Kapitel 12

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Heute Nacht war ich erneut gestorben. Es fühlte sich so an, als wäre es knapp gewesen, dass ich überhaupt noch da war. Dadurch wurde mir immer bewusster, dass meine Uhr tickte und meine Zeit ablief, sollte ich nicht schnell eine Lösung für meine Albträume finden. Ich konnte nicht ewig so weiterleben. Irgendwann würde ich tatsächlich sterben und einfach nicht mehr aufwachen. Zu gerne würde ich meine Augen vor meinen Problemen verschließen, nicht daran glauben, dass ich wirklich in solch einer Lage steckte. Aber ich konnte mich nicht selbst belügen. Das Blöde daran, sich selbst zu belügen, war, dass man es meistens mitbekam. Also musste ich nach Vorne schauen und etwas dagegen tun. Es brachte nichts, meine Augen zu verschließen. Ich konnte nicht jede Nacht hoffen, dass Noah mich rettete. Heute Nacht hatte er es nicht getan, war einfach nicht da und ließ mich sterben. Und er würde es wieder tun. Daran bestand kein Zweifel.

"Emma? Hörst du mir überhaupt zu?", ich schlug einen Spalt in den Boden und warf meine Existenzängste hinein, um ihn danach wieder fest zu verschließen. Noah hatte vielleicht nicht die Möglichkeit jede Nacht da sein, aber er konnte mir zeigen, wie ich mich selbst retten konnte. Ich würde nicht sterben, nicht jetzt schon, nicht so.

"Erde an Emma!", ich blinzelte, als Helens Hand hektisch vor meinem Gesicht herumwedelte, um mich aus meinen Gedanken zu holen. Doch ich konnte nichts dafür. Meine Gedanken waren tiefer als je zuvor, so tief, dass sie mich verschluckten und nicht wieder freigaben. Ich konnte nicht aufhören, zu denken, bis Helen mich zurück in die Gegenwart holte, indem sie an meinen Schultern rüttelte. Ihr Blick war besorgt. Sie musste merken, dass es immer schlimmer wurde. Sie konnte es sehen, nicht nur an meinem inneren Zustand, sondern auch an den riesigen blauen Flecken, die meinen ganzen Arm zierten. Sie hatten sich heute Mittag an das Tageslicht geschummelt, nachdem ich in der Nacht vom Himmel gefallen war. Dies war eine meiner Ängste, der freie Fall mit dem Boden vor Augen. Es war sicherlich keine große Höhe, vielleicht so, als wäre ich von einem High-School Gebäude gefallen. Aber das reichte schon aus, um zu sterben. Die blauen Flecken waren noch harmlos. Sie waren eine stark verminderte Erinnerung an meinen Aufprall. Doch genau diese Erinnerung hätte auch anders aussehen können, schmerzhafter. Ich hatte noch gewaltiges Glück gehabt.

"Ich höre dir zu", sagte ich schnell, obwohl ich wusste, dass es nicht stimmte.

"Nein, das tust du nicht!", erwiderte Helen ruhig. Ihre Augen versuchten in mich hinein zu blicken, als könnte sie allein durch einen Blick erfahren, was mir genau auf der Seele lag, "Wir werden Noah finden. Da bin ich mir ganz sicher. Und dann wird dieser ganze Albtraum aufhören."

"Hast du alles dabei?", wechselte ich rasch das Thema, statt auf Helens positive Aussichten zu antworten. Es war schön, von anderen zu hören, dass etwas klappen würde. Aber in diesem Fall musste ich auf mich allein vertrauen. Ich musste daran glauben und ich tat alles dafür, es auch wirklich zu tun. Positiv bleiben. Das war mein Motto.

"Mein Rucksack ist bis oben hin voll. Ich habe versucht, mein Gepäck zu reduzieren, aber dann sind mir noch so viele Dinge eingefallen, die auch mit müssen. Aber jetzt denke ich, dass ich alles dabeihabe", entgegnete Helen aufgewühlt. Sie liebte das Reisen, egal wohin es ging. Ich konnte ihren Erzählungen ewig lauschen. Die halbe Welt hatte sie schon gesehen. Sie war in Amerika, Brasilien, Island, Spanien, Ägypten, Japan und sogar in Australien. Ihre Geschichten handelten von vielen weiteren Ländern, die ich mir aber nicht alle merken konnte. Es war spannend, die Welt zu bereisen, wenn man vieles sah, was anders war. Ich konnte das nicht von mir behaupten. Ich war noch nie im Ausland, und Schottland zählte ich dabei nicht mit. Es war immer nur Groß-Britannien, obwohl die Welt so viel zu bieten hatte. Doch mein Vater hatte nie Zeit für das Reisen mit mir. Alleine reiste er viel, doch das nur für die Arbeit.
Unsere kleine Reise nach York musste für Helen so sein, als würde ich meine Oma besuchen. Doch das war es nicht und ich war froh darüber, dass sie mich begleitete. Zudem war unser eigentliches Ziel kein Urlaub, sondern eher eine Mission.

Hinter dem NebelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt