Blitzschnell stand ich auf. Ryker ebenso. Doch anstatt zurückzuweichen, wie ich es erwartet hatte, stellte er sich neben mich, legte seinen Arm um mich und zog mich dicht an sich, seinen Blick auf meine Mutter gerichtet. Überrascht blickte ich in seine Augen, die so dunkel vor Wut und Kälte waren, dass ich ihn im ersten Moment nicht richtig erkannte. Ryker sah aus als wollte er jeden Moment auf sie losgehen. Sein ganzer Körper neben mir war angespannt, sein Arm war so fest um mich geschlungen als könnte er somit verhindern, dass mich ihm jemand wegnahm. Ich schob es auf den Wolf in ihm, der nach dem Kuss vermutlich mehr wollte. Der mich nicht mehr hergeben wollte. Meine Mutter sah zwischen Ryker und mir hin und her, missbilligend den Mund verzogen, die Augen zu Schlitzen geformt.
»Ich widerhole meine Frage nochmal. Was. Soll. Das. Hier?«, sie bemühte sich einen ruhigen Ton anzuschlagen, scheiterte aber gewaltig. Ihre Stimme war rau und gepresst. Wütend. Die Wut in ihren Augen wich aber einer kleinen Spur Angst, als sie Ryker und mich so betrachtete. Mein Vater räusperte sich und rang sich ein Lächeln ab. »Sie ist 24 Jahre alt. Sie darf ja wohl einen Mann mit nach Hause bringen.« Wie ein Wirbelwind wirbelte meine Mutter zu ihm herum und funkelte ihn wütend an. Ein Beben ging durch ihren Körper. Ein Beben, das ich nicht ganz deuten konnte, da es keinen Sinn ergab. Dieses Beben schien ein Zittern der Angst zu sein. Ihre Angst verstand ich allerdings nicht. Ryker würde nicht auf sie losgehen. Oder doch?
»Ich darf mich ja wohl mit Ryker treffen, Mutter. Schließlich ist es mein Leben und nicht deins. Ich mag Ryker und werde nicht aufhören mich mit ihm zu treffen, nur weil du das gerne so hättest«, erwiderte ich und unterdrückte das Zittern, dass sich in meine Stimme schleichen wollte. Ich war 24 Jahre alt. Es wurde Zeit es ihr auch endlich so beizubringen. Es war Zeit ihr zu zeigen, wozu ich das Recht in dieser Familie hatte. Dennoch erstaunte es mich, dass Ryker keine Angst mehr zu haben schien. Am Anfang hatte er sich wegen meiner Mutter von mir fernhalten wollen, jetzt machte er seinen Standpunkt klar und deutlich.
»Ich werde mich nicht von ihrer Tochter fernhalten. Nichts auf der Welt kann mich von ihr trennen. Und selbst wenn werde ich immer und immer wieder einen Weg finden, zu ihr zurückzukommen.« Seine Worte waren so ruhig und bestimmt ausgesprochen, dass meine Mutter sich zu ihm drehte und blinzelte. Er war die Ruhe selbst, obwohl in seinen Augen ein Sturm an Wut tobte. Seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt und es schien so, als würde er bei dem nächsten falschen Wort aus ihrem Mund auf sie losgehen. Als würde er sich in einen Werwolf verwandeln und ihr den Kopf abreißen. Ehe meine Mutter etwas sagen konnte erwiderte mein Vater bereits: »Wenn sie Gefährten sind sollten wir es nicht machen. Er wird sie immer wieder finden und sie wird ihn immer wieder finden. Wir sollten der Liebe nicht immer im Weg stehen.« Er sprach es mit so viel Nachdruck aus, dass ich mich fragte, warum er das tat.
In seinen Worten schien eine geheime Botschaft zu stecken, die ich nicht erkannte. Eine Botschaft, die meine Mutter aber zu verstehen schien, denn sie zuckte zusammen und sah meinen Vater an. Dann glitt ihr Blick zu Ryker und mir. Lange sah sie zwischen uns beiden hin und her und schien zu versuchen sich zu beruhigen. »Du kannst es nicht aufhalten, Mum. Ich werde immer bei ihm sein wollen und er wird immer bei mir sein wollen. Du kannst nichts dagegen tun.« Das die Worte überhaupt aus meinem Mund gekommen waren, wunderte mich. Im ersten Moment sah es so aus, als wolle sie lachen und mir widersprechen, doch dann wurde ihr Blick trauriger und sie sah zu Ryker, der mich fester an seine Seite zog.
Immer dichter und dichter wurde ich an seinen Körper gepresst. So stark, dass ich seine Muskeln exakt spüren konnte. So sehr, dass seine Körperwärme sich auf mich übertrug und die Kälte aus meinen Gliedern vertrieb, der der Blick meiner Mutter dort hinterließ. Wütend sah sie zu Ryker, der nicht einmal zusammenzuckte. Er machte klar, dass er sich nicht bewegen würde. Er machte klar, dass er sich nicht rühren würde. Er stellte klar, dass er nichts auf der Welt uns trennen konnte. Sein Verhalten war so ganz anders, als ich es erwartet hatte. So ganz anders einfach. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er ängstlich sein würde, so wie er am Anfang sich von mir zurückgezogen hatte, aus Angst vor den Taten meiner Mutter. Doch er tat genau das Gegenteil. Er stand neben mir, den Kopf hocherhoben, den Blick fest auf sie gerichtet. Stumm schienen die beiden einen Kampf auszutragen. Ihre Blicke schienen all das zu sagen, was sie nicht aussprachen. Ich wusste nicht, über was sie da sprachen. Ich wusste nicht, was in Ryker oder meiner Mutter vorging. Ich wusste nur, dass es zu wirken schien. Der Blick meiner Mutter wurde immer unsicherer und schließlich seufzte sie. Dann glitt ihr Blick zu mir.
»Ich schätze man kann wirklich nicht aufhalten, was zusammengehört. Zwar frage ich mich, was du mit ihm möchtest, aber in Ordnung. Zwar bin ich nicht wirklich einverstanden, aber ich schätze, ich werde eines Tages keine andere Wahl mehr haben... Jedenfalls wurde mir das in den letzten Tagen immer klarer. Eines Tages wirst du nicht mehr hier wohnen. Du wirst frei sein. Frei von all dem und du wirst ohne mich zurechtkommen. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen.« Meine Mutter rang sich ein Lächeln ab. Im ersten Moment war ich mir nicht sicher, ob sie das überhaupt gesagt hatte. Ich wusste nicht, ob das hier wirklich wahr war. Ich blinzelte einmal. Zweimal, dann dreimal und sah dann zu Ryker. Auf seinen Lippen lag kein Lächeln, doch er wirkte entspannter als noch vor ein paar Sekunden.
Mein Vater lächelte und legte meiner Mutter eine Hand auf die Schulter. »Sie ist schon lange erwachsen. Es wird Zeit, dass wir sie auch so leben lassen.« Seine Worte drangen in mein Innerstes und wärmten mich von innen heraus. Ryker neben mir entspannte sich und ließ sofort etwas lockerer, als würde er spüren, dass auch ich mich entspannte. Es war ein Wunder, dass er noch keine Kopfschmerzen hatte. Meine Mutter hatte ziemlich laut gesprochen und das schon für menschliche Verhältnisse. Ich wollte nicht wissen, wie sehr in seinen Ohren klingelte. »Ja, aber das ist gar nicht so leicht, Wolf. Schließlich ist sie mein Baby.« Ihre Stimme zitterte und ich glaubte Tränen in ihren Augen glitzern zu sehen. Schnell blinzelte sie, um sie zurückzuhalten. Die typische Geste meiner Mutter. Sie war keine Frau der Emotionen. Sie zeigte sie nicht gerne.
Stattdessen schrie sie lieber herum oder wurde wütend. Aber Emotionen wie Trauer oder Freude sah man bei ihr selten. Genauso wenig wie Liebe. Nur wenn man sie gut kannte, erkannte man ihre Emotionen. So wie ich in diesem Moment. Mir war vollkommen klar, dass es ihr schwerfiel mich gehen zu lassen, doch das durfte sie nicht an Ryker oder mir auslassen. Wir gehörten zusammen und daran würde sie nichts ändern können. Niemals. Ihr Blick glitt wieder zu Ryker. Stumm schien sie ihm etwas zu sagen. Was es auch war, Ryker nickte und sah dann zu mir. Die Wärme, die ich vorher in seinem Blick vermisst hatte, schlug mir jetzt kräftig entgegen und sorgte dafür, dass ein Kribbeln durch meinen Körper jagte und mir Hitze in die Wangen schoss. Wie von selbst glitt mein Blick zu seinen Lippen. Die Lippen, die vor ein paar Minuten noch auf meinen gelegen hatte und in der Tat so weich war, wie sie aussahen.
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Caged Hearts ✔
WerewolfSeit ihrem Unfall fühlt Lani sich verloren. Ihr Herz fühlt sich seltsam leer und eingespeert. Nur weiß sie nicht warum. Es ist als würde ihr etwas fehlen. Und ihre Mutter macht ihr Leben nicht besser, in dem sie sie fast zu Hause einsperrt. Auf der...
