4| Wie ich zu zwei Kugeln Eis und einer neuen Bekanntschaft kam

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Ein bunter Laden reiht sich an den nächsten und überall sind Menschen. Hier ein Laden mit Strandspielzeug, dort einer mit Schmuck, hier ein Eisladen, dort ein Bikiniverkäufer. Den steuer ich als erstes an. Ich trage generell nicht gern Bikinis, weil ich finde, dass das Unterwäsche und keine Bekleidung ist. Mal ehrlich: wer geht schon freiwillig in BH und Slip in die Öffentlichkeit? Außer Prostituierte natürlich. Also ich nicht!

Deshalb kaufe ich mir einen schlichten Schwarzen mit Boxershorts ähnlicher Hose. Als Oberteil werde ich einfach ein schwarzes T-shirt nehmen. Der freundliche Verkäufer reicht mir die Tüte mit dem Badeklamotten über den Tresen und lächelt mir verschwörerisch zu.

Irritiert nehme ich die Tüte. Dann verlasse ich ohne einen weiteren Blick das Geschäft. Ein sanftes Grummel kündigt meinen Hunger an. Dass das früher oder später so kommen würde, war mir klar. Es bildete sich mir nur die entscheidende Frage: Pizza oder Eis? Zu

Ich lief noch ein paar Minuten die Straße in eine Richtung ab. Als ich dann an einem besonders schön dekorierten Eissalon vorbeilief, entschied ich mich für Eis. Auf dem Absatz umkehrend laufe ich zurück und stelle mich in die Schlange der Kunden.

Doch jeder, der schon mal in Italien Eis gegessen hat, kennt das Problem: Welche Sorte? Frucht? Noch 8 Sorten übrig. Schoko? Noch 5 Sorten übrig. Nuss? Noch 4 Sorten zum auswählen. Oder doch die knallbunten Zuckermischungen? Dann entscheide dich zwischen den 6 Sorten, Madam!

Fast am verzweifeln sehe ich, wie die Schlange immer kürzer wird und ich bald an der Reihe bin. Was soll ich nur nehmen? Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. „Hey, sprichst du Deutsch?" fragte mich ein Junge hinter mir. Erschrocken über die Berührung drehe ich mich um sehe ihn an. Er war wahrscheinlich ein wenig jünger als ich, aber nicht viel. Dafür war er ein ganzes Stück größer. Seine dunklen Haare waren zu einer passablen Frisur geschnitten, er trug eine Sonnenbrille. Und das um neun Uhr abends. Fragend sieht er mich an. Erst jetzt fällt mir seine Frage wieder ein.

„Ja, sorry, ja, ich spreche Deutsch" antworte ich ihm, eine wegwerfende Handbewegung machend. Der Typ grinste und sprach weiter. „Es hätte mich auch stark gewundert, wenn eine Niederländerin oder Italienerin Ärzte hört." Er deutet auf meinen T-shirt Aufdruck. Unrockbar stand verschnörkelt auf der Brust und Ärzte auf dem Rücken.

„Next please!" ruft die Eisverkäuferin hinter der Theke. Verdattert schiebt mich der Junge weiter, bis ich vor der Glasscheibe mit dem Eis stand. Wieder zucke ich unbewusst von seiner Berührung zusammen. Vollkommen überfordert stehe ich da. „Ähm, ähm, keine Ahnung,..." stammel ich.

„One ball Smurfs and one strawberry, please. In a cup, please" sagt der Typ hinter mir. Genervt drehe ich mich um. „Ist für dich." erklärt er mir. Die Frau presst mein Eis in einen Becher und reichte ihn dem Jungen. Dieser bestellt seine Mischung (weiße Schokolade und Karamell; kein bisschen schwul, ich weiß) und drückt mir den Becher mit dem blauen und roten Eis in die Hand.

Dann reicht er einen Geldschein über den Tresen und bezahlt das Eis. „Nein, nein, du musst mein Eis nicht bezahlen..." sage ich und suche nach meinem Geld. Doch der Typ winkt ab. „Ich lad dich ein. Dafür musst du mir dann deinen Namen verraten." sagt er und zwinkert mir zu. Okay, der Typ war nicht jünger als ich. Mit dem Selbstvertrauen? Niemals.

Wir laufen mit unserem Eis zu einer Bank und setzten uns. Eine Weile ist es still, da jeder mit der klebrig-süßen Masse, die auch noch zerläuft, beschäftigt ist.

Nach einer Weile beginne ich das Gespräch. „Danke nochmal für das Eis. Warum aber Schlümpfe und Erdbeer?" frage ich ihn. Er lacht nur und deutet auf meine Haare.

„Na blau wegen deinen Haaren und rosa... Das war das erste, was mir ins Auge fiel und zu Schlümpfe passte." Ich lache. Er schien ziemlich sympathisch. Wieder war es eine Weile ruhig, bis diesmal er die Stille unterbrach. „Wie heißt du?" fragte er mich.

Ich überlegte. Sollte ich meinen waren Namen angeben? Auf meinen Namen war ich nicht besonders stolz, er war mir zu normal. Und er klingt total nach meinen Eltern. Gut, sie hatten ihn mir auch gegeben. Danke Mummy und Daddy! Ich hab euch ja sooo lieb.

„Mia Charlotte. Und du?" sage ich schließlich. Der Typ nimmt die Sonnenbrille ab und steckt sie sich an den Kragen seines T-shirts. Und falls ihr jetzt glaubt, dass ich seine unglaublich blauen, grünen oder schwarzen Augen beschreibe, so habt ihr euch geirrt. Sehr wohl schaue ich nach seiner Augenfarbe, doch die ist nicht so wie in jeder x-beliebigen Schnulze. Seine Augen sind blau-grau. Wie Annies. Nicht blau wie das Meer oder wahnsinnig grau. Nein, sie sind einfach durchschnittlich.

„Mia Charlotte also. So siehst du gar nicht aus. Und so werde ich dich ganz bestimmt nicht nennen. Hast du keinen Spitznamen oder so?" fragt mich der Typ. Der hat vielleicht Probleme. Er sollte froh sein, dass ich ihn meinen Namen gesagt habe!

Aber das Wort ‚Spitznamen' brachte mich zum grübeln. Ich hatte wirklich noch nie in meinem Leben einen Spitznamen. Meine Mitschüler haben mich immer Mia genannt. Mia ist ja auch nicht so der lange Name. Meine Eltern nennen mich auch immer Mia, obwohl mir Charlotte eigentlich lieber ist. Deshalb schüttel ich den Kopf. „Nee, ich war schon immer nur Mia." sage ich ihm.

Er kratzt sich am Kinn und überlegt. Wieder war es einen ganze Zeit still. Bis er plötzlich sagt: „Ich werde dich Charly nennen. Das passt besser." Ich lächel und nicke. Charly gefällt mir. Es klang überhaupt nicht nach meiner Familie und passte schon deshalb sehr gut zu mir.

„Und wie heißt du?" frage ich ihn nochmal. Er lächelt und antwortet: „Patrick. Aber ich hasse den Namen. Deshalb nennen mich meine Freunde Pat." Pat also. Der Name passt sehr gut zu ihm. Mittlerweile waren unsere Eis leergegessen und wir saßen unbeschäftigt da.

„Wollen wir noch ein wenig die Straße hinab laufen?" fragt mich Pat. Erleichtert nicke ich. Ich dachte schon, er würde mich hier einfach sitzen lassen. Pat war mir sympathisch und ich würde ihn gern näher kennenlernen.

Er steht auf und nimmt mir den Eisbecher ab. Den wirft er mit seinem im einen Mistkübel. Auch ich erhebe mich und greife nach meiner Tüte.

„Dann mir nach." sagt er und zusammen laufen wir die Straße ab, Richtung Strand.

Hey, die erste Bemerkung der Autorin! Ich heiße Philline (nicht mein richtiger Name) und lebe in Sachsen (für alle Ausländer und Geographie-Nullen: im Osten der BRD, grenzt an Tschechischen, Polen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern und Thüringen, Hauptstadt: Dresden). Würde mich sehr über Feedback und Votes freuen!

RebellWo Geschichten leben. Entdecke jetzt