Kapitel 10

28 2 0
                                    

-Wie fühlte es sich an, zu ertrinken? Es gab Unterschiede beim Ertrinken. Man konnte metaphorisch gesehen in seinen Aufgaben ertrinken, in Problemen oder in Selbstmitleid. Doch all das spielte keine Rolle. Ich ertrank und das war keine Metapher. Denn ich schwamm nicht in Problemen, sondern in Wasser, was man hierbei allerdings auch als Problem bezeichnen könnte. Hatte also jemand schon einmal eine Situation erlebt, in der die Metapher zur Wirklichkeit wurde? Ich befand mich mittendrin.
Wie immer war es dunkel und kalt. Wellen peitschten in mein Gesicht und zogen mich in die Tiefe. Ich schrie und bekam augenblicklich einen Schwall salziges Wasser in den Mund. Ich musste husten, als bereits eine weitere Welle heranrollte und mich in die Dunkelheit zog. Meine Lunge zog sich schmerzhaft zusammen. Es fühlte sich so an, als hätte sie schon längst aufgegeben. Am liebsten würde ich einfach nur schreien, doch das würde mich nicht weiterbringen. Ich wurde herumgewirbelt, presste meine Augen zusammen und strampelte wild mit den Beinen. So fühlte es sich an, wenn man um sein Leben kämpfte und keinen Ausweg sah, wenn alles bereits verloren war, aber man trotzdem weitermachte, um diesen kleinen Funken Hoffnung nicht zu löschen. Ich hielt mich daran fest, dachte daran, dass der Junge von letzter Nacht wiederkommen könnte, dass er mich wieder retten würde. Es war allein mein Glaube, der mich stark machte und weshalb ich mich immer wieder an die Wasseroberfläche strampelte, nur um sofort wieder von einer Welle mitgerissen zu werden. Ich wollte nicht aufgeben, obwohl nirgendwo Land zu sehen war.
Schon immer war dies eine blanke Situation des Horrors für mich gewesen, im Meer zu sein mit nichts um einen herum, verloren zu sein ohne Aussicht auf Hilfe. Augenblicklich wurde ich von Panik ergriffen. Obwohl ich immer mehr Wasser schluckte, schrie ich mir meine Seele aus dem Leib. Mein Hals brannte unerträglich und mein Gaumen fühlte sich an, als würde ihn jemand mit einem Messer abschneiden. Das alles wurde unerträglich. Ich dachte darüber nach, einfach aufzugeben. Vielleicht würde er in der nächsten Nacht kommen. Ich musste nur sterben und dann war es vorbei. Doch in meinem Hinterkopf erfüllte mich immer noch die Angst, nicht mehr aufzuwachen. Was wäre, wenn ich dieses Mal endgültig tot war? Es konnte nicht ewig so weitergehen. Irgendwann würde die Schattenwelt mich festhalten, und das für immer. Meine Tode hier waren immer schnell. Dieser würde es jedoch nicht sein. Ich hatte über das Ertrinken gelesen. Ich würde viel Flüssigkeit einatmen und versuchen, sie wieder auszuhusten, was allerdings nicht funktionieren würde. Dann würde ich ersticken, langsam. Dieser Teil war qualvoll und somit auch der Schlimmste. Danach würde alles einfacher sein, da ich mein Bewusstsein verlieren würde und sterbe. Von all dem würde ich also nicht mehr viel mitbekommen. Es war in Ordnung für mich. Wahrscheinlich war es sogar besser, als zerfleischt zu werden und mit einigen Bisswunden aufzuwachen. Solange ich dann auch aufwachte. Denn das war keine Sicherheit. Ich konnte nie wissen, ob ich aufwachen würde.

Einige weitere Wellen rissen mich tief in die Dunkelheit und ich beschloss, nicht mehr zu strampeln. Ich konnte dies hier nicht gewinnen. Die Natur war immer stärker als ein einzelner Mensch. Sie war die stärkste Gewalt und niemand konnte sie besiegen. Ich hielt meine Augen geschlossen und ließ mich mit dem Wasser mitziehen. Ganz leicht spürte ich einen leichten Druck an meinen Schläfen, den ich oft beim Tauchen bekam oder wenn wir Urlaub in den Bergen machten. Er drückte auf meine Ohren, sodass es sich so anfühle, als würden sie jede Sekunde platzen. Doch das taten sie nicht. Bevor meine Lungen sich vollständig mit Wasser füllten und ich bewusstlos wurde, verlor mein ganzer Körper an Schwerkraft und raste in einer unmöglichen Geschwindigkeit an die Meeresoberfläche. Ich konnte meine Augen nicht öffnen, da sie viel zu sehr von dem salzigen Wasser brannten. All meine Glieder schmerzten von dem langen Kampf mit den Wellen. Aber auch ohne jegliche Wahrnehmung wusste ich genau, was gerade mit mir passierte. Er war gekommen.

Als ich das weiche Gras zwischen meinen Fingern spürte, wusste ich sofort, dass ich immer noch träumte. Mein Hals brannte wie Feuer und das erstickende Gefühl war immer noch nicht fort. Ruckartig setzte ich mich auf, spürte stützende Hände an meinem Rücken und hustete all das verbliebene Wasser aus meinen Lungen. Ich fühlte mich, als wäre ich von den Toten auferstanden, was ich irgendwie merkwürdig fand. Wer konnte das schon von sich behaupten? Auch wenn mein Erlebnis von einigen Minuten zuvor wahrscheinlich eher als Nahtoderfahrung eingestuft werden würde. Aber so etwas erlebte man schließlich nicht alle Tage, glücklicherweise. Ich versuchte meine Augen zu öffnen, was mir durch die verklebten Wimpern und das grauenvolle Brennen nicht gerade erleichtert wurde. Trotzdem spürte ich das Ziehen an meinen Wimpern und wusste, dass ich nun um einige Wimpern ärmer war. Meine Sicht war verschleiert und ich musste immer wieder meine Augen zusammenkneifen, bis ich endlich wage Umrisse der Landschaft wahrnehmen konnte.

Hinter dem NebelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt