Es ist 17:34 Uhr als es an meiner Tür klingelt. Zu spät für einen Postboten. Meine Eltern sind nicht da und würden nicht klingeln. Ich stehe nicht auf um die Tür zu öffnen.
Beim zweiten Klingeln vergrabe ich meinen Kopf unter meinem Kissen. Geh weg.
„Jesus Christus, wer will denn jetzt was?" schimpfe ich nach dem dritten Mal.
Mies gelaunt reiße ich die Tür auf und mir schlägt eisige Lust entgegen. Es hat über Nacht geschneit. Zentimeterdicker Schnee liegt auf dem Boden und auf den Straßen. Salzstreuer fahren hier nicht lang.
Wie auch immer, Adrian steht vor der Tür. Das habe ich nicht kommen sehen.
„Kann ich dir helfen?" frage ich mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Wir haben zwei Wochen nicht gesprochen, aber jetzt steht er plötzlich hier. Rot im Gesicht, mit einem Geschenk unter dem Arm und den Händen in den Taschen.
„Hey." meint er nur.
„Ich hab nicht damit gerechnet, dass du kommen würdest."
Er gibt mir ein müdes Lächeln. Meine Mundwinkel zucken. Es sollte mich nicht so freuen ihn zu sehen.
„Ja, ich dachte, dass wenn ich noch länger warte wir vielleicht nie wieder miteinander reden. Wenn man bedenkt wie deine Familie sonst Konflikte löst."
Würde ein Psychologe jetzt in seine Doktorarbeit beißen, weil er mit seinem Nachgeben meine disfunktionalen Konfliktbewältigungsmethoden bekräftigt?
„Du hast bei solchen Dingen halt Geduld. Geduld darauf zu warten, dass alles irgendwann wieder gut wird. Fast schon beneidenswert." meint er weiter.
Ein Kompliment? Naja, fast. Er scheint eine schlechte Phase durchzumachen. Also noch schlechter als sonst. Sollte ich ihn bitten rein zu kommen? Oder mit ihm raus gehen?
„Einige würden es als toxisch bezeichnen."
Lisa, zum Beispiel.
„Trotzdem sind wir Freunde."
Tatsächlich? Ich reibe mir mit einer Hand über den Mund, um das dämliche Schmunzeln los zu werden.
„Komm rein."
Darauf hin macht er einen Schritt zurück. Alles klar.
„Ne, sorry. Ich muss noch wo anders vorbei. Vielleicht nächstes Mal."
Ich zucke mit den Schultern. Wo er andauernd hingeht weiß ich immer noch nicht. Ich wage es allerdings nicht zu fragen. Seltsames Gefühl. Er hält mir das Geschenk hin.
„Nicht vor Weihnachten öffnen, hörst du?" tadelt er scherzhaft.
Plötzlich fühle ich mich furchtbar, lasse es mir aber nicht anmerken. Stattdessen nicke ich, greife das Geschenk und erwidere sein Winken. Dann dreht er sich auf den Hacken um und geht. Seufzend schließe ich die Tür. Das Geschenk ist in ein lächerlich buntes Geschenkpapier eingewickelt. Ich verstecke es unter meinem Bett und gehe wider dazu über die Decke anzustarren.
-
Nach etwa einer Stunde halte ich es nicht mehr aus. Das Geschenk unter dem Bett brennt mir ein Loch durch den Rücken. In den letzten Jahren habe ich immer das bekommen, was ich mir gewünscht habe. Da war kein Rätseln, keine Ungewissheit, keine Vorfreude.
Dass es mir mal an Selbstbeherrschung mangeln würde. Adrian kann stolz auf sich sein. Ich rolle von meinem Bett und ziehe das rechteckige Paket wieder hervor. Ohne weiter groß darüber nachzudenken ziehe ich an der Schleife und reiße achtlos das Papier auf. In einer ähnlich lächerlichen Box befindet sich eine Sammlung aller Harry Potter Filme.
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Vermutlich
Novela JuvenilJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
