1| Wie meine Mutter zur Hexe wurde

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„Mia, komm aus dem Knick! Wie lange sollen wir denn noch auf dich warten?" nörgelte meine Mutter vor dem Haus. Genervt verdrehe ich die Augen.

Ein letztes Mal werfe ich einen Blick durch mein Zimmer. Alles ist so, wie es sein soll. Vor 7 Monaten habe ich zum Entsetzen meiner Eltern das Zimmer komplett schwarz gestrichen. Sie waren auf einem Eltern-Urlaub auf den Malediven. Das war meine Chance. Kurzentschlossen bin ich mit dem Auto meiner Eltern (was ich noch gar nicht allein fahren darf) zum nächsten Baumarkt gefahren und habe mir schwarze Wandfarbe gekauft. Mit dieser habe ich dann am nächsten Tag mein Zimmer gestrichen. Allein das Gesicht meiner Mutter war die ganze Aktion wert gewesen.

Ein wenig wehmütig schließe ich die Tür hinter mir. Ein komisches Gefühl im Bauch sagt mir, dass ich mein Zimmer vielleicht nie wieder sehe.

Im nachhinein weiß ich, dass ich mein Zimmer tatsächlich nicht wieder gesehen habe. Zumindest nicht mit der schwarzen Farbe an der Wand.

Mit meinem kleinen Koffer in der Hand laufe ich die Treppe hinunter. An der Schwelle wartet schon Karl ungeduldig auf mich.

Karl ist ein Idiot. Er findet unsere Eltern extrem altmodisch, traut sich aber nicht, sich gegen sie zu stellen, weil er dann nicht mehr das Studium bezahlen kann. Deshalb trägt mein Bruder immer die Paul&Shark Hemden, welche ihm mein Vater schenkt, schreibt gute Noten in seinen Prüfungen und lebt in seiner langweiligen zwei-Zimmer-Wohnung irgendwo in Dresden und fährt den VW Golf, welchen mein Vater ihm zu seinem Geburtstag dieses Jahr geschenkt hat. Joe, sein Freund, meinte, dass noch nie so ein Langweiler Student geworden ist. Und da gab ich ihm recht. Mein Bruder war langweilig.

„Hat Madam es endlich auch geschafft?" fragt er mich und sieht mit verzogenen Mund auf meine Haare. Gestern habe ich die blaue Farbe nachgefärbt, weshalb sie jetzt wirklich blau wie die Schlümpfe sind.

„Kann der versnobte Idiot einfach die Fresse halten?" gab ich leicht genervt zurück. „Mia Charlotte Becker! Solche Ausdrücke haben in meinem Haus nichts verloren!" Tja, damit habt ihr jetzt Bekanntschaft mit meiner Mutter geschlossen.

Wie immer trägt sie einen Rock, welcher makellos glatt bis über die Knie reichte. Dazu trägt sie eine weiße Bluse. Auch wie immer. Wahrscheinlich war meine Mutter mal eine sehr schöne Frau. Früher trug sie ihre dichten dunkelbraunen Haare, welche Annie geerbt hatte, immer zu einem dicken, glänzenden Knoten im Nacken. Doch wir, so sagt sie immer, haben sie alt gemacht. Nun trug sie ihre Haare nur noch als Kurzhaarfrisur und überfärbte die grauen Haare.

Neben ihr steht Annie und sieht mich ebenfalls tadelnd an. Die kleine ist die Vorzeigetochter der Familie. Immer adrett angezogen, immer brav und immer zurückhaltend. Nie äußert Annabelle Marie Becker auch nur einen unpassenden Ton. Natürlich trägt sie auch einen schlichten Rock und eine hübsche Bluse. Wie einst meine Mutter bindet sie sich ihr Haar ebenfalls zu einem Knoten in den Nacken. Und auch sie weiß genau, wann ich wieder Grenzen der Familienordnung überschreite.

Mein Vater reißt mir den Koffer aus der Hand und mustert mich. „Wieso trägst du einen schwarzen Kaputzenpullover? Draußen sind über 27°C!" fragt er mich. An seiner Stimmlage erkenne ich, dass er sehr angespannt war.

Eigentlich möchte ich meinen Vater nicht noch mehr provuzieren, doch ich konnte einfach nicht wiederstehen. Demonstrativ zog ich mir die Kaputze des Pullovers über den Kopf uns stöpsel meine Kopfhörer in die Ohren. Musik lasse ich aber vorerst aus.

Mit dieser Methode habe ich schon mehr Gespräche meiner Familie über mich mitgehört. Mein Vater lebt immer noch in dem seligen Glauben, dass mich die Kopfhörer nichts mehr von meiner Umwelt hören lassen. Das stimmt auch, aber erst, wenn ich die Musik anschalte. Vorher höre ich jedes Wort.

So getarnt steige ich in das Taxi, welches uns zum Flughafen nach Dresden fährt. Leise höre ich meinen Bruder mit Annie reden, doch das interessiert mich nicht weiter. Wirklich interessant ist das Gespräch meiner Eltern auf der Rückbank.

„Was haben wir bei ihr nur falsch gemacht? Karl und Annabelle sind doch auch ganz normal, warum sie nicht?" fragt gerade meine Mutter. Zum besseren Verständnis: sie ist die einzige in der Familie, die Annie noch Annabelle nennt. Sie möchte wohl den schönen Namen erhalten. Völliger Schwachsinn, wenn ihr mich fragt.

„Das Mädel ist völlig verzogen. Das liegt einzig daran, dass wir sie nach dem übersprungenen Jahr nicht in ein Internat gegeben haben. Das bereue ich so sehr." erwidert mein Vater.

„Aber was können wir nur tun? Sie ist 18, kann also eigentlich über ihr Leben entscheiden..."

„Papalerpap! Sie ist immer noch meine Tochter und ich trage immer noch die Verantwortung. Also entscheide ich, was für sie richtig und gut ist." unterbricht mein Vater meine Mutter. Das wird ja immer lustiger hier. Mein Vater trägt die Verantwortung über mein Leben? Das hätte er wohl gern.

„Da hast du schon recht..." Was? Hab ich das jetzt richtig verstanden? Meine Mutter gab ihm recht? Diese Hexe. Damit war sie komplett aus meinem Vertrautenkreis ausgeschlossen. Oh, hey, da trifft sie ja ihre Kinder und ihren Mann wieder!

„... Psychiater. Vielleicht kann er ihr helfen." Moment. Erwägt mein Vater ernsthaft gerade, mich zum Psychiater zu schicken? Mich? Die einzigen, die in dieser Familie eindeutig in die Klapse gehören, sind ja wohl meine Eltern.

Meine Mutter nickt. Sie scheint einverstanden. So eine hinterhältige Kuh.

Jetzt will ich auch gar nicht mehr zuhören. Umständlich fummel ich mein Handy aus der Hosentasche und entsperre den Bildschirm.

Mit gekonnten Bewegungen scrolle ich durch meine Playlists, auf der Suche nach dem Song, welchen ich jetzt so dringend brauche.

Als ich ihn entdeckte, tippte ich auf den kleinen Pfeil nach rechts und drehte die Lautstärke voll auf. Meine Schwester dreht sich zu mir. ‚Mia!' formen ihre Lippen. Ich schließe bloß die Augen und lehne mich in meinen Sitz zurück.

Verraten von den eigenen Eltern. Das ist schon starkes Stück. Es wird Zeit, dass ich mich von ihnen löse.

Blitzschnell huschte die sächsische Landschaft an mir vorbei. Gott, ich mach drei Kreuze, wenn ich endlich von hier fort bin. Dresden. Wie ich diese Stadt hasse.

Und in diesem Taxi beschloss ich, nie wieder hierher zurückzukehren. Ich will das hier einfach nicht mehr sehen.

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