21. Juli 2053

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Nummer Neununddreißig hatte keinen Namen. Er existierte einfach. War erwacht und hing in Ketten. Kein Licht drang zu ihm vor. Nach wie vor befand er sich in dem Zelt, in das der Offizier ihn geführt hatte. Bis auf den robusten Balken in der Mitte, der großen Kiste, die mit den verschiedensten Folterinstrumenten gefüllt war und den gläsernen Käfig war das Zelt leer.

Kraftlos hing er von seinen Ketten, die nicht einmal er mit seiner Kraft sprengen konnte. Auch an seinen Fußgelenken hingen sie, fesselten ihn an den Balken. Er konnte sich kaum bewegen. Die Arme hingen über seinem Kopf, unfähig, sie wieder herunterzunehmen.

Die wochenlange Tortur hatte er überstanden. Doch er fühlte sich nicht erleichtert. Nicht einmal ansatzweise. Er fühlte gar nichts. Innerlich war er leer.

Analytisch wanderte sein Blick über seine Umgebung. Es war ungewöhnlich still. Genauer gesagt war es schon still, seit er vor Wochen angefangen hatte, zu schreien. Das war ungewöhnlich. Natürlich wussten die anderen Mutanten, dass Offizier Preston hier drin Mutanten quälte, mit denen er ein Problem hatte. Doch es hatte wohl niemand von ihnen erwartet, dass man auch Kieran, den unverwundbaren Kieran, zum Schreien bringen konnte.

Aber Kieran Roth war nun fort. Und mit ihm auch all das Leid und der Schmerz. Er hatte alles mitgenommen und nichts übrig gelassen. Sobald er erkannt hatte, dass es nur einen Ausweg gab, hatte er sich dem mit letzter Verzweiflung hingegeben.

Er hatte erkannt, dass er vor Offizier Preston nicht fliehen konnte. Hatte erkannt, dass er aus eigener Kraft nicht aus seiner Folterkammer ausbrechen konnte. Und als sein Geist schließlich in Scherben lag, hatte er begriffen, dass sein eigener Körper in gefangen hielt. Schließlich hatte er ihn erkannt: Den Ausweg.

Kaum mehr als ein Schalter, tief in seinem Inneren verborgen. Ein Schalter, der schon immer da gewesen, jedoch nie bemerkt worden war. Die Flucht aus der Qual. Mit Freuden hatte er ihn betätigt. Und hatte schließlich aufgegeben, was ihn ausgemacht hatte. Mit einem Mal waren sie fort gewesen. Die Gefühle, die Empfindungen, die ihn ausgemacht hatten. Kieran war mit ihnen gegangen.

Aber sein Körper war noch da. Auch der mickrige Rest, der von seiner Seele übriggeblieben war. Aufmerksam inspizierte Nummer Neununddreißig seine Ketten. Obwohl sie ganz eng an seinen Hand- und Fußgelenken anlagen, hatten sie sich nicht in seine Haut gegraben. Natürlich nicht.

Testweise zog er an ihnen. Ein rasselndes Geräusch ertönte, doch mehr geschah nicht. Irgendwie war es den Menschen gelungen, den Mutanten mit Hilfe ihrer Technologie und Errungenschaften standzuhalten. Aus eigener Kraft würde er nicht freikommen.

Also konnte er nur eines tun: Warten. Er war sich nicht nur sicher, er wusste, dass Offizier Preston zurückkommen würde. Die Dauer seines Fernbleibens spielte dabei keinerlei Rolle. Er würde kommen. Da bestand gar kein Zweifel. Spätestens, wenn er entschieden hatte, dass ein anderer Mutant seine Aufmerksamkeit verdiente.

An Flavio verschwendete er keinen einzigen Gedanken. Weshalb auch? Alles, was Kieran mit ihm verbunden hatte, waren Gefühle der Freundschaft. Diese jedoch besaß Neununddreißig nicht. Und da Flavio ihm auch in keiner Weise nützlich sein könnte, war er unwichtig.

Neununddreißig interessierte sich allein für seine Freiheit. Hatte er schon immer. Die Freiheit stand für ihn an erster Stelle und das würde sich niemals ändern. Selbst dann nicht, wenn die Welt es tat. 

Entstehungsgeschichte einer BestieGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt