Carpe Diem

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Damiano hetzte den Flur entlang. Erst rauf, dann wieder runter und schließlich die Treppe rauf. In seinem Kopf waren all die Dinge, die bis zum nächsten Auftritt erledigt sein mussten. Soundcheck. Fünf neue Songs. Garderobe. 498 Kilometer im Tourbus. Bühnenaufbau. Probe. Und das alles in drei Tagen. Und egal wo er sich aufhielt. Ihm fielen keine neuen Songs ein. Weder auf dem Balkon noch.

„Jo, Dam, kommst du mit zum Strand?"

„Nein", entgegnete er gereizt. Im Nachhinein tat es ihm bereits seine Bandmitglieder so anzugehen. Aber er brachte es auch nicht über sich, sich zu entschuldigen. Bevor er etwas sagen konnte, knallte die Tür zu. Er tigerte erneut in seinem Zimmer auf und ab und versucht sich zu konzentrieren. Seine Gedanken auf eine bestimmte Kleinigkeit zu konzentrieren.

Die Minuten, Stunden verstrichen. Bis dahin hatte er mit dem Manager telefoniert, mit der Stylistin, seine Sachen gepackt und noch keine einzige Songzeile geschrieben.

„Fuck", stieß er wütend aus und schleuderte sein Songtextbuch gegen die nächste Wand. Seine Faust schlug aufgebracht gegen die Wand hinter ihm. Als er zum zweiten Schlag ansetzte, wurde die Tür aufgerissen und er starrte in die blauen Augen seiner Bandkollegin. „Verschwinde, Vic."

Ein sarkastisches Lachen erklang aus ihrer Kehle, ehe sie ihn bei der Hand nahm und entgegen seines Protestes die Treppe hinunterzerrte. „Ich muss noch so viel erledigen! Und Songs schreiben!"

„Ach echt. Das ist mir neu, Damiano."

Die Ironie in ihrer Stimme brachte ihn nur mehr zum brodeln und er biss die Zähne aufeinander, um nicht ungewollt etwas zu sagen, was er später bereuen würde.

„Carpe Diem, Dam."

„No Carpe Diam", fauchte er und entriss ihr seinen Arm. So wie man Victoria kannte, würde sie nicht so schnell locker lassen und aufgeben, immerhin besaß sie denselben Dickschädel wie Damiano.

Bestimmend verpasste sie ihm einen Stoß gegen die Schulterblätter. „Setz dich in den Van!"

„No!"

„Ma!"

„Vic!" Damianos Augenbrauen zogen sich wütend zusammen und verliehen seinem sonst sympathischen Aussehen eine düstere Aura. „Vai", forderte sie erneut und schob ihn sanft aus der Tür hinaus. Mit einem frustrierten Seufzen gab er schließlich nach und ging zu dem Van, ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

„Besser es ist gut."

„Ist es." Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein strahlendes Lächeln ab, welches auf ihn aufmunterte. „Wo gehts hin?"

„Nach Malina an den Strand."

„Victoria...", murmelte er und ließ seinen Kopf gegen die Kopfstütze fallen. „Wer schreibt die Songs, wer ruft den Manager an, klärt alles mit Stylisten und Bühnenaufbauern und bucht die Räumlichkeiten? Ich echt nicht auf Spaß."

„Grazia mille fürs Ausreden... wir wissen, dass du viel um die Ohren hast. Aber Anrufe erledigen können wir auch tun und dann hast du nur noch die Songs. Du brauchst jetzt einen Carpe Diem Tag und wir helfen dir dabei. Da kommen die besten Songideen."

Ausnahmsweise blieb er stumm und beobachtete nur die italienische Landschaft, welche am Van vorbeizog. Eine Allee voller Palmen, bis sie auf einer Seite am Meer entlangführte. Victoria fuhr sie bis zum Ende und parkte den Van dort.

Damiano streifte sich bereits im Van das Shirt vom Kopf und ließ auch Schuhe und Socken dort. Schließlich war im Kofferraum ein Sack voll Ersatzklamotten und Handtücher.

„Ey, Dam. Was ist mit Niente da dire?"

Er hob eine Augenbraue und hielt vor der Mauer inne. Vor ihm erstreckte sich eine lange Landzunge, mit riesigen Felsen. Rundherum war nur Meer. Aber genau das war das Verlockendste an dem Platz. Die Ruhe und das sie nur unter sich waren.

Langsam drehte er sich zu ihr herum. „Ich hab nie gesagt, dass du nichts zu sagen hast..."

„Nicht wörtlich, aber damit das du alle Aufgaben an dich reißt, schon irgendwie."

„Scusa... Deal: Ich gebe Aufgaben ab und du lehrst mich in Carpe Diem."

„Lehren? Das ist praktisch nur chillen." Damiano lächelte. Er boxte ihr gegen die Schulter, ehe er elegant auf die rutschigen Felsen sprang und nach vorne zu Ethan und Thomas balanciert. Beide grinsten ihn dümmlich an, ehe sie wieder in ein Gespräch über irgendwelche Star-Wars-Figuren versanken.

Er setzte sich und machte sich lang. Mit einem Arm schirmte er sein Gesicht von der Sonne ab und schloss die Augen.

Umgeben von seinen Bandkollegen und besten Freunden konnte er endlich richtig abschalten und sich entspannen. Selbst als es sich ein blonder, nasser Haarschopf auf seiner Brust bequem machte, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Was haltet ihr von: Vengo dalla luna?"

„Ich bin vom Mond? Klingt außerirdisch", murmelte Victoria auf seiner Brust.

„Das ist kreativer Mist", warf Thomas ein. Seine Ausdrucksweise für, absolut genial.

„Seltsam... aber passt zu uns", murmelte Ethan. Seine langen schwarzen Haare reichten ihm beinahe bis zum Po. Es war ihm ein Rätsel, wie er nicht schwitzen konnte.

„Carpe Diem und Ideen für Songs sammeln", sagte Victoria. „Und jetzt gehen wir ins Meer!"

Ehe Damiano irgendetwas erwidern konnte, wurde er auf die Beine gezogen und an den Rand der Landzunge gescheucht. Ihnen war diese Ecke des Strandes so vertraut wie ein zweites Zuhause, da sie bereits in der Jugend oft hier abhingen.

„Untersteh dich, mich rein zu schubsen", schimpfte er, als sie ihm einen kräftigen Schubs verpasste und in das Meer fiel. Eine angenehme Kühle schloss sich um seinen Körper, die im Vergleich zu der schwülen Hitze heute, sehr angenehm war. 

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