Kapitel 4

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-Es stank nach alten Menschen und staubiger Luft. Als ich meine Augen langsam öffnete, konnte ich einen Blick auf vermoderte Möbel werfen, die aussahen, als würden sie jeden Moment zusammenbrechen. Eine dicke Schicht Schimmel fraß sich hungrig durch einen giftgrünen Sessel, der in einer Ecke stand und Bauschutt lag überall auf dem Boden verteilt, auf dem auf ich kniete. Also erhob ich mich und klopfte mir den Dreck von meiner Pyjamahose. Ich befand mich in einer Wohnung, die definitiv seit Jahren leer stand. Alles sah uralt aus, vergammelt und dreckig. Vermutlich lebten hier auch kleine unschöne Krabbeltiere, die diese warme und staubige Umgebung mochten. Es wirkte jedoch recht friedlich, aber trotzdem war ich angewidert. Im Hinterkopf behielt ich den Gedanken an meinen Traum in der Schule. Der Schein konnte trügen. So friedlich es hier auch aussehen mochte, es konnte immer noch der Horror auftauchen. Und soweit ich meine fiese Traumwelt kannte, war der Schimmel nicht das Schlimme an dieser Umgebung. Ich fragte mich, wie Helen wohl mit solchen Situationen umgehen würde. Sie war taff und mutig, ich war es nicht. Doch es brachte mich nicht weiter, wenn ich einfach nur auf der Stelle rumstehen würde, also schaute ich mich um. Neben dem kleinen Wohnzimmer befand sich eine noch kleinere Küche. Ich war neugierig und drehte den verkalkten Wasserhahn auf. Augenblicklich strömte eine dicke schwarze Flüssigkeit in das Abwaschbecken, waberte an den Rändern hoch und spritzte auf die Anrichte. Voller Schreck griff ich erneut nach dem Drehrädchen und stellte die Wasserzufuhr ab. Einige Tropfen der Flüssigkeit spritzten dabei auf meinen nackten Arm und fingen an zu brennen, wie tausend winzige Nadelstiche. Reflexartig versuchte ich, die Masse an meiner Hose abzuwischen und rieb mir den Arm sauber. Die Stellen waren gerötet, aber es war nicht mehr schmerzhaft oder hinterließ sichtbare Spuren. Ich beschloss, nichts mehr anzufassen, zu meiner eigenen Sicherheit und weil man anscheinend nie so genau wusste, was dann passieren konnte. Vielleicht konnte ich die Nacht einfach absitzen, mich auf dem staubigen Boden zusammenrollen und warten, bis dieser Albtraum endlich ein Ende hatte. Irgendwann musste ich schließlich aufwachen. Entschlossen trat ich erneut in das Wohnzimmer, wo meinem Plan allerdings augenblicklich ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Denn da stand es wieder. Das monströse Mistvieh, das mir seit dem letzten Mal nicht mehr aus dem Kopf ging. Die roten Augen leuchteten bedrohlicher als zuvor, aus dem geöffneten Maul fiel Sabber tropfend auf den Boden. Mein Herz blieb stehen und meine Atmung ging stoßweise. Ich blickte dem Hund erneut direkt entgegen und war mir sicher, dass er mich auch dieses Mal wieder angreifen würde. Jedoch konnte ich hier nicht fliehen, ich saß fest. Die Räume hatten keine Fenster, geschweige denn Türen. Ich hasste die Nacht, hatte Angst vor der Nacht. Warum hatte ich bloß diese Träume? Warum wurde ich so gequält?
Das Monster sprang und das war mein Stichwort, zu rennen. Ich wusste, dass es nichts brachte und ich wusste, dass ich bereits verloren war. Doch trotzdem hetzte ich in ein anderes Zimmer, in dem ich vorher noch nicht gewesen war. Hinter mir riss ich alles um, was ich zu greifen bekam, doch das hielt das Tier nicht großartig auf. Und dann war es vorbei. Es dauerte nur eine Millisekunde, in der ich realisierte, dass ich in eine Sackgasse gelaufen war, das Schlafzimmer. Ich sprang auf das quietschende Doppelbett, wurde vom Hund erfasst und riss meinen Arm los. Ein Schmerz breitete sich an der Stelle des Bisses aus, Blut tropfte auf den Boden und meine Hose. Ich stolperte rückwärts vom Bett und fiel durch das wahrscheinlich einzige Fenster der Wohnung hinunter in die Tiefe und weg von dem Monster, dessen glühende Augen langsam immer kleiner wurden. Voller Panik riss ich eine flatternde Gardine los und nahm sie mit in die Tiefe. Ich flog, bevor alles schwarz wurde. Ich musste gestorben sein.-

Mein Schrei hallte durch das Haus und brachte mein Trommelfell zum Schwingen. Aufrecht saß ich in meinem Bett. Das alles war nur wieder ein Albtraum gewesen, doch irgendetwas stimmte nicht. Mein Arm schmerzte und ich spürte Dreck und Feuchtigkeit auf meinem Laken. Panisch riss ich die Decke von meinem Körper und sah groben Staub und Blut auf meinem Bettlaken. Mein Arm war ebenfalls blutverschmiert, daher musste es kommen. Es war doch nur ein Traum gewesen. Geschockt starrte ich auf das Blut und konnte es gar nicht fassen. Das alles wurde immer schräger. Die Träume waren merkwürdig und quälend, aber das Blut war schlichtweg unmöglich. Es war nur ein Traum, ein einfacher Traum! Ich stolperte aus meinem Bett und riss das dreckige Laken von der Matratze, sowie meine blutigen Klamotten vom Körper. Meine Hände zitterten panisch, doch ich zog mein komplettes Bettzeug ab und warf es in die Waschmaschine. Zum Glück war mein Vater so früh bereits auf der Arbeit, sodass er von all dem nichts mitbekommen hatte. Wie hätte ich all das Blut, meinen Schrei und die Panik erklären sollen? Er hätte auf der Stelle einen Krankenwagen gerufen und mich anschließend zum Psychiater geschickt.
Ich warf diese Gedanken beiseite und atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Panik brachte mich nicht weiter.

Hinter dem NebelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt