Schlucken oder Sprechen

8 1 0
                                        

In der Mitte von Eine neuen Hoffnung fragt Adrian nach etwas zu trinken. Für etwa 10 Sekunden vergesse ich, das meine Mutter im Haus ist. Aber da stehen wir ihr in der Küche gegenüber. Gottverdammt.

„Guten Tag, Frau Kiel." grüßt Adrian höflich.

Wer wäre meine Mutter ihre Fassade fallen zu lassen? Nach der Millisekunde in der Verwirrung in ihrem Gesicht zu sehen ist, setzt sie ein breites Lächeln auf.

„Adrian, richtig? Was macht dein Arm? Es ist so schade, dass wir uns noch nicht unterhalten haben. Es ist ewig her, dass Jenny Freunde mit nach Hause gebracht hat." meint sie lächelnd und nimmt die Milch aus dem Kühlschrank, als sie sieht, dass ich zwei Gläser aus dem Schrank hole.

Schade, ja und beabsichtigt. Ich nehme die Milch entgegen und sehe Adrian fragend an. Er zuckt mit den Schultern. Milch für ihn dann. Ich trinke Zuhause fast nur Milch. Das einzige Lebensmittel, dass immer vorrätig ist.

„Mein Arm heilt, langsam aber sicher. Danke der Nachfrage."

Adrian schaut betont überall in der Küche herum, wenigstens ist ihm das hier genau so unangenehm wir mir. Ich will wieder gehen, da sieht er die einzigen verdammten Familienfotos, die in diesem Haus hängen. Diese einzige Collage, die über dem Küchentisch hängt.

Auf keinem bin ich älter als 7. Danach war anscheinend das magische Alter erreicht, an dem solche Sachen nicht mehr gemacht werden.

„Gott bewahre, es gab Zeiten wo du gelächelt hast? Das Foto ist digital bearbeitet, gib es zu." scherzt er und trinkt seine Milch.

Er meint eines der Bilder in der Mitte, wo ich auf dem Fahrrad bin, allerdings fahre ich nur auf dem Hinterrad. Wie gesagt, Zeiten in denen ich noch Hobbys hatte.

Meine Mutter kichert und ich schiebe ihn aus der Küche zurück in mein Zimmer. Sobald die Tür zu ist fällt sein grinsen. Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen zusammen.

„Auf einem der Bilder hält deine Mutter ein Baby und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie in einem Krankenhausbett gewesen ist." sagt er mit belegter Stimme und sieht mich direkt an.

Mit der Erkenntnis was er meint kommt ein stichartiger Schmerz in meinem Oberkörper. Dieses verdammte Bild.

„Du meintest doch du wärst adoptiert." ergänzt er und stellt die Milch weg, um die Arme vor der Brust zu verschränken.

Gefühlt arbeitet mein Kopf auf dreifacher Geschwindigkeit, trotzdem formt sich kein einziger Satz in meinem Kopf.

Es hatte Gründe, dass ich ihn nie hier hin lassen wollte. Ihn einzuladen war die falsche Entscheidung. Gottverdammt. Ich hätte meine Lügen besser im Blick haben sollen. Warum habe ich überhaupt gelogen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich wollte ihn dazu kriegen etwas über sich zu erzählen.

„Außerdem hast du gesagt du würdest nicht lügen."

Ja, aber das war gelogen. Ich merke, dass ich seinem Blick ausweiche, daher zwinge ich mich dazu ihm direkt in die Augen zu sehen.

„Es ist die Wahrheit... von einem bestimmten Standpunkt aus." gebe ich zurück und beschäftige mich mit milchtrinken.

„Hör auf damit. Warum würde man über so etwas lügen? Viel wichtiger, ist irgendwas von dem was du mir über dich erzählt hast wahr gewesen? Wenn du über sowas gelogen hast, worüber noch?" will er wissen und ist sichtlich bemüht seine Stimme nicht zu laut werden zu lassen.

Als ich nicht antworte, fährt er sich gestresst durch die Haare.

„Weißt du, ich erkenne ein Muster. Du hast mir nie etwas erzählt, nur wenn es nicht anders ging. Der einzige Grund aus dem ich wusste, dass du Nintendospiele magst war, weil wir in diesen verdammten Fluss gefallen sind. Du hast nie vorgehabt mich in dein Haus zu lassen, musstest es aber, weil ich einen Breakdown hatte.

VermutlichWo Geschichten leben. Entdecke jetzt