|| Anatol ||
Er verfluchte sich dafür, dass er sich Cadel getrennt hatte. Der Plan war gewesen, sich aufzuteilen und an einem Punkt wieder zusammenzufinden. Doch dieser Plan stellte sich schwieriger heraus, als Anatol gedacht hatte.
Seit drei geschlagenen Stunden stand in einer Sackgasse, und wusste nicht weiter. Die goldene Garde lauerte hinter jeder Ecke und kontrollierte jede Person, die an ihnen vorbei ging. Anatol fluchte leise über den Wahn seines Erzeugers. Kein normaler Mensch würde eine ganze Armee mit in eine kleine Handelsstadt schleppen.
Wie sollte er die kleine Sklavin aus den Fängen seines fanatischen Erzeugers bekommen, wenn er bei dem ersten Schritt gefangen wurde? Er musste sie finden und mit ihr fliehen, sonst würden sie alle sterben. Anatol hatte von einem Gardisten aufgeschnappt, dass der Langfinger spurlos verschwunden war.
Der Langfinger war in Anatols Augen ein verdammter Egoist, weil er sie einfach im Stich gelassen hatte. Nicht nur die kleine Weißhaarige, sondern auch Cadel und ihn. Doch weder Fluchen, noch all seine Verwünschungen konnten das Geschehene rückgängig machen.
Verärgert legte er seinen Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hinauf. Ein schmaler Streifen von hell leuchtenden Sternen war am dunkelblauen Nachthimmel zu sehen. Die Nacht konnte er zu seinem Vorteil nutzen, doch ein Plan musste her. Vorsichtig schielte Anatol um die Ecke. Er musste auskundschaften, wo sich die Gardisten der goldenen Garde befanden. Doch es waren zu viele. Er schaffte es niemals, unbemerkt an ihnen vorbei zu schleichen – nicht einmal in dunkelster Nacht.
„Psst!"
Erschrocken wirbelte Anatol herum, als er das Zischen hinter sich vernahm. Die Dunkelheit in der Gasse verschluckte alles, und somit konnte nichts ausmachen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen drehte er sich um und knobelte weiter an seinem Plan. „Psssst! Anatol!" Abermals vernahm er dieses zischende Geräusch, doch diesmal erkannte er, wer da war. Sein Bruder Danjaan befand sich bei ihm in der Gasse.
Dan hatte langes lockiges Haar, das er von seiner Mutter geerbt hatte. Seit einigen Jahren trug er einen schmalen kurzen Bart von der Unterlippe bis zum Kinn. Danjaan und Anatol hatten vieles gemeinsam: die kantigen Geschichtszüge, die roten Augen, die schiefe Nase und das spitzbübische Grinsen. Anatol wusste nicht, wie sein großer Bruder zu ihm stand und ob er ihm helfen würde. Sie hatten nie viel miteinander zutun gehabt. Alles, was sie verband, war die Liebe zu seiner kleinen Tochter Akari.
„Dan?", fragte er ungläubig und kniff die Augen leicht zusammen, um seinen Bruder zu erkennen. „Ja, du Idiot!", zischte Danjaan, sah jedoch nicht wütend aus, sondern beunruhigt. „Jetzt komm endlich, wenn sie uns erwischen, dann sind meine Frau und meine Tochter in Gefahr!" Eilig trat Anatol auf seinen Bruder zu und verschwand mit ihm hinter der Wand in einen Gang. Allem Anschein nach war es wohl doch keine Sackgasse.
Als sein großer Bruder ein Feuer entzündete, konnte Anatol erkennen, dass dieser nicht alleine war. Die Weißhaarige stand unmittelbar vor ihm und lächelte schief. Im fahlen Schein der Flamme seines Bruders konnte Anatol sehen, wie ramponiert die kleine Sklavin aussah. Ihre Augen sahen verquollen aus und ihre Lippen waren blutig. Eine ihrer Wangen war leicht geschwollen und gerötet – jemand hatte sie geohrfeigt. Das weiße wallende Haar war staubig und trocken.
„Ich werde euch weit aus der Stadt führen, danach trennen sich unsere Wege", brummte Danjaan und führte sie durch weitverzweigte Gänge, die unter die Erde zuführen schienen. „Wo ist Cadel?", kam es leise von der Sklavin. Anatol bemerkte, dass sie ihn noch kein einziges Mal angesehen hatte. „Wir mussten uns trennen. Er wartet außerhalb der Stadt" – glaubte er zumindest.
Nach einer ganzen Weile, die sie durch die Gänge liefen, hatte Anatol aufgehört, sich den Weg zu merken. Alles sah gleich aus, jeder Gang, jeder Stein und jede Weggabelung. Plötzlich blöd sein Bruder stehen und drehte sich zu ihnen um. „Ich werde jetzt durch diese Tür gehen und schauen, ob alles sicher ist. Sollte dies der Fall sein, komme ich euch holen", teilte er ihnen mit und verschwand durch die Steintür.
Keine zwei Minuten später kam Dan zurück und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Vor ihnen befand sich ein Holzgestell mit Leinentuch an einem Mast. Anatol erinnerte sich an den Unterricht im Palast, dort hatten sie die verschiedensten Fortbewegungsmittel behandelt. Eines davon war ein Purjekas, das überwiegend von den Sandstämmen verwendet wurde. Damit brachten sie die Waren, mit denen sie handelten, schnell von einem Ort zum anderen. Das Purjekas bestand größtenteils aus Holz und ein bis zwei Leinentüchern. Die Konstruktion war simpel, doch bedienen konnten es nur wenige. Um eines dieser Transportmittel zu bedienen, musste man des Elementes Erde oder Luft mächtig sein.
„Wie sollen wir damit fliehen? Keiner von uns kann es bedienen", bemerkte Anatol trocken und sah seinen Bruder grimmig an. Dieser grinste überheblich, steckte zwei Finger in den Mund und pfiff einmal laut. Daraufhin kam eine schmächtige Frau hinter dem Holzgefährt hervor und lächelte undurchschaubar. Sie trug eine luftig blaue Stoffhose, die in dunkelblaue Stiefel steckte. Von Kopf bis zu den Beinen war sie in einem weißen Gewand gehüllt, das in der Körpermitte dunkelblau war. An ihren Händen trug sie dunkelblaue fast schwarze Handschuhe. Die Kapuze ihres Gewandes schlug sie nachbringen und enthüllt ein zartes Gesicht mit Bemalung. Ihre Haut war dunkel und ihre Haare schwarz wie die Nacht. Das linke Ohr der Frau war mit Ringen aus Metal beschmückt. Anatol kam zu dem Schluss, dass sie keine gebürtige Tuli naine sein konnte.
„Das, kleiner Bruder, ist eine alte Freundin von mir", sagte Dan und trat auf eben jene zu. „Lova, darf ich vorstellen, mein kleiner Halbbruder Anatol und seine Freundin Selin"
„Freut mich eure Bekanntschaft zu machen. Dan erzählte mir, ihr wollt durchbrennen?" Anatol war gerade dabei laut zu protestieren, doch der Blick seines Bruders hinderte ihn daran. Wie kam er nur auf die Idee, solch eine Lüge zu unterbreiten? Natürlich war sich Anatol im Klaren, dass er es nur getan hatte, um ihnen eine Flucht zu ermöglichen. Kurz räusperte Anatol sich und griff zögernd nach der Hand der kleinen Sklavin. „Mein Bruder hat nicht gelogen", erwiderte er kurz und knapp und setzte ein schiefes Grinsen auf.
Im Augenwinkel sah Anatol, wie die Weißhaarige empört den Mund öffnete. Er drückte ihre Hand, um ihr zu signalisieren, dass dies ihre einzige Möglichkeit war zu entkommen. Ihr Kopf rückte zu ihm herum und er lächelte sie beruhigend an. Er wusste nicht, was auf sie kommen würde, aber eines wusste er sicher, sein Bruder hatte ihn nicht verraten. Sie waren so etwas wie eine Familie. Blut war wohl doch dicker als Wasser.
„Na dann, steigt mal auf!" Lova klatschte enthusiastisch in die Hände und grinste breit. Ihre Augen hatten einen undefinierbaren Schimmer angenommen. Anatol schwante Übles. „Wir sehen uns wieder kleiner Bruder", sagte Danjaan verschwörerisch und drückte Anatols Oberarm. Dieser tat es dem Älteren gleich und drückte dessen Oberarm. Es war der Gruß eines Verbündeten - der traditionelle Handschlag eines Prinzen.
***
Purjekas = Segelboot
Tuli naine = Feuerfrau
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Five Elements - Blazing Fire
FantasySelin lebt in einer Welt voller Magie, welche sie selbst erst ab dem 18. Lebensjahr anwenden kann. Was Selin jedoch nicht weiß, ist, dass ihre Zukunft bereits von den Göttern der Elemente geschrieben wurde. Alles, was sie sich für ihre Zukunft ausge...
