Seong Tony
Das leise Geräusch meines Weckers holt mich aus meinem leichten Schlaf. Grummelnd setze ich mich also auf und taste nach der Nachttischlampe, um auch meinen besten Freund zu wecken. Denn der 17-Jährige hat einen deutlich tieferen Schlaf als ich und liegt noch immer mit einem Arm um meine Taille in seinem Bett.
Nach einigem Suchen finde ich den Schalter der Lampe und betätige diesen. Es macht für mich zwar keinen Unterschied, aber ich hoffe, das Licht ist angegangen.
„Alex...!", krächze ich leicht heißer und klopfe wahllos auf den Körper neben mir.
„Mh...", kommt die gebrummte Antwort und dies als Bestätigung seines wachen Zustands nehmend, mache ich mich daran, aus dem Bett zu steigen. Vorsichtig taste ich mich vorwärts und suche mir so meinen Weg ins Bad. Trotz, dass ich bereits sehr oft hier war, ist dieses Haus mir so fremd.
Im Bad angekommen betätige ich nach noch längerem Suchen den Wasserhahn, putze Zähne und alles andere.
„Brauchst du dann Hilfe bei deinem Anzug?", erklingt, als ich wieder im Zimmer angekommen bin, die Stimme des Zimmerbewohners und leicht nicke ich.
„Ja am Ende, denke ich... Aber geh erst mal duschen, du stinkst.", antworte ich ihm, was er nur mit einem Lachen quittiert und das leichte Quietschen des Bettes verrät mir, dass er aufgestanden ist.
Mit einem leichten Seufzen bewege ich mich tastend zu der Stelle, wo wir gestern Abend meinen Anzug für die Beerdigung heute hingehangen haben. Sehnsüchtig fahre ich über den glatten Stoff. Ich vermisse sie jetzt schon, dabei ist es erst knapp eine Woche her, dass sie auf der Fahrt zu meiner Geburtstagsfeier ihr Leben ließen.
Wir feierten an dem Tag in unserem Ferienhaus an einem See und mein bester Freund und ich fuhren mit seinem Motorrad von mir zu Hause dort hin, während meine Mutter meine Schwester von der Schule abholte und dann mit dem Auto nachkam.
Den Anruf, dass die beiden und damit meine beiden Einzigen zu dem Zeitpunkt bekannten Verwanten Opfer eines Geisterfahrers wurden, bekam ich, während ich mit Alex auf die Ankunft selbiger wartete.
Und heute ist die Beisetzung, direkt im Anschluss geht es für mich dann nach Südkorea, das Heimatland meiner Mutter. Dort wo, wie ich kürzlich erfuhr, auch mein Vater lebt. Die genaue Geschichte und die ganzen Zusammenhänge kenn ich noch nicht, aber scheinbar war er auch der Vater meiner Halbbrüder. Wobei ich von deren Existenz erst erfuhr, als man mir von meinem Vater erzählte.
Mit einiger Mühe ziehe ich mir den Anzug über und lege den geliehenen Schlafanzug auf Alex' Bett, ich bin gerade fertig, als die Tür auf geht und Alex mit einem gelachtem: „Warte bitte kurz!" Den Raum betritt. Ich warte also, bis er zu mir kommt und mir mein Hemd richtig knöpft, wo ich wohl einen Fehler gemacht hatte. Er macht dann auch noch Feinheiten, wie mir die ebenfalls schwarze Krawatte zu binden.
Laut seiner Aussage sah ich sehr gut in dem komplett schwarzen Anzug aus, als wir nach gut einer Halbenstunde den Raum verließen, um erneut das Bad aufzusuchen.
Auch dort benötigte ich seine Hilfe. Er stylte erst mir dann sich selbst die Haare und kaschierte meine Augenringe leicht. Ich weiß, es ist hierzulande nicht wirklich weit verbreitet, dass Jungs Make-up verwenden. Aber ich bin, was so was angeht, wohl etwas von der koreanischen Kultur beeinflusst worden und Alex hatte noch nie ein Problem damit gehabt, wie ich mich kleide oder was ich für ‚komische' Angewohnheiten hab. Er hat es ja nach einer Zeit auch selbst ab und an angewendet.
Nach einem kleinen Frühstück sitze ich dann auch schon mit seiner Familie, die mich übrigens nicht leiden kann, im Auto und fühle mich so fehl am Platz wie noch nie. Gut, eigentlich ist es nur sein Vater, der uns beide zu der Beerdigung fährt, aber das reicht bereits.
Ich will gar nicht wissen, wie viel Alex gebettelt haben muss, um das ich die Woche bleiben darf und sein Vater uns sogar fährt.
Die Fahrt zieht sich etwa eine Dreiviertelstunde, meine Mutter wollte immer auf einem ganz bestimmten Friedhof beerdigt werden. Warum, weiß ich nicht.
Mein Innerstes fühlt sich an wie betäubt, als ich am Friedhof angekommen, den Wagen verlasse und zu der kleinen Kapelle laufe. Unsere Trauergemeinschaft besteht außer uns beiden noch aus den beiden besten Freundinnen meiner Schwester und dem Vater der einen, welcher gleichzeitig auch der Chef meiner Mutter war.
Mit gesengtem Blick setze ich mich in die erste Reihe und lasse die ruhige Musik etwas auf mich wirken, durch gehend weicht mir Alex dabei nicht von der Seite. Ich habe zwar meinen Blindenstock mit, aber es ist dennoch einfacher so.
Als ich schließlich denke, dass ich meiner Stimme wieder einiger Maßen vertrauen kann, lege ich eben diesen Stab neben mich und nehme das mit Braille beschriebene Blatt aus der Innentasche meines Anzugs.
Mit Alex Hilfe stehe ich somit passend zum Ende des Liedes zwischen den Särgen meiner Familie hinter einem kleinen Pult und halte die Trauerrede.
Habt ihr Mal versucht eine Rede zuhalten, die ihr nicht halten wolltet, ohne die Reaktion eures Publikums sehen zu können? Es ist kein schönes Gefühl. Es verunsichert einen nur noch mehr und ist in gewisser Weise auch beängstigend.
Ich weiß weder wirklich wo das Publikum sitzt, noch kann ich sagen, wo genau die beiden Särge stehen.
Ich mein, mir war bewusst, dass ich die Beerdigung meiner Mutter miterleben würde, aber nie hatte ich erwartet, dass es so wäre. Schon gar nicht, dass ich den zweiten Teil meiner Seele mit ihr unter die Erde gehen ‚sehen' würde.
Die Bindung zwischen Geschwister ist... speziell. Man mag sich nicht wirklich, aber in den meisten Fällen liebt man sich dennoch aus vollem Herzen. Die meisten merken erst, wie wichtig die Familie ist, wenn sie nicht mehr da ist. Etwas anders ist es bei mir. Meine Schwester und ich waren Zwillinge und die Verbindung zwischen uns war noch viel enger. Ebenso wie unsere Verbindung zu unserer Mutter eine sehr innige war.
Wie waren eine glückliche Familie und egal welche Schwierigkeiten uns das Leben gab, es schien, als könnten wir es zu dritt immer meistern.
Natürlich gab es Streitereien, auch zwischen meiner Schwester und mir, aber es waren Kleinigkeiten. Selbst dass unsere Mutter uns die Identität unseres Vaters verschwieg, verziehen wir ihr mit der Zeit, sie würde schon ihre Gründe gehabt haben.
Kaum hab ich meine Rede beendet, kann ich meine Tränen auch nicht mehr halten. Stumm lasse ich mich von Alex wieder auf meinem Platz führen und lausche still den Lieblingsliedern meiner Mutter. Zwar passen diese nicht zu der Beerdigung, aber sie liebte sie.
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2021-04-06: Das Lied oben ist eines der Lieblingslieder der Mutter: Free von SHINHWA.
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Trust Me (BTS FF) ✔
Fanfiction"Ein Tag den ich hasse? Meinen Geburtstag, für mich ein Tag der Trauer und verlorenen Chancen." Der 16 Jährige Seong Tony musste bereits einige Hindernisse in seinem Leben meistern, aber da hatte er jedesmal seine Familie und Freunde im Rücken, die...
