Hören oder Verstehen

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Die Begegnung mit A... dem Jungen ist jetzt zwei Tage her. Ich habe ihn seit dem nicht gesehen. Hab auch nicht nach ihm Ausschau gehalten.

Es ist schon sehr seltsam gewesen, als ich mit 25 Minuten Verspätung in den Unterricht gekommen bin. Aber es ist wie gesagt nicht so, als würde das irgendwen interessieren. Der Lehrer, bei dem ich hatte, ist so blind, dass er vermutlich nicht mal mein Gesicht erkannt hat.

Da ich Situationen wie letztens vermeiden will, habe ich mir einen anderen Ort gesucht, wo ich meine Pausen verbringe. Im Selbstlernzentrum. Ein kleiner Raum, mit ein paar Bücherregalen mit Büchern von 1965, keine Fenster, einigen Tischen und zwei Stühlen. Ja, ganze zwei Stühle. Wobei, 'ganze' ist auch schon wieder übertrieben. Ein ausschlaggebender Punkt, warum hier niemand ist.

Zumindest habe ich meine Ruhe. Ich habe bisher noch nie daran gedacht, dass ich dafür wirklich aktiv etwas tun müsste. Ich hasse es. Aus meinem Rucksack hole ich eine Essensbox und stelle sie auf den Tisch. Danach stehe ich auf und greife mir das erst beste Buch aus dem Regal.

"Im Westen nichts neues, huh?" lese ich murmelnd den Titel vor und setze mich wieder.

Von Erich Maria Remarque. Ein sehr geschlechtsneutraler Name. Respekt an die Eltern. Ich schlage das Buch auf und fange an das kalte Putengeschnetzelte mit Reis zu essen. Ich verlasse das Haus morgens so schnell, dass ich nicht zum Frühstücken komme. Deswegen packe ich abends immer etwas von dem Mittagessen ein, was mich den Tag überstehen lässt.

Daraus werden ab jetzt meine Pausen bestehen. Essen und uralte Bücher lesen. Das hört sich für normal lebende Menschen vermutlich komisch an, aber aus meiner Sicht, ist es das sinnvollste was ich machen kann. Hier stehen einige Bücher, von denen Leute aus der Generation unserer Eltern und Großeltern sagen würden, dass das Klassiker sind, die man gelesen haben muss.

Krieg und Frieden, Die Liebe in der Zeit der Cholera, der große Gatsby, Ilias Odyssee, Faust, Moby Dick. Weltliteratur. Und ein Großteil befindet sich hier. Zusammen mit Atlanten, in denen es die DDR noch gibt.

Welcher junge Mensch, der theoretisch etwas tun kann, was mehr Spaß macht, entscheidet sich dazu so ein Buch zu lesen? Nun, das kann ich nicht beantworten, da ich kaum mit jungen Menschen spreche, aber es sind garantiert wenige.

"Hätte nicht gedacht, dass du so was ließt."

Ich atme genervt aus, schlage das Buch zu und werfe meinen Löffel ins Essen. Wieso ist der hier? Ich will Ruhe. Ist das so schwer?

Mein Mund öffnet sich, aber mein Kopf ist schneller und entscheidet nichts zu sagen. Einfach seine Existenz ignorieren, dann geht er. Bestimmt.

"Das ist jetzt die Stelle, wo du fragst: Wieso? Und ich antworte: Weil du dich für das Leid anderer wenig zu interessieren scheinst. Worauf du wieder sagst:-"

"Wenn es dir bewusst ist, dass ich mich für andere nicht interessiere, wieso fängst du dann dieses Gespräch an?" unterbreche ich ihn, bemüht meinen Ton neutral zu halten.

"Genau das sagst du dann, ich sehe du verstehst."

Was ist nur los mit diesem Jungen? Vor zwei Tagen wirkte er wie ein typischer, pubertärer Rebell, der sich mit alles und jedem anlegt und sich einen Dreck um Regeln oder Schule kehrt. Jetzt ist er ja fast... normal.

"Was machst du hier?"

Direkt danach verfluche ich mich innerlich, jetzt habe ich diese Konversation vorangetrieben. Hervorragend. Ich verschränke die Arme und trommle mit meinen Fingern auf meinem Oberarm herum

"Tut mir wirklich Leid, aber ich komme schon seit der 7ten hier hin, damit hab ich das Älterenrecht."

Es wird immer besser. Wortlos packe ich mein Essen wieder ein und stelle das Buch zurück.

VermutlichWo Geschichten leben. Entdecke jetzt