Wir definieren uns selbst durch das Beste, das in uns steckt, nicht durch das Schlechteste, das wir einst getan haben. Warum sollte eine einmalige Tat einen ganzen Charakter ausmachen? Leider glaubten die meisten Menschen, das es so wäre. Sie verbanden bestimmte Personen mit einer Erinnerung, ohne sie überhaupt zu kennen. Traf man einen neuen Menschen zum ersten Mal im Leben und es passierte ein Missgeschick, war man eben so für diesen Menschen, obwohl man ganz anders war. Genau so verlief es auch mit der Beurteilung fremder Menschen, ohne sie zu kennen. Das Äußere zählte viel, das konnte niemand abstreiten. Sah man gut aus, hatte man mehr Chancen, von anderen angesprochen zu werden. War der Charakter anschließend nicht passend, war die Chance verspielt. Doch wenigstens gab es diese eine Chance. Sah man nicht so gut aus, bekam man meist nicht einmal diese Chance, so toll der Charakter hinter dieser Fassade auch sein mochte. Es interessierte keinen. Und das war die bittere Wahrheit, die nicht länger verschwiegen werden sollte. Ich wusste es, und alle anderen wussten es auch.
"Heb deinen Kopf und ignoriere sie alle! Zeig ihnen, wie stark du bist! Du hattest nur einen Aussetzer. Lass nicht zu, dass sie dich nur durch diese eine Sache definieren!", Helen hatte einen Arm um meine Schulter gelegt und redete mir nun gut zu, während wir auf das Strandfeuer zusteuerten, wo sich bereits unzählige Schüler versammelt hatten und sich angeregt unterhielten. Von weitem sah ich einige aus meinem Mathekurs. Diese Leute mussten die Nachricht von meinem Aussetzer in der ganzen Schule verbreitet haben. Helen folgte meinem Blick. "Kopf hoch, hab ich gesagt!"
Also raffte ich mich ein wenig auf und ging mit neuem Mut auf die Leute zu, wo wir uns zuerst etwas zu Trinken besorgten. Von allen Seiten erntete ich schräge Blicke, die mir ein unwohles Gefühl gaben. Am liebsten wäre ich direkt umgedreht und nach Hause gelaufen, wo ich weiter in Ruhe malen konnte. Warum musste ich bei Helen immer nachgeben? Sie war zwar meine beste Freundin seit Lebzeiten, aber ich musste doch nicht alles tun, was sie wollte. Obwohl ich natürlich ganz wild darauf war, zu erfahren, wer ihr wohl den Kopf verdreht hatte, auch wenn ich schon eine gewisse Ahnung hatte.
"Wann zeigst du ihn mir?", fragte ich deshalb leise. Helens Blick wanderte durch die Masse, blieb allerdings nicht stehen.
"Ich glaube, er ist noch nicht hier", murmelte sie und blickte auf den Boden. Gott, war sie verliebt. Bei diesem Gedanken musste ich lächeln, denn ich gönnte es Helen aus tiefstem Herzen. Sie sah beinahe so aus, als wäre sie schüchtern. Dabei war Helen das genaue Gegenteil. Sie sagte immer ihre Meinung, ließ sich nichts gefallen und hatte keine Angst davor, was andere deshalb von ihr dachten. Ich bewunderte sie für ihren starken Charakter, wie sie mich für mein Talent bewunderte. Könnte ich mich entscheiden, hätte ich für ihre Stärke auf mein Talent verzichtet, auf der Stelle. Ich hätte alles dafür getan, diese Blicke von allen Seiten einfach ignorieren zu können. Doch ich konnte es nicht und dafür hasste ich mich selbst.
"Schau! Da drüben ist Caty", Helen war plötzlich wieder ganz die Alte und zog mich an meiner Hand näher zum Feuer, wo Caty mit einigen Schülern saß und an einem Becher nippte. Sie beteiligte sich nicht aktiv an den Gesprächen, hörte aber aufmerksam zu. Caty war nicht wie Helen, sie war viel ruhiger und wollte, dass andere sie mochten. Sie hatte es gar nicht nötig, denn mit ihren roten langen Locken war sie wirklich wunderschön und ich war mir sicher, dass alle es so sahen, außer Caty selbst.
"Ihr seid ja doch noch gekommen! Ich dachte schon, ihr lasst mich allein", Helen und ich setzten uns neben Caty auf eine provisorische Bank, die lediglich ein dünner Baumstamm war. Der Strand bestand nicht aus feinem Sand, in den man sich fallen lassen konnte. Es waren nur kleine Steine hier, die orange leuchteten, wenn sie vom Feuer angestrahlt wurden. So schien der ganze Strand zu brennen.
"Ich hab gar nicht lange gebraucht, um Emma zu überreden", Helens Stolz war aus ihrer Stimme deutlich hörbar.
"Und wo wart ihr dann die ganze Zeit? Ich bin schon eine Stunde hier", fragte Caty und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Becher.
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Hinter dem Nebel
Fantasi"Ich wachte mit solch einer schrecklichen Angst auf, dass mir der Gedanke an Schlaf vollkommen verhasst war." Emma hat Albträume. Jede Nacht stellt sie sich ihren größten Ängsten und möchte ihrem Fluch entkommen, der ihr Leben bestimmt. Doch nicht n...
