Blut in Córdoba
Córdoba, Spanien. Weiße Mauern, warme Nächte und der Duft von Orangenblüten in der Luft. Für Florentina sollte es nur ein Familienbesuch werden, die Hochzeit ihrer Tante, ein wenig Sonne, ein bisschen Tapas, ein kurzer Ausbruch aus d...
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❝ Jeder trägt eine Waffe – die einen sichtbar, die anderen hinter einem Lächeln. ❞
Mir stockt der Atem.
Nicht nur, weil er mir so nahe steht und überraschend gut riecht.. nach Holz, Leder und einem Hauch Zitrone, sondern auch, weil sein Deutsch glasklar ist. Ohne hörbaren Akzent. Fast makellos.
Ich hebe das Kinn, ziehe die Schultern zurück und blicke ihm direkt in die Augen.
„Was willst du von uns?", frage ich, so ruhig wie möglich.
Eine seiner Augenbrauen hebt sich. „Ich denke nicht, dass du in der Position bist, mir Fragen zu stellen."
Dann dreht er sich um und beginnt, mit Hugo auf Spanisch zu sprechen. Ich verstehe kein Wort, aber die Körpersprache sagt genug. Es ist nicht freundlich.
Meine Familie starrt mich entsetzt an. Ja, ich weiß. Ich hätte besser geschwiegen. Aber wieso sollen wir für Fehler geradestehen, die wir nicht begangen haben?
Er wendet sich wieder zu mir. „Beweg dich!"
Ich rühre mich nicht.
Sein Blick wird finster. Seufzend greift er hinter seinen Rücken und zieht eine Waffe hervor.
Ein kollektives Keuchen erfüllt den Raum. Mein Herz setzt für einen Moment aus, als der Lauf der Pistole direkt gegen meine Schläfe gedrückt wird.
„Kommst du jetzt mit, oder soll ich dir erst eine Kugel verpassen?"
Ohne ein Wort drehe ich mich um und gehe. Geradewegs zum Ausgang.
Draußen warten bereits bewaffnete Männer. Auch meine beiden Tanten werden aus dem Saal geführt. Gemeinsam werden wir in einen dunkelblauen Van gedrängt. Keine Fesseln, keine Kapuzen, nur kalte Blicke.
Ich sitze zwischen meinen Tanten und halte ihre Hände. Keine von uns sagt ein Wort.
Ich will zurück nach Deutschland. Zurück in mein normales, langweiliges Leben. Was ist das hier nur?
Drei weitere Männer steigen ein. Nicht ganz so breit wie der Typ mit dem Ziegenbart... einem von denen könnte ich vielleicht eine verpassen, wenn's hart auf hart käme. Vielleicht. Aber ich riskiere nichts. Noch nicht.
Niemand spricht, bis der Van bremst.
Die Tür öffnet sich. Wir werden „höflich" herausgezogen, einer der Männer packt mich am Arm.
„Schon gut, ich kann selbst laufen", fahre ich ihn an und schüttle ihn ab.
Ein kleines Haus steht vor uns. Kein protziger Palast wie in Gangsterfilmen, eher ein geschmackvoller, zurückhaltender Bau. Beinahe charmant.
Dann erscheint er wieder. Der Mann in Schwarz. Er nickt seinen Leuten zu. Sie wollen uns ins Haus bringen.
„Fass mich nicht an", knurre ich. „Ich hab zwei Beine."
Sein Blick bleibt kühl, ein Hauch von Belustigung in seinen Augen.
„Du hast ganz schön viel zu sagen für ein einfaches Mädchen aus dem Ausland", murmelt er.
„Und du ein ziemlich kleines Haus für jemanden, der offenbar gefürchtet wird und 'Männer im Rücken' hat."
Ohne ihn weiter zu beachten, schreite ich über die Schwelle. Ich sehe die schockierten Blicke meiner Tanten, aber ich kann nicht anders. Irgendwann bring ich mich mit dieser großen Klappe noch um. Vielleicht sogar heute.
Der Eingangsbereich ist eng, ein schmaler Flur mit grauen Fliesen. Ich ziehe meine High Heels aus. Instinkt.
Der Flur mündet direkt in ein offenes Wohnzimmer mit moderner Küche und Essbereich. Licht flutet durch die großen Fenster. Tatsächlich, dieses Haus ist schöner als unseres daheim in Deutschland.
Ich bin im letzten Jahr meines Abiturs. Danach will ich als Flugbegleiterin arbeiten. Die Welt sehen. Fliegen. Frei sein. Und jetzt sitze ich hier... entführt in einem fremden Land.
Ein Handy wird mir entgegengestreckt. „Ruf jemanden aus deiner Familie an."
„Ich kenn die Nummern nicht auswendig", erwidere ich tonlos und verdrehe betont die Augen.
Er stöhnt, fährt sich genervt übers Gesicht und steckt das Handy wieder weg. Ich lächle leise.
Am Fenster entdecke ich den Garten, groß, gepflegt, mit einem kleinen Teich, ein paar Gartenmöbeln, ein Sonnenschirm, zwei Liegen... und eine seltsame Ecke, die nach Baustelle aussieht.
Ich drehe mich zurück, beobachte, wie er sich zu einem seiner Männer beugt und leise auf Spanisch spricht.
Meine Gedanken rasen. Warum haben sie die Hochzeit gestürmt? Was genau schuldet Hugo ihnen? Und warum wir? Warum nicht jemand anders? Warum kann Mister „Ich bin gefährlich" so verdammt gut Deutsch? Und... wie alt ist er überhaupt? Mitte zwanzig?
Ein Teil von mir spinnt kurz eine absurde Romanze zusammen. Er, der dunkle Fremde, ich, die Unschuldige. Ich könnte kotzen. Halt einfach den Mund. Du musst hier erstmal lebend rauskommen, bevor du über Hochzeiten fantasierst.
Er wendet sich wieder uns zu. Sein Blick fällt auf meine Tante, immer noch im Hochzeitskleid, dann auf die Frau meines Onkels. Beide in zu engen Kleidern, die für diesen Albtraum wie eine Karikatur wirken.
Dann sieht er mich an.
„Ihr bekommt gleich ein Zimmer. Jeder ein eigenes."
„Reicht, wenn wir zusammen in eins können."
Seine Augenbraue hebt sich erneut. „Kleine, du bekommst kein Einzelzimmer, weil ich dir Privatsphäre gönne. Ich bin kein Hotel. Ihr werdet getrennt untergebracht, weil ich keine dummen Ideen riskieren will. Bei mir gibt's keinen Luxus. Und vergiss deine Bücher und Filme, in denen sich der gefährliche Mann in das unschuldige Mädchen verliebt. Du bist kein Protagonist. Du bist Mittel zum Zweck. Nicht mehr. Und auch nicht lange."
Ein leises Knistern liegt in der Luft.
Ich schlucke.
Nicht aus Angst.
Sondern, weil ich genau weiß, dass er recht hat.
Und weil ich nicht vorhabe, ein Mittel zum Zweck zu bleiben.