Es war immer dasselbe. Wenn Pam aus ihrer kleinen Wohnung im vierten Stock nach draußen an die frische Luft ging, verfärbte sich der sonst so blaue Himmel. Und zwar in ihre Lieblingsfarbe, Grau. Das einzig Erfreuliche daran war, dass es schien als wollte sich der Himmel ihr farblich anpassen.
Und wenn sie dann so weit von ihrer Wohnung entfernt war, dass es sicherlich zwanzig Minuten dauern würde, wieder dorthin zu gelangen, fingen die Wolken an ihre gigantischen Blasen zu leeren. Manchmal waren es nur einzelne Tropfen, die nicht einmal eine Regenwurm rausgelockt hätten. Nur kamen diese Tage selten, zu selten. Und heute war es anscheinend nicht so.
Als Pam in den alten Bus stieg, der vor fünfzig Jahren wahrscheinlich noch gute Dienste geleistet hatte, jetzt aber bloß noch ächzend und stöhnend Tag für Tag dieselbe Strecke fuhr, und sich einen Platz relativ weit vorne aussuchte um sich auf den ausgeblichenen Sitz fallen ließ, war ihre Kleidung noch hellgrau, die Hose schwarz, und ihre Haare fielen ihr noch trocken über die Schulter. Sie hatte Kopfhörer auf, aber keine Musik an. Das brauchte sie nicht, nicht wenn sie nur das stumpfe, langweilige Gerede der Leute nicht hören wollte, deren Leben so abwechslungsreich verlief, wie der Tag einer alten Frau mit Alzheimer. Sie war der Meinung, es wäre Verschwendung mit Musik so etwas übertönen zu wollen, außerdem musste sie ihr Abo bei Spotify erst einmal erneuern, bevor sie weiter Musik hören konnte.
Sie blickte ab und zu nach draußen. Der Weg zur Stadt dauerte mit dem Bus zwanzig Minuten. Genug Zeit um sich ihr Lieblingsbuch aus der Tasche zu fischen und etwas zu lesen. "Biss zum Morgengrauen" von Stephenie Meyer. Dieses Buch war unrealistisch, und auch wenn sie nicht gerne unrealistisches Zeug las, hatte dieses Buch es ihr angetan. Wer glaubte denn bitte an Vampire? So etwas gab es nicht und egal welche komischen Mutationen sich verrückte Wissenschaftler noch einfallen lassen würden, sie würden niemals etwas so Unmögliches erreichen, was den Menschen als Nahrung ansehen würde. Da musste schon eine wahre Todessehnsucht existieren um auf dermaßen verblödete Ideen zu kommen. Menschen sind schwach, also warum sollten sie so etwas perfektes erschaffen können? Etwas, das so viel stärker war als sie selbst?
Als Pam das nächste Mal aus dem Fenster blickte, konnte sie nur verschwommen ihre Umgebung erkennen. Der Regen prasselte erbarmungslos gegen die Scheibe. Fast schon gewaltsam. Schon wieder einer dieser Tage. Pam taten ihre neuen Sneakers leid. Sie legte ihr Buch zurück in ihre Tasche, als der Bus den Anfang der Einkaufspassage erreichte.
Sie drückte den 'Stop Knopf' und stellte sich mit ihrer Tasche an die Türe. Die letzten paar Meter bevor der Bus stehen blieb, kramte sie in ihrer Tasche nach ihrem Regenschirm, aber griff ins Leere. Na toll, dachte sie, als sie vor ihren Augen ihren schwarzen Regenschirm an ihrer Garderobe hängen sah. Da liegt er, richtig. Augen verdrehend stieg sie aus dem warmen Bus aus und stellt sich unter das Dach der Haltestelle. Nachdem der Bus weiter gefahren war, machte sie sich ein Bild von ihrer Umgebung. Sie musste nur ein paar wenige Sachen einkaufen. Ein paar Kosmetikartikel und vielleicht ein neues Buch wenn sie Lust hatte. Und obwohl dieses Wetter jeden anderen Menschen betrübt hätte, hatte sie Lust durch einen Buchhandel zu schlendern und sich eine neue spannende Lektüre auszusuchen, die mit Sicherheit nach nicht mal zwei Tagen von ihr aufgesaugt wurde, wie Wasser von einem Schwamm.
Sie hielt sich ihre Tasche über den Kopf und ging schnellen Schrittes über die Straße. Der nächste Drogerie Markt war etwa zweihundert Meter von ihr entfernt. Trotz ihres Tempos, und dank des lästigen Windes, wurden nach sechzig Meter ihre Hände kalt und nass. Nach hundert war ihre Brille vor Tropfen total untauglich, sodass die sich die ganze Zeit über die Gläser wischen musste. Nach hundertdreißig Metern war ihr Pulli nass und dunkelgrau und nach dreißig weiteren Metern spürte sie, wie sich das Wasser der vielen Pfützen, genüsslich einen Weg in ihre Schuhe barnte, ihre weißen Socken komplett ertränkten und sich zwischen ihren Zehen sammelte. Widerlich. Sie hatte mal wieder die falsche Schuhwahl getroffen. Das nächste Mal besser etwas regentaugliches, was vielleicht weniger angenehm zu tragen war. Gummistiefel vielleicht?
Ein paar dutzend Meter später erreichte sie endlich den großen Drogeriemarkt. Die Schiebetüren öffnete sich langsam, als hätten sie alle Zeit der Welt und Pam trat mit schnellen Schritten in das hell erleuchtete Geschäft. Sie war nicht die Einzige, die gerade vorhatte ihre Haare auszuwringen. Ein Blick zur Kasse zeigte ihr, dass die Hälfte der Menschen so schlau war, einen Blick nach draußen zu werfen und einen Regenschirm auf das Fließband zu legen.
Als Pam die Regale, bewaffnet mit einem kleinen Korb, den sie sich am Eingang geholt hatte, entlang ging, gaben ihre Schuhe komische Geräusche von sich. Bei jedem Schritt abwechselnd ein quietschendes Geräusch und eines, das sich wie das Abmachen eines Saugnapfes anhörte.
Sie packte sich Deo, Haarspray, neues Shampoo, Traubenzucker und einen Knirps ein, dann ging sie zur Kasse. Die Schlange war nicht allzu lang, die meisten Leute wollten bei diesem Wetter sowieso keinen Fuß vor die Türe setzen. Als sie bezahlt hatte, stopfte sie sich alles in ihre Tasche und ging wieder nach draußen, zurück in das peitschende Unwetter. Dann spannte sie ihren Schirm auf und lief zu ihrem lieblings Buchhandel. Er war weiter weg als der Drogeriemarkt. Fast am Ende der Stadtmitte. Dort sah man nicht oft Leute, aber um ehrlich zu sein war das doch besser so oder? Weniger Gedränge, weniger Leute, die man in seiner Freizeit nicht treffen wollte.
Es war echt lange her, das sie zuletzt in die Stadt gefahren war. Bestimmt seit zwei Monaten, deshalb wunderte sie es auch nicht als sie gegenüber des Buchhandels ein neues Café entdeckte das den Namen "Mirror" in Leuchtbuchstaben und Kursivschrift groß über dem Eingang prangen hatte. Von außen sah es aus. Die Fassade war dunkelgrau, aber die Schrift hinterließ einen bleibenden Eindruck. Pam entschied das dieser Laden es wert war, das sie einmal einen Blick dort hinein warf. Aber zuerst wollte sie ein neues Buch.
Es dauerte nicht so lange, wie sie vermutet hatte, sich ein neues Buch auszusuchen. Mit Buch war jetzt weder ein Bilderbuch gemeint noch Sachbücher, die niemand verstehen konnte. Sondern einfach unterhaltsame Literatur. Das Buch verstaute sie gut in ihrer Tasche und trat wieder nach draußen auf den kalten, nassen Bürgersteig. Dann blickte sie auf die andere Straßenseite ins Café, doch sie konnte wegen den Wassertropfen nicht allzu viel erkennen. Nur die Glasscheiben, die aussahen als würden sie weinen.
Sie schaute schnell nach links und rechts, dann überquerte sie die Straße mit großen Schritten. Sie versuchte erst gar nicht den lästigen Pfützen auszuweichen, für ihre Schuhe gab es sowieso keine Hoffnung mehr. Erleichtert stieß sie die Türe zum Café auf und trat ein.
Gerade als sie ihren Schirm zusammen klappte und ihre Schuhe auf der Fußmatte versuchte etwas abzuputzen, erreichte etwas ihre Ohren, die zuvor nur Regen und das
Fluchen der wenigen Leute auf der Straße wahrgenommen hatten. Es waren Töne, einer schöner als der andere.
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Also frage ich:
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Taela ❤️
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White, Black...Peppermint!
FanfictionAls Pam das kleine Café in der Innenstadt betrat konnte sie nicht ahnen, das sie weniger das Essen und das Ambiente, sondern viel mehr eine Person dort hingezogen hatte. Ein Mann mit weißem Haar, kalten Augen und geschickten Fingern die einem Flügel...
