~Kapitel 2~

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Man könnte sagen, dass gestern eine Art Notstand ausgelöst wurde. Deshalb sitze ich jetzt auch ganz entspannt auf der Couch, statt in der Schule zu sein und fleißig zu lernen - mal davon abgesehen, dass ich nicht wirklich lernen würde.
Neben mir sitzt meine Freundin Malia, sie gehört ebenfalls zu unserem Rudel. Ihre blonden Haare fallen über die Kissen und ich habe ihren blumigen Duft in der Nase. Gemeinsam schauen wir 'How I Met Your Mother'. Was sollten wir auch sonst machen? Mein Vater hat uns allen verboten das Haus zu verlassen, bis auf die jenigen, die draußen Wache schieben.
Niemand weiß so genau, wer das neue Rudel ist. Daher hat mein Vater alle zum Rudelhaus -also meinem Zuhause- gerufen, um zu entscheiden, wie es weiter geht.
Überall lungern jetzt Werwölfe herum, unterhalten sich oder sitzen einfach nur da und langweilen sich. So brechend voll war es hier noch nie.
"Ist dir auch so langweilig wie mir?", Malia beugt sich zu mir rüber und ihre grünen Augen blicken mich an. Sie ist wirklich ziemlich hübsch mit ihrer hellen Haut und den hohen Wangenknochen. Ihre schmalen Lippen umspielt ein Lächeln.
"Ohhhh jaaa!" Ich muss lachen.
"Das kann doch noch ewig dauern, bis die sich geeinigt haben!" Mit 'die' sind mein Vater, sein Beta und einige andere gemeint, die gerade entscheiden ob wir ruhig bleiben, uns auf einen Kampf vorbereiten oder ob mein Vater dem anderen Rudel einen Besuch abstattet soll.
"Ja, du hast recht", ich schaue sie kurz nachdenklich an, bevor ich verschwörerisch grinse.
"Was hast du vor?" Meine Freundin sieht mich an. In ihren Augen spiegelt sich Unsicherheit, sie war noch nie der Typ, die Regeln zu brechen.
"Ach weißt du, ich glaube es würde nicht auffallen, wenn ich kurz verschwinden würde." Sie würde mich nicht begleiten, dass weiß ich aus Erfahrung, aber helfen könnte sie mir.
"Meinst du, dass ist eine gute Idee?" "Bitte...du musst doch nur dafür sorgen, dass es niemand bemerkt." Sie seufzt ergeben, sieht mich jedoch noch nicht überzeugt an. Sie kennt mich, seit wir Kinder waren, sind wir die besten Freundinnen. Deshalb ist ihr bewusst, dass ich durchdrehe, wenn ich nicht hier rauskomme. Ich liebe es einfach durch den Wald zu rennen, die Freiheit und den Wind zu genießen, aber vorallem ein Wolf zu sein.
Schließlich nickt Malia ergeben. "Na hau schon ab. Aber sei vorsichtig!"
Schnell nicke ich und stehe hastig auf. Es ist kurz nach Mittag, bedeutet das momentan eigentlich niemand in der Küche ist.
In der Küche angekommen, gehe ich sofort auf die helle Holztür zu. Sie führt direkt in den Garten. Ich weiß nicht, wieso diese Tür ausgerechnet hier ist, aber sie ist so gut wie immer mein Tor in die Freiheit und wer auch immer auf die Idee gekommen ist, ich liebe ihn!
Der Garten hinter dem Haus besteht aus einer riesigen Wiese, die direkt an einen Wald grenzt. Äußerst praktisch. Sorgfältig darauf achtend, dass mich niemand bemerkt -mein Vater lässt das Haus ja bewachen- schleiche ich über die Wiese. Da sich alle darauf konzentrieren, ob jemand fremdes in der Nähe ist, dürften sie mich, wenn ich Glück habe, nicht bemerken.
Gleich nach dem ich den Wald betreten habe, verwandle ich mich. In mir brechen einige Knochen, doch da ich das seit meiner Kindheit gewöhnt bin und wegen meiner Selbstheilung bemerke ich es kaum. Langsam beginnt sich mein Körper zu verformen, meine Kleidung zerreißt und noch im selben Moment bedeckt ein dichtes dunkelbraunes Fell meinen Körper. Ich kippe nach vorn, sodass ich auf allen vier Pfoten stehe und schüttle nocheinmal den Kopf, während ich fühle wie meine Ohren länger und spitzer werden.
Aufmerksam lausche ich, konzentriere mich auf jedes klitzekleine Geräusche. Mit einem zufriedenen Schnaufen stelle ich fest, dass mich niemand bemerkt hat. Sehr gut.
Sofort beginne ich zu rennen, immer schneller und immer tiefer in den Wald hinein. Ich liebe es ein Wolf zu sein. Dieses Gefühl ist berauschend. Man fühlt sich frei, mächtig, stark und unabhängig. Genau das machte das alles so fantastisch.
Bei meiner Geschwindigkeit dauert es nicht lang bis ich an meiner kleinen Lichtung ankomme. Sie ist nichts wirklich besonderes, eher nur ein kleiner kahler Fleck mitten im Wald. Der Boden ist gras- und moosbewachsen und überall blühen kleine, weiße Blümchen.
Hier komme ich ziemlich oft her, daher auch 'meine' Lichtung. Man ist hier einfach ungestört und von allen Sorgen und Problemen abgeschottet.
Langsam gehe ich mehr in die Mitte der kleinen Wiese. Dank der Sonne ist es hier schön hell und warm, doch wenn man zu den eng umstehenden Bäumen des Waldes schaut, läuft einen ein kalter Schauer den Rücken runter. Denn im Vergleich zu der Lichtung wirkt der dunkle Wald ziemlich gruselig.
Plötzlich höre ich hinter mir ein knacken. Aufmerksam und etwas erschrocken drehe ich mich um. Wachsam sehe ich mich um, bis mein Blick über ein paar hell glühender Augen streift. Nur durch meinen besonders geschärften Blick bemerke ich die Bewegung im dunklen Unterholz. Eindeutig ein anderer Werwolf, nur keiner von uns. Die würden nähmlich nicht so herumschleichen.
Leise knurrend lege ich die Ohren an und begebe mich in eine kampfbereite Haltung. Die linke Pfote setze ich weiter vor und den Oberkörper ducke ich nach unten, während ich bedrohlich die Zähne flätsche.
Die Blätter der Sträucher und Gebüsche rascheln leise, als der andere langsam und ebenfalls gefährlich knurrend aus seinem Versteck kommt.
Mein Magen zieht sich vor Angst zusammen und mein Herz setzt kurz ein paar Takte aus. Ich habe noch nie mit jemandem gekämpft, zumindest nicht auf Leben und Tod. Zwar bin ich recht gut darin mich zu verteidigen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das auch jetzt hinbekommen würde.
Wachsam betrachte ich den großen Wolf vor mir und es ist als würde mein Herz nun ganz stehen bleiben.

Alpha's MateWo Geschichten leben. Entdecke jetzt