Es war das erste Mal, dass Ryan einen Menschen sterben gesehen hatte. Er konnte ihre leeren Augen nicht mehr aus seinem Gedächtnis vertreiben. Wie fest getackert sah er sie immer wieder vor sich. Emil wendete sich weiteren Verletzten zu und ließ Ryan mit seinen Gedanken allein. So behutsam und bedacht wie er vorging und wie wissend er Verletzungen begutachtete musste er Arzt sein. Oder zumindest sowas ähnliches. Vielleicht Rettungshelfer? Krankenpfleger? Es war eigentlich egal.
,,Wo warst du Ryan?", Alices zaghafte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie setzte sich neben ihn in den Sand.
,,Ich habe jemandem...", er zögerte, bevor er die folgenden Worte aussprach. ,,...geholfen. Alice kannst du noch etwas bei Luna bleiben? Ich kann hier nicht so einfach rumsitzen und nichts tun.", entschuldigend schaute er sie an. Aber sie nickt. Ihre kleinen Augen strahlten als sie seinen Blick erwiderten.
,,Du musst helfen. Was wäre wenn mir niemand geholfen hätte?", er war verblüfft über die Weisheit und das Verständnis seiner kleinen Schwester. Er rappelte sich auf und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.
,,Ich komme gleich wieder. Versuch etwas zu schlafen.", sie nickte und hüpfte zurück zu Luna. Für einen Moment betrachtete er sie. Sie war ziemlich klein für ihr Alter. Zierlich und lieb. Er könnte sich nicht verzeihen wenn ihr etwas zustoßen würde.
Ryan tat alles nur erdenkliche um sich nützlich zu machen. Er konnte nicht jedem helfen. Dass war ihm klar. Zu viele Menschen waren mit ihnen abgestürzt. Die Erinnerung an den Absturz traf ihn schmerzlich. Eigentlich sollten Alice und er schon in London bei ihrem Vater sein. Er hätte sie in seinem alten Pick-Up abgeholt. Sie wären alle nett etwas essen gegangen. Zum ersten mal dachte er an seine Familie. Wie es ihnen wohl grade ging? Sein Vater hatte wohl vergeblich auf Alice und ihn gewartet bis er irgendwie von dem Absturz mitbekommen hatte. Vielleicht war er besorgt und ängstlich gewesen. Aber vielleicht hatte es ihn auch nicht weiter gestört und er hatte es mit seinem typischen ,,Das wird schon wieder" einfach abgehackt. Sein Vater war ein bodenloser Optimist. Er sah in allem immer das Gute. Wahrscheinlich würde er ihm wenn er wieder zuhause war einen endlosen Vortrag darüber halten, dass er sich glücklich schätzen konnte, eine solche Erfahrungen gemacht zu haben. Falls er nachhause kam.
Ein alter Mann zupft am Saum von Ryans Jeansjacke die mittlerweile wieder so gut wie trocken war. Er drehte sich um und schaute ihn fragend an. Tief gebeugt stand er vor ihm. Seine Haare fielen ihm in grauen Strähnen in sein von Falten durchzogenes Gesicht. Er richtete seine braunen Augen auf Ryan und schmatzte einige Male bevor er ihn direkt ansprach.
,,Entschuldigung, mein Herr. Haben sie meine Frau gesehen.", seine sorgevolle Miene schien wie in sein Gesicht gedruckt.
,,Ich weiß es nicht.", antwortete er entschuldigend.
,,Wie sieht sie den aus?", Ryan legte den Kopf schief und betrachtete ihn kurz. Er musste um die 80 sein. Als er begann von ihr zu erzählen schlich sich ein sehnsüchtiges Lächeln auf seine Lippen.
,,Sie hat schulterlange weiße Haare, ist klein und hat grün graue Augen. Sie trägt ein wadenlanges fliedernes Kleid und ist 79 Jahre alt." Nachdenklich schüttelte er den Kopf.
,,Nein tut mir Leid. Ich habe sie nicht gesehen.", er wirkte verzweifelt und schaute verloren in alle Richtungen.
,,Wie kann das sein? Keiner hat sie gesehen. 60 Jahre bin ich nun schon mit ein und der selben Frau verheiratet. Wie kann mich eine Reise nach London von ihr trennen?", verzweifelt fiel er vor Ryan auf die Knie. Er starrte in den Sand und es schien als würde er weinen. Aber er gab kein Geräusch von sich. Keine Bewegung. Er kniete einfach da und starrte in den Sand. Ryan legte ihm eine Hand auf die Schulter. Nur wusste er weder was er sagen, noch was er machen sollte.

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Long way home
Teen Fiction,,Ihr kommt hier her, fällt unsere Bäume, fischt unsere Fische und jagt unser Fleisch. Ihr denkt alles gehört euch, aber so läuft das nicht!", ihr fester Blick fixierte seinen. ,,Denkst du ich will hier sein? Ich würde auch lieber Zuhause sein als m...