter gezogen, aber immerhin. Und dich?" Da muss ich nicht lange überlegen. „Der Kauf meiner ersten Ärzte CD. Damals habe ich sie nur gekauft, um meine Eltern zu ärgern, aber die Musik war unerwartet gut. Naja, und dann wurden es eben immer mehr, T-shirts kamen hinzu, und jetzt..." Vanessa lacht und zeigt auf meine Haare. „Blau ist cool. Das wird auf jeden Fall meine nächste Farbe." Ich nicke. Blau war auf jeden Fall die beste Farbe, die ich bis jetzt hatte.

Der Kellner fragt uns, auf welches Zimmer er die Rechnung stellen darf. Ich gebe mein Zimmer an (Nummer 223). Vanessa steht auf und ich sag zu ihr: „Hey, komm doch mit auf mein Zimmer, ich hab meine Gitarre mit. Mal sehen, wie gut du dich bei den Ärztesongs so auskennst." Sie grinst und nickt. Zusammen verlassen wir den Raum (mindestens zehn Augenpaare im Rücken). Vor dem Fahrstuhl erzählt sie mir noch schnell, wie lange sie noch in Jesolo bleibt. Eine Woche. Dann muss auch sie wieder heim, denn dann ist der bezahlte Geschenk-Urlaub zu Ende. Außer, sie finanziert es sich aus eigener Tasche selbst. Aber mit welchen Geld?

Warum mussten die einzigen Personen, die ich mal wirklich sympathisch fand, fast sofort wieder abreisen? Was hatte das Universum nur gegen mich?

RebellGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt