18 - Liebe

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Liebe.
Was ist Liebe?
Ein Gefühl, die Zuneigung, die wir Menschen gegenüber einer Sache oder einem Lebewesen psychisch empfinden, ebenso wie höher entwickelte Tiere.
Die Betonung liegt hier auf psychische, beziehungsweise emotionale Empfindungen, da psychische Empfindungen gegenüber physischen Empfindungen nur unsere sinnlichen Wahrnehmungen beeinflussen und in unserer Gedankenwelt eingreifen, allerdings mit konkreten physischen Auswirkungen verbunden sind.
Liebe ist also eine Emotion.
Eine Emotion, die wir mit etwas Angenehmen und für uns Guten und Wertvollen verbinden.
Je angenehmer und wertvoller etwas für uns ist, umso mehr sind wir dieser Sache oder dieser Person zugeneigt.
Somit ist für uns Menschen Liebe und Zuneigung ein und dieselbe Empfindung.
Aber wie fühle ich, ob ich die Person liebe, die mir gegenüber steht?
Wird mir ganz heiß?
Fange ich an zu stottern oder habe Schwierigkeiten, gerade zu stehen?
So würden es wahrscheinlich viele beschreiben, aber ich denke nicht, dass es so ist.
Wenn du der Person gegenüber stehst, solltest du nicht anfangen zu schwitzen und dich deswegen unwohl fühlen.
Du solltest Lächeln und dir sollte es gut gehen, weil die Anwesenheit deines Gegenüber dir gut tut.
Anstatt zu stottern, solltest du deine ganzen Gedanken problemlos in das Gespräch einbringen können, ohne groß darüber nachzudenken, weil du entspannt und locker bist.
Du solltest keine Schwierigkeiten haben, gerade zu stehen, denn du hast mehr Halt als je zuvor.
Du hast Kraft, fest an deinem Platz zu stehen und auch genügend, bis in den Himmel zu springen.
Aber vielleicht gibt es auch verschiedene Arten zu lieben.
Verschiedene Arten, sie zu empfangen, aufzunehmen und zurückzugeben.
Habe ich das bei Xavier?
Bin ich entspannt und locker?
Gibt er mir Halt?
Und auch wenn, können das nicht auch Freunde?
Meine Schritte hallen durch das Gebäude, als ich ein paar Minuten zu spät in der Schule erscheine und mich beeile, zum Kursraum zu kommen.
Tatsächlich haben mir Shanes Worte den Druck und die Anspannung ein wenig genommen.
Dafür allerdings viel mehr Stoff gegeben, über den ich mir nun Gedanken machen kann, wie zum Beispiel meine Gefühle gegenüber Xavier.
"Entschuldigung."
Ich mache mir keine Mühe, mein Zuspätkommen zu erklären und setzte mich schnurstracks neben Addison, die schon müde ihre schwarze Haarsträhne um den Finger wickelt.
Dabei scheint sie mich kaum zu bemerken. Erst, als ich mich neben ihr fallen lasse, sieht sie auf und wirkt erleichtert.
"Ich dachte schon, ich muss den Tag allein mit Matt überleben", kichert sie ein wenig erzwungen und bekommt einen amüsiert bösen Blick von dem Besagten, der einen Platz neben ihr hockt.
Ich merke, dass das ein Versuch war, mich aufzumuntern, denn auch sie hat in diesen 10 Sekunden, in denen ich da bin, bemerkt, dass ich nicht die beste Laune habe.
Keine schlechte, aber ich bin ruhig und nachdenklich.
Nach all den Jahren Freundschaft spürt man das einfach sofort, was teilweise gut, aber auch schlecht sein kann.
Wenn du über nichts reden willst und vergeblich versuchst, deine schlechte Laune zu überspielen, sieht man das eher negativ.
Wenn du allerdings darüber reden solltest, gibt es wohl nichts besseres, als eine Freundin, die dich zu deinem Besten zwingen muss.
Als Antwort lächle ich leicht und wende mich der Professorin zu.

Weder ich, noch Addison und Matt halten es für nötig darüber zu sprechen, dass sie mit meinem Bruder geredet haben.
Sie können sich beide denken, dass das die richtige Entscheidung war, sonst hätte ich den ganzen Tag über schon anders reagiert.
Dadurch, dass ich allerdings ebenso hinter dieser Entscheidung stehe, wäre eventuell ein Danke sogar erwähnenswert.
Dazu ist es bloß für den heutigen Tag zu spät, denn während die beiden schon in ihrem jeweiligen Bus sitzen, stehe ich noch im Gang der Schule.
Meine momentane Lage ist schwer zu beschreiben.
Manchmal habe ich das Gefühl, gewisse Dinge viel zu schlimm zu sehen und zu übertreiben, aber in anderen Momenten wiederum denke ich, gar nicht genug weinen zu können.
Der Gang zieht mit dem Strom an Schülern, die nach Hause wollen, an mir vorbei.
Erschöpt schlage ich die Tür auf und genieße den kühlen Wind, der mir entgegen bläst.
Mit meinen Kopfhörern in den Ohren laufe ich den Gehweg entlang und beobachte die langsam untergehende Sonne, die meine Umgebung in ein angenehmes orange taucht.
Die Musik scheint dabei ziemlich nebensächlich zu sein und ich blende sie unbewusst komplett aus, während ich die Autos beobachte, die an mir vorbeifahren.
Teilweise Erwachsene, die von der Arbeit kommen, teilweise Jugendliche aus der Schule, die vom Parkplatz daneben kommen.
Als ich laute Musik höre, die sogar meine übertönt, drehe ich mich automatsich um und in dem Moment, in dem mein Blick auf Xaviers trifft, scheint alles wie in Zeitlupe zu geschehen.
Die Reifen brauchen mehrere Sekunden, bis sie eine Umdrehung geschafft haben und mein Wimperschlag raubt mir um das zehnfache mehr an Zeit, in der ich nichts sehe, als sonst.
Sein neutraler Blick fixiert mich, bevor es passiert.
Der Ausdruck in seinen braunen Augen wechselt schlagartig in einen ängstlichen. Panik, Überraschung und Hilflosigkeit breitet sich in ihnen aus und überträgt sich innerhalb von einer halben Sekunde auf mich.
Das Bild von ihm, wie er da am Steuer sitzt, total in Panik, wird von meinen Augen aufgenommen und direkt an mein Gehirn weitergegeben, welches sofort alle Alarmglocken auslöst.
Aber ich kann nichts weiter tun, als dabei zuzusehen.
Zuzusehen, wie sein Wagen auf die andere Straßenseite rollt.
Wie seine Hände ohne jegliche Kraft und ohne, dass er etwas dagegen tun kann, vom Lenkrad rutschen.
Wie der kleine Wagen hupt und der in Panik geratene Fahrer auf die Bremse drückt, während ich mir unbewusst die Kopfhörer aus den Ohren ziehe, dessen Musik immer leiser wird, bis sie ganz verschwindet, als sie auf dem Boden aufkommen.
Ich sehe zu, wie Xavier frontal in ihn rein fährt, sein Kopf nach vorne geschleudert wird und der Airbag sich aktiviert.
Scherben fliegen durch die Luft, Leute wählen die Nummer des Notrufs und ich stehe da.
Habe keine Ahnung, was hier passiert, was ich machen soll oder wie ich mich bewegen kann.
Weiß nicht, wie ich wenige Minuten später ins Krankenhaus gelangt bin und jetzt hier stehe, neben mir Sean und Aaron. 
Habe keine Ahnung, wer mir gesagt hat, dass Xavier während dem Fahren einen Schub bekommen hat, auf einmal seine Hände nicht mehr spüren konnte und alles so schnell ging, dass er es nicht geschafft hat, vom Gas zu gehen.
Angst ist im Moment das einzige, was ich spüre.
Und vielleicht ist Liebe auch Angst.
Angst um jemanden haben.
Oder keines von all dem, sondern eine Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht, auf Büchern und Filmen etwa.
Vielleicht erlent man die Liebe, oder eher die Soziologie.
Die Vorstellung, die wir uns von der Liebe machen, steht dem Lernen der Liebe entgegen.
Vielleicht ist es kein Gefühl, sondern eine Art Code, ähnlich wie Geld oder Macht.
Ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium.

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